25.10.2013

Ein Bild und seine Geschichte: Der BVB-Fan vor der S04-Laube

Warten auf U.

Seit Jahren fragen wir uns: Warum teilt sich ein BVB-Fan eine Laube mit einem Schalke-Anhänger? Zu welchem Anlass entstand dieses Bild? Wer ist dieser Mann? Wir haben uns auf die Suche gemacht.

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imago

Es gibt Fragen im Fußball, die Fans über Jahrzehnte  beschäftigen. Warum blies Alfons Berg aus Konz im entscheidenden Moment nicht in seine Pfeife? Weshalb durfte Martin Max kein zweites Länderspiel machen? Und welche Wette hatte Stefan Effenberg verloren, als er sich einen Tiger ins Haupthaar färben ließ?
 
Eines der größten Rätsel, das die 11FREUNDE-Redaktion quält, basiert indes auf einer schnöden Fotografie. Sie zeigt einen Mann, der eine BVB-Fahne in der Hand hält und vor einer Gartenlaube sitzt, auf deren Fassade die Wappen von Schalke 04 und Borussia Dortmund prangen.
 
Das Foto ist uns bekannt, seit wir das erste Mal die Begriffe »Revierderby« und »Fans« in das Suchfeld unserer Bilderdatenbank eingegeben haben. Das Foto gefiel uns sehr, und wann immer es bei 11FREUNDE um das Revierderby und Fans ging, veröffentlichten wir es. Es ist ein Revierderby-Alltimer geworden. Manchmal erhielten wir Zuschriften, in den stand: »Wie kann man nur?« oder »Modefan!« Andere freuten sich: »Endlich mal einer, der die ganze Sache ein bisschen locker sieht!«
 
Als ich am Sonntagabend wieder einmal die Begriffe »Revierderby« und »Fans« in das Suchfeld tippte, fragte ich mich: Wer ist dieser Mann eigentlich? Gehörte ihm diese Laube tatsächlich? Musste er sich diese einst mit einem Schalke-Fan teilen oder war er gar Anhänger beider Teams? Ich dachte, es wäre eine gute Idee, ihn diese Dinge mal zu fragen.

Onkel Willi aus Gelsenkirchen?
 
Die Spurensuche begann am Montagmorgen bei Kai Senf. Der Mann ist nicht nur 11FREUNDE-Fotoredakteur, sondern auch Fan von Borussia Dortmund. Er sagte: »Der Typ sieht aus wie mein Onkel Willi aus Gelsenkirchen.« Und weil ich sehr erwartungsvoll aussah, weil ich glaubte, dass ein Interview mit Onkel Willi aus Gelsenkirchen, der sowohl Schalke- als auch Dortmund-Fan ist und eine seltsame Laube besitzt, interessant sein könnte, fügte Senf rasch hinzu: »Ist er aber nicht!«
 
Danach warf der Fotochef einen fachmännischen Blick auf einen dreizeiligen Informationstext, der sich unterhalb des Fotos befindet. Er las vor: »Udo U., BVB Fanoriginal, vor seiner Laube. Datum: 12.04.1998.« Ich googelte also den Namen Udo U. und erhielt als Topergebnis den Link zu einem Buch eines Schriftstellers, der 1899 gestorben ist und zu einem Großhandel für Tiernahrung. Ich rief an, doch der Mitarbeiter Udo U. sagte, er sei aus Bad Bevesen und interessiere nicht für Fußball. Er möge Reptilien. Schlangen. Eidechsen. Frösche. So was halt.
 
Es drängte sich die Frage auf: Hieß der Mann überhaupt Udo U.? War der Mann vielleicht ein gecastetes Model und der in der Bildinformation angegebene Name »Udo U.« ein Pseudonym, eine Art Max Mustermann der Stock-Fotografie-Welt?
 
Ich rief bei der Bild-Agentur an, in der Hoffnung, dass sie weitere Informationen zu dem Foto habe. »Nein, leider nicht«, sagte der freundliche Mitarbeiter am Telefon. Und: »Ja, das ist wirklich Udo U.« Schließlich erklärte er noch, dass das Datum unter dem Bild – der 12. April 1998 – den Zeitpunkt der Aufnahme anzeigt, was die ganze Sache noch komplizierter machte, denn ich war davon ausgegangen, dass die Fotosession kurz vor einem Revierderby stattgefunden hatte. Die Teams hatten aber das Rückspiel der Saison 1997/98 bereits am 20. Spieltag, im Dezember 1997, ausgetragen.
 
Immerhin erhielt ich die E-Mail-Adresse des Fotografen, und so schrieb ihm. Außerdem kontaktierte ich noch einige ältere BVB-Anhänger und die Fanbeauftragten des Vereins. Irgendjemand musste doch wissen, wer dieses »BVB-Fanoriginal« ist.

»Pardon, was möchten Sie?«
 
Einige Tage vergingen, und ich wagte gelegentlich neue Versuche bei Google. Einmal stieß ich auf Seite 28 auf einen Mann namens U. von U., wohnhaft in einer hessischen Kleinstadt. Ich rief an. Das Gespräch verlief alles andere als zufriedenstellend. Am Ende der Leitung meldete sich eine Dame, die sagte: »Von U.«, und ich sagte: »Guten Tag! Wir sind auf der Suche nach einem BVB-Fan, der vor einer Gartenlaube sitzt, die sowohl das Wappen von Borussia Dortmund als auch vom FC Schalke 04 an der Fassade trägt.«
 
Frau von U. antwortete nicht.
 
»Hallo?«
 
Stille, dann ein Räuspern. Ich stellte mir in diesen Sekunden eine Gräfin vor, die diesen Anruf als besonderes Ärgernis verstand, weil sie just ihren Schimmel für einen Ausritt aufgesattelt und gezäumt hatte. »Pardon, was möchten Sie?« Ich wiederholte, dieses Mal ein wenig konkreter:
 
»Die Frage klingt vielleicht ein wenig seltsam. Die Sache ist nur: Uns liegt ein Bild vor, das ich ihnen gerne zeigen würde, wenn ich könnte, nur das geht ja am Telefon nicht. Also auf diesem Bild ist ein BVB-Fußballanhänger, ein sogenannter »Kultfan« zu sehen, der den Namen Udo U. trägt. So steht es jedenfalls in der Bildinfo. Sie sind doch Frau U., oder?«
 
Die Dame schien nicht sonderlich darüber erfreut, dass ihr Name mit Begriffen wie »Fußball«, »Fans« und »Kult«, aber vor allem ohne »von« inflationär Verwendung fand. Sie sagte: »Von U.!«, betonte dabei das »von« und zog die Vokale im Nachnamen in die Länge. Ein neuer Versuch. Knapp, präzise:
 
»Gibt es in Ihrer Familie eine Mann, dessen Name mit U beginnt?«
»Ja!«
»Heißt dieser Mann Udo?«
»Nein!«
»Sicher nicht?«
»Ja!«
»Können Sie noch einmal nachfragen?«
»Nein!«
»Wer heißt denn bei Ihnen U.?«
»Ulrich. Ulrich U.«
»Ihr Mann?«
»Nein.«
 
Dann legte sie auf und ritt auf ihrem Schimmel durch den Schlosspark oder an die Côte d'Azur.

 
 
 
 
 
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