Dutts entspannter Ausflug, Solbakkens Schicksalsspiel

Doomsday am Rhein

Die Rolle des Krisentrainers hat die Rheinseite gewechselt. Robin Dutt darf mit Bayer Leverkusen heute entspannt einen Ausflug nach Barcelona machen, während sich Stale Solbakken mit dem 1.FC Köln auf ein Schicksalsspiel gegen Hertha vorbereitet. Dutts entspannter Ausflug, Solbakkens Schicksalsspiel

Vermutlich wäre Robin Dutt so viel Tourismus noch vor drei Wochen mit Schwung um die Ohren gehauen worden. Dass Bayer Leverkusen heute in Barcelona zum Rückspiel im Achtelfinale der Champions League  antritt und wie eine Gruppe aufgeregter Ausflügler in der großen weiten Fußballwelt wirkt, hätte dem Trainer bestenfalls Spott eingetragen. Sportlich ist nach der 1:3-Hinspielniederlage kaum noch was drin, also sind neben den Profis sind noch drei Bayer-Nachwuchsteams zum Anschauungsunterricht ins Flugzeug gestiegen. Und Gonzalo Castro hat für seine Familie gleich 40 Tickets besorgt. Seine Mutter stammt aus Katalonien, und die Verwandten dürfen nun mal live schauen, was aus dem Jungen in Leverkusen geworden ist.

Eine Sensation wird der Castro-Clan kaum erleben, aber es ist trotzdem erstaunlich genug, welche Wendung die Dinge in den letzten Wochen bei Bayer genommen haben. Denn eigentlich war die Zeit von Robin Dutt dort gefühlt schon abgelaufen, weil seine Mannschaft enttäuschend spielte, enttäuschend punktete und der Nachfolger des allseits beliebten Jupp Heynckes auch sonst kaum jemanden für sich einnehmen konnte. Dutt moderierte die Situation um Michael Ballack und Simon Rolfes, seine Stars mit Formproblemen, so schlecht wie er es sich zugleich schwungvoll fast mit allen Journalisten vor Ort verdarb.

Dutt scheint in Leverkusen angekommen zu sein

Doch spätestens seit letztem Samstag, dem 2:0-Sieg über Bayern München und der zugleich besten Saisonleistung von Bayer, beginnt sich die Perspektive auf Leverkusens Trainer zu ändern. Nach drei Siegen in Folgen ist der Platz zur Qualifikation zur Champions League auf einmal nur noch vier Punkte entfernt, und man kann sich zum ersten Mal seit langer Zeit ernsthaft vorstellen, dass Dutt übers Saisonende hinaus eine Zukunft bei Bayer haben könnte. Denn der Sieg über die Bayern war auch einer des Trainers, der auf die Überlegenheit der Gäste taktisch richtig reagierte und so den Erfolg auf den weg brachte.

Spät aber doch scheint er in Leverkusen angekommen zu sein, weil er erneut eine Fähigkeit zeigte, die schon in Freiburg auffiel. Dutt ist in der Lage, auf schwierige Situationen flexibel zu reagieren. In Freiburg etwa verabschiedete er sich vom munteren Angriffsfußball, als sein Team in Abstiegsgefahr geriet. In Leverkusen deutet sich der entgegengesetzte Weg an, dass er der spielerischen Klasse seines Teams mehr vertraut.

Solbakken: ein knallharter Ideologe

Das Geschick, in Krisensituationen die Richtung zu ändern, ist Dutts Kollegen von der anderen Rheinseite offenbar nicht gegeben. Stale Solbakken zieht durch seine offene, humorvolle und sympathische Art nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch Spieler viel leichter auf seine Seite, als es der manchmal spröde und belehrend wirkende Dutt tut. Aber hinter der freundlich verbindlichen Fassade verbirgt sich ein knallharter Ideologe. Solbakken ist mit seinem Spielsystem in Dänemark beim FC Kopenhagen höchst erfolgreich gewesen, doch beim 1.FC Köln funktioniert es auch nach fast zehn Monaten nicht.

Modifizieren mag der Norweger die Vorgaben nicht, obwohl der 1.FC Köln in den letzten acht Spielen nur einmal gewonnen hat. Und bei diesem Sieg in Kaiserslautern waren die Kölner auch noch mehr als eine Halbzeit in Überzahl. Dazu gab es am letzten Sonntag ein eher glückliches Remis in Hoffenheim. Die anderen sechs Spiele gingen verloren, und so ist der Relegationsplatz ist nur noch drei, ein Abstiegsplatz vier Punkte entfernt, und am Samstag geht es gegen Hertha BSC.

Der negative Trend ist so stark, dass es keiner überbordenden Phantasie bedarf, dass bei einer Niederlage für Stale Solbakken in Köln der »Doomsday« gekommen sein dürfte. Denn es liegt auf der Hand, dass sein Spielsystem in Köln gescheitert ist, weil es zu den Spielern nicht passt. Die meisten von ihnen fühlen sich mit Vorgaben zutiefst unwohl, die etwa dazu führen, dass zu viele gefährliche Flanken in den Kölner Strafraum segeln.

Ohne Podolski wäre Köln hofffnungslos abgeschlagen

Inzwischen hat nur eine Mannschaft mehr Gegentore kassiert, zugleich spielt keine Mannschaft weniger Torchancen heraus als der 1.FC Köln. Würde Lukas Podolski die wenigen Gelegenheiten nicht mit größter Effektivität versenken, wäre Köln schon jetzt hoffnungslos abgeschlagen.

Man mag beim Vergleich der Trainer rechts und links des Rheins eine Grundsatzfrage verhandelt sehen oder nicht, aber derzeit sieht es eindeutig so aus, also ob ein verspannt wirkender Pragmatismus dem Modell charmant präsentierter Ideologie überlegen ist.

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