Ein Besuch im Taktiklabor von Jürgen Klopp

Piranhas, Hyänen und Götze

Borussia Dortmund hat in der vergangenen Saison berauschenden Fußball geboten. Doch wie bereitet BVB-Trainer Jürgen Klopp seine Mannschaft eigentlich auf ein Spiel vor? Und was macht er anders als Jupp Heynckes? Wir haben ihn besucht. Ein Besuch im Taktiklabor von Jürgen Klopp11FREUNDE

Taktikbesprechung im BVB-Teamhotel »Lennhof« in Dortmund: Jürgen Klopp ist gut gelaunt. Er trägt T-Shirt, Jeans und Sneakers. Er wartet, bis endlich alle da sind. Im Saal sucht man vergebens nach Spielern wie Mario Götze, Mats Hummels oder Shinji Kagawa, sie sind noch auf Reisen mit der Nationalmannschaft. Stattdessen wird Klopp gleich vor Trainerkollegen der Amateurgilde sprechen. Für den abendlichen Taktik-Talk, vom Ausrüster Kappa ins Leben gerufen, hatten sich über hundert Amateurcoaches beworben. Zehn Gewinner sitzen dort nun händereibend, um in Kürze Tipps zur Spielvorbereitung, Taktik und Analyse verraten zu bekommen. Vom Meistertrainer persönlich. 

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Flipchart oder Powerpoint?

Als Uli Hoeneß jüngst mal wieder gegen Jürgen Klinsmann wetterte, weil dessen Methoden mit Powerpoint-Präsentationen während der Spielvorbereitung nicht den gewünschten Erfolg brachten und Jupp Heynckes ja schließlich nur einen Flipchart und fünf Eddingstifte brauche, wird der Dortmunder Trainer vermutlich süffisant gelächelt haben. Klopp hat ebenfalls einen Flipchart, daneben benutzt er aber auch eine Großleinwand mit einer Software, die sich »Swiss Timing tvPaint2go« nennt. »Das beste, was der Markt hergibt«, sagt Klopp. Mit dem System lassen sich in kürzester Zeit Spielszenen zusammenschneiden, so dass der Dortmunder Trainerstab sogar in der Lage ist, einzelne Szenen in der Halbzeitpause auf den Schirm zu werfen. »Wir machen das aber nur, wenn wir offensichtliche Fehler in der Defensive oder im Angriffspiel beobachtet haben«, sagt Klopp.  

Eine zentrale Rolle nimmt dabei ein Mann ein, den alle nur »Auge« nennen. Er heißt Peter Krawietz und schneidet aus den vergangenen drei Spielen des kommenden Gegners die entscheidenden Spielszenen zusammen. Drei bis vier Stunden benötigt er in etwa pro Partie. Die Schnipsel werden dann beschriftet und mit einem Klick wird die gewünschte Szene auf den Bildschirm geworfen. Krawietz sitzt mit seinem Laptop neben den Amateurtrainern am Tisch und exemplarisch stellen er und Klopp eine Spielvorbereitung des BVB nach. Auf der Leinwand läuft gerade ein Angriff. Klopp gestikuliert: »Es ist enorm wichtig, den Spielern mögliche Optionen aufzuzeigen, um die Verteidigung des Gegners zu knacken. Wenn ein Spieler vorher gesehen hat, dass sich in dieser Situation ein Diagonalpass auf Götze anbietet, kann er das im Spiel viel besser verinnerlichen.«  

Wie Piranhas, Hyänen und Haie

Der Abend ist eigentlich als Diskussionsrunde angekündigt worden, Fachsimpeleien sollen entstehen, Meinungen ausgetauscht werden. Die kommenden zwei Stunden wird Jürgen Klopp aber vornehmlich im Monolog führen. Er wird die Aspekte des Dortmunder Spiels erklären, er wird seine Idee vom Fußball präsentieren. Es gelingt ihm erstaunlich gut. Klopp redet schnell, er ist mit den Gedanken aber stets einen Schritt weiter als mit seinen Worten. Er spricht von Spielverlagerung, von zweiten Bällen und vehementem Gegenpressing. Er sagt, sein 4-2-3-1 System müsse im besten Fall so kompakt stehen, dass es von Lewandowski zu Hummels maximal 34 Schritte sind. Dann sei es für jede Mannschaft schwierig, diese Formation zu überwinden.

Immer, wenn man den Anschluss zu verlieren droht, baut der Trainer eine Metapher oder einen Gag ein. Dann ist von Abwehrspielern die Rede, die sich wahlweise wie Piranhas, Hyänen oder Haie auf ihre Gegenspieler stürzen. Nicht selten herrscht Gelächter im Raum. Man kann sich gut vorstellen, wie das auf seine Spieler wirkt. Jürgen Klopp ist Stratege und Motivator zugleich. In der Dortmunder Elf, so hat man den Eindruck, weiß jeder genau, was er zu tun hat. Es wird zumindest klar, dass beim hoch gelobten Dortmunder Fußball nichts zufällig passiert.

Die Spieler selbst dürfen sich bei der Besprechung der Taktik allerdings nicht beteiligen. »Wir machen uns darüber tagelang Gedanken. Wenn ein Spieler sich 20 Sekunden lang was überlegt hat und dann seinen Senf dazu geben würde, fände ich das schon ein bisschen dreist«, antwortet Jürgen Klopp einem Amateurkollegen, der die Demokratiefrage gestellt hat.

»Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert«

Gelegentlich überlässt Klopp dem Co-Trainer wieder das Wort. Krawietz spielt in der Videoanalyse dann tatsächlich eine Szene ein, bei der Mario Götze einen langen Diagonalball erhält. Der junge Nationalspieler setzt zum Dribbling an, kurz darauf fällt ein Tor für Borussia Dortmund. Klopp lehnt sich entspannt zurück und lächelt. Er erinnert in diesem Moment an Hannibal Smith, dem Anführer des A-Teams, der jede Folge mit dem Satz beendet: »Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.«  

Die anwesenden Trainer sind jedenfalls so schwer beeindruckt, dass es ihnen größtenteils die Sprache verschlagen hat. Dass sie beim kommenden Kick auf dem holprigen Aschenplatz weder die Software »tvPaint2go«, noch einen Spieler in den eigenen Reihen haben, der einen 50-Meter langen Diagonalpass in den Lauf spielen kann, ist in diesem Augenblick nebensächlich.

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