Ein Blick in die Schalker Fanseele

Ich liebe Dich, Du Arschloch!

Haarscharf an der Sensation in Madrid vorbeigeschrammt. Wie fühlt man sich da als Fan des FC Schalke am Tag eins nach Bernabeu? Steigen wir hinab in die Tiefen einer zerrissenen Seele.

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Fußball, Du bist ein Arschloch. Eine Drecksau. Ein Schwein. Und noch was: Du stinkst. Und zwar gewaltig. Nach Selbstgefälligkeit. Nach Hochglanzpolitur. Bäh. Und ja, ich hasse Dich. Ich recke dir den Mittelfinger entgegen. Und die rausgestreckte Zunge. Für ein halbvolles Bernabeu im Champions-League-Achtelfinale. Für den Auftritt von Real Madrid, diesen Haufen aufgeplusterter Geldsäcke, die übers Feld stolzieren wie ein Rudel rolliger Kater. Geil auf sich selbst. Und die dafür auch noch belohnt werden. Ich hasse Dich für das Brimborium, das um Dich gemacht wird. Für Expertenrunden. Für Blitzanalysen. Für leere Schlagzeilen über Betonfußball. Über den Problem-Prince. Ich würde mich gerne einfach umdrehen und gehen. Für immer. Zum Voltigieren. Oder meinetwegen auch zum Eishockey.

Zehn Zentimenter haben gefehlt

Aber weißt Du was, Fußball? Ich kann nicht. Und noch schlimmer: All das stimmt überhaupt nicht. Denn wie kann man Dich nach einem Abend wie gestern nicht lieben? Für dieses Fußballdrama auf der großen Bühne. Dafür, dass man als Schalke-Fan an der Sensation schnuppern durfte. Dass man waschechte BVB-Fans dabei beobachten konnte, wie sie Piroutten der Aufregung drehten, weil Klaas-Jan Huntelaar mal wieder nur die Latte traf. Weil Benedikt Höwedes in der 90. Minute an Iker Casillas scheiterte. Weil zehn Zentimeter gefehlt haben für einen Diver auf dem Wohnzimmertisch. Man muss Dich lieben, weil man als Schalker heute mit breiter Brust über den Büroflur marschieren darf. Sich die Schulter wundklopfen lässt. Weil man ein bisschen stolz sein darf auf seinen Verein. Wenigstens einen Tag.

Hover-Boards unter den Töppen

Stolz auf Christian Fuchs, der schon so viele Leistungstäler durchlaufen hat, dass seine Fußballschuhe Blasen haben müssten und plötzlich gegen Real Madrid ein Tor schießt und zwei weitere entscheidend einleitet. Auf Leroy Sané (19), der durch das Bernaubeu schwebte, als habe er Hover-Boards unter seine Töppen geschnallt. Auf Timon Wellenreuther (20), der zwar in jedem Spiel seinen Fehler macht, aber trotzdem aufsteht und weitermacht, als wäre nichts gewesen. Auf Leon Goretzka (20), der nach neun Monaten Leidenszeit wieder auf die Bühne trat und erstmal Luca Modric und Toni Kroos abkochte. Auf Tranquillo Barnetta, der so weg vom Fenster war, dass man es schon vor lauter Scham zumauern wollte, um nicht an ihn erinnert zu werden. Der für einen Abend Schalke verkörperte, als hätte er königsblaues Blut in den Adern. Und der ackerte bis zum Umfallen. Gegen Ronaldo. Gegen die Ungerechtigkeit.

Kein Verein für Gewinner

Danke Fußball, dass Du allen Ungläubigen mal wieder gezeigt hast, wie großartig es sein kann, Fan des FC Schalke 04 zu sein. Weil man niemals euphorisch die Arme in die Luft reißen darf, weil einem dann ein Cristiano Ronaldo in die Eier haut. Mit dem Kopf. Zwei Mal. Ansatzlos. Weil Du gezeigt hast, dass Schalke nun mal kein Verein für Menschen ist, die es gerne leicht haben, sondern für Menschen, die das Leben mit all seinen Facetten lieben. Die Zungenküsse und die Arschtritte. Nein, Schalke ist kein Verein für strahlende Gewinner, sondern für Menschen, denen das Scheitern in die Gene gelegt wurde. Und denen das scheißegal ist.

Fußball, nur Du machst einen dermaßen bescheuert, dass man nach einem bedeutungslosen Sieg an einem bedeutungslosen Abend gegen ein bis zu Unkenntlichkeit verunstaltetes Real Madrid ernsthaft glaubt, einem gehöre die Welt.

Zumindest bis Samstag. Dann spielt Schalke in Berlin. Und wenn es schlecht läuft, bin ich der Erste, der dir den Mittelfinger entgegenreckt. Weil ich Dich hasse. Weil ich Dich liebe.

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