Duisburgs Superlativ

Der größte Namenswitz

Ein Hauch von großer weiter Welt weht durch die Katakomben des Wedaustadions: Seitdem Physiotherapeut Ronald Dynio die MSV-Waden knetet, warten die Fans nur noch auf die Ankunft von Marah Donner. Imago
Heft #69 Sonderheft 2007/08
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Die Stimmung war ausgelassen auf der Aufstiegsfeier des MSV. Die Fans sangen ihre Klassiker, von »Wir sind Zebras, weiß und blau« bis hin zu »Nie mehr 2. Liga«. Alles vertraute Klänge rund um die MSV-Arena, wo Auf- und Abstiege längst zum Arbeitsalltag gehören. Doch plötzlich stimmten vereinzelte Anhänger ein ungewohntes Lied an: »Wir haben unsern Brasilianer: Ro-nal-diiin-ho.« Ungläubiges Staunen bei den umstehenden Fans, doch dann wurde der Mann auf die Bühne gebeten, dem der exotische Gesang galt: Der zweite Physiotherapeut des MSV, Ronald Dynio. Und das ist natürlich ein Namenskonstrukt, das die Phantasie eines jeden Fußball-Fans antreibt.

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Wer Ronald Dynio an jenem denkwürdigen Tag auf der Bühne stehen sah, wusste gleich, dass kaum jemand weniger mit dem Barcelona-Brasilianer gemeinsam hat als dieser Mann. Denn er hat nicht nur deutlich schönere Zähne als der Weltfußballer, sondern auch mit dem aktiven Fußballspielen »überhaupt nichts am Hut«. Während der brasilianische Starkicker den Gegnern mit seinen Zauberfüßen Knoten in die Beine spielt, ist es Ronald Dynios Profession, mit seinen Händen den MSV-Spielern sämtliche Verspannungen aus den Muskeln rauszuzaubern. Außerdem lautet sein Name bei korrekter Aussprache »Dünio«.

»Ich spreche meinen Namen aus, wie er eben ist«


Im bürgerlichen Leben blieb der 36-Jährige bislang auch relativ unbehelligt. »Es passierte sehr selten, dass mal jemand einen lustigen Spruch machte«, sagt er und versichert, dass er das Ypsilon seines Nachnamens nicht einmal übermäßig betone: »Ich spreche meinen Namen aus, wie er eben ist. Nur buchstabieren muss ich ihn tatsächlich häufiger.« Auf Ämtern oder beim Telefonieren im Alltag scherten sich nur wenige um den kuriosen Namen. Doch das änderte sich schlagartig ab dem Zeitpunkt, da ihn das Angebot erreichte, als Physiotherapeut bei der U17 des MSV einzusteigen. Dynio nahm die Offerte ohne langes Überlegen an, »denn für Fußball interessiert habe ich mich schon immer«. Und als er im Januar als Nachfolger des Japaners Masahiro Nakashita, dem letzten Verbliebenen aus der Littbarski-Ära, zum Profi-Team stieß, war Ronald Dynio plötzlich in einer Welt angekommen, in der sein Name kein Name wie jeder andere ist.
Schon die Verkündung seiner Anstellung sorgte im Fan-Forum des MSV für große Erheiterung und veranlasste manch euphorisierten Fan zu kreativen Wortspielen. Der User »Celtic Duisburg« zweifelte zum Beispiel die Echtheit des Namens grundsätzlich an.
Er schlug jedoch im gleichen Atemzug vor, »um das Dream-Team vollständig zu machen«, solle man noch einen indischen Assistenz-Sani holen: »Vielleicht Marah Donner? Oder den koreanischen Masseur Pe Leh?« Als Dynio den Spielern offiziell vorgestellt wurde, konnten sich die meisten ein Schmunzeln nicht verkneifen. Und auch wenn der Physio versichert, dass sich alles in Grenzen halte und ihn ganz sicher nicht nerve, bemerkt er: »Nun kamen natürlich immer mal irgendwelche Sprüche.« Zum Beispiel, wenn die Spieler routinemäßig und mit breitem Grinsen seinen Raum betraten.

Den Sachsen stören die Wortspiele jedoch nicht. »Ich heiße nun mal seit 36 Jahren so und habe keinerlei Probleme mit solchen Scherzen«, versichert er in der ihm eigenen ruhigen Art. Seinen Fast-Namensvetter verflucht er also nicht im Geringsten. Im Gegenteil: Er sieht ihn sogar ganz gerne spielen: »Denn was er auf dem Platz anstellt, ist teilweise wirklich genial.« Und rufe ihn jetzt jemand »Ronaldinho« statt »Dünio«, dann sei das in Ordnung: »Schließlich ist es irgendwie auch eine Verniedlichung von Ronald.« Die Sprüche nehme er entweder schmunzelnd zur Kenntnis – oder er registrierte sie schlicht und einfach gar nicht. Die Gesänge bei seinem Bühnenauftritt auf der Meisterfeier will er beispielsweise gar nicht mitbekommen haben.

Auch Klub-Chef Walter Hellmich versichert, dass »ich bei der Verkündung des Namens einmal herzhaft lachen musste, doch seitdem ist es eben normal, dass er so heißt«. Schließlich sei man beim MSV »von morgens bis abends am Lachen, da geht so etwas schon mal unter«, meint der MSV-Boss. In Wahrheit ist in Duisburg die Aufgabe, eine schlagkräftige Truppe zusammenzustellen, immer ein Stück härter als anderswo. Und weil der Abstiegskampf letztendlich doch zu ernst scheint für irgendwelche Späße, hat der Präsident auch noch zwei echte Brasilianer verpflichtet. Sie hören auf die klangvollen Namen Fernando Santos und Maicon Thiago Pereira de Souza Nascimento und werden sich auf dem Platz mühen, damit der MSV die Klasse hält. Doch spätestens bei der offiziellen Feier des Nichtabstiegsplatzes könnte ihnen ein Landsmann auf der Bühne wieder die Show stehlen: »Ro-nal-diiin-ho«.

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