Duisburgs Lizenzkampf

Ein Sommer am Abgrund

Der MSV Duisburg braucht wieder einmal dringend Geld. Das Desaster begann heute vor einem Jahr. Der Klub kollabierte unter Machtspielen, rang um Millionen und kämpfte gegen die Zeit. Für unser Bundesliga-Sonderheft zeichneten wir die verrückten 50 Tage im Sommer 2013 nach.

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Dienstag, 21. Mai 2013.

Sie brauchen viel Geld, und sie haben verdammt wenig Zeit. Der MSV Duisburg muss um die zweieinhalb Millionen Euro auftreiben - in zweieinhalb Tagen. Andernfalls droht die Insolvenz, der Sturz in die fünfte Liga, der Kollaps eines Vereins. Mit dieser Prämisse betreten acht Aufsichtsratsmitglieder am Morgen des 21. Mai eine Loge des Duisburger Stadions. Ein großer Tisch aus Massivholz füllt den Raum, daneben ein Tresen, durch große Panoramafenster fällt der Blick auf den Rasen.

Hier entscheiden acht Männer über die Lizenzunterlagen des MSV - bis zur Abgabefrist der Deutschen Fußball-Liga sind es noch knapp 55 Stunden.

Der MSV ist Gründungsmitglied der Fußballbundesliga und stand vor gerade mal zwei Jahren noch im DFB-Pokalfinale von Berlin. Doch das eingenommene Geld half nur kurzzeitig. Der Verein muss eine jährliche Stadionmiete von bis zu fünf Millionen Euro zahlen - für einen Zweitligisten eine hohe Bürde, selbst viele Bundesligisten zahlen deutlich weniger. Dies führte dazu, dass der MSV Duisburg bereits Ende 2012 nur mit viel Mühe und der Hilfe von 15 Geldgebern die Lizenz erhielt. Einer der Geldgeber: Walter Hellmich. 69 Jahre alt, Baulöwe, fast eine Dekade der Patriarch des Klubs. Er entscheide in Sekunden über Millionen, hat Hellmich mal gesagt. Mit Fingerschnippen. 2010 gab er alle Ämter beim MSV Duisburg ab und blieb doch allgegenwärtig. Ein Funktionär des MSV sagt, Hellmich sei als Schlossgespenst bei jeder Sitzung gewesen.

Die Sitzung beginnt mit einer Attacke

Der Raum, den die Aufsichtsratsmitglieder an diesem 21. Mai betreten, ist größer und gediegener als die umliegenden. Es ist die »Hellmich-Loge«. An der Wand hängt ein Foto, das den jubelnden Walter Hellmich im Stadion zeigt. Neben ihm, ebenfalls in Jubelpose, steht Adolf Sauerland, ehemaliger Oberbürgermeister von Duisburg. Die Bürger drängten ihn im Zuge der Loveparade- Katastrophe aus dem Amt. Auf dem Bild steht der Spruch: »Zusammenkommen ist ein Beginn, Zusammenarbeiten ist Erfolg.« Es wirkt wie Hohn, denn von Zusammenarbeit kann beim MSV keine Rede mehr sein. Im Verein finden Grabenkämpfe statt, befeuert von Unterlassungsklagen und öffentlichen Angriffen. Die Sitzung beginnt wieder mit einer Attacke.

Der Geschäftsführer Roland Kentsch verteilt einen Brief von Hellmich. Kentsch, ein Diplom-Volkswirt mit Seitenscheitel und Schlips, wurde 2009 bei Arminia Bielefeld als Geschäftsführer Finanzen entlassen, der Klub stand kurz vor der Pleite. Die Bilder gleichen sich. In diesen turbulenten Tagen von Duisburg ist Kentsch eine Schlüsselfigur. Er gilt als Protegé Hellmichs, fast der Einzige, mit dem der Bauunternehmer noch spricht.

»Totengräber von innen und außen«

Der Brief hat es in sich: »Die Totengräber von innen und außen haben ganze Arbeit geleistet, dass der MSV unmittelbar vor der Insolvenz steht.« Das Verhalten der e.V.-Gremien sei »chaotisch, ohne Rücksicht auf den Gesamt-MSV«, schreibt Hellmich. Er will helfen, so viel wird im Laufe der Sitzung klar, und sein altes Darlehen stunden, der MSV müsste dann den Kredit erst später zurückzahlen. Doch dafür stellt Hellmich Forderungen: Er will über zwei Aufsichtsratsposten und den Geschäftsführer mitbestimmen.

Es geht jetzt nicht mehr nur um die Rettung des MSV, es geht um Macht und Einflussnahme.

Die Angegriffenen sitzen am Tisch, einige reagieren verärgert. Udo Kirmse lächelt, dabei hat Hellmich auch ihn indirekt angegriffen. Doch Kirmse hat sich an die Wutausbrüche gewöhnt. Er ist Präsident des eingetragenen Vereins MSV Duisburg, sitzt daher auch im Aufsichtsrat. Ein stämmiger Mann von über 120 Kilo mit rundem Gesicht und sonorer Stimme. Chef einer IT-Firma, 52 Jahre alt, seit 40 Jahren MSV-Fan.

Er sagt nicht »Duisburg«, sondern »Duisburch «. Sein Verhältnis zu Kentsch ist unterkühlt, Hellmich spricht gar nicht mit ihm.
Kirmse hat einen Plan, wie der MSV von der hohen Stadionmiete herunterkommen kann. Ein Sanierungskonzept, das von MSVSponsor Schauinsland-Reisen unterstützt und für dessen Umsetzung Geld in Aussicht gestellt wird. Das Ziel: Stadt und Verein kaufen der Stadionprojektgesellschaft die Arena ab, die Kaltmiete soll von etwa vier Millionen Euro auf weniger als die Hälfte gesenkt werden. Doch dafür ist ein Kapitalschnitt notwendig, dem Eigentümer, Bank und Land zustimmen müssen. Das scheint möglich, Kirmse und weitere Mitstreiter haben dafür über ein halbes Jahr Überzeugungsarbeit geleistet. Doch eine Person hält 36 Prozent der Anteile an der Stadionprojektgesellschaft und ist mehr als das Zünglein an der Waage: Walter Hellmich.

»Kentsch hat mit sich selbst verhandelt«

Informiert wird er vom Geschäftsführer der Eigentümergesellschaft: Roland Kentsch, gleichzeitig auch Geschäftsführer beim MSV. Ein Funktionär sagt: »Kentsch hat also de facto mit sich selbst verhandelt.« Und Kentsch soll nicht viel von Kirmses Plan halten, sondern auf Hellmichs Stundung und einen Deal mit dem Fremdvermarkter Sportfive setzen.

In der »Hellmich-Loge« stehen sich also zwei Fraktionen gegenüber. Es wird diskutiert, mal im Plenum, mal in Kleingruppen. »Der Hellmich verzichtet doch nie«, meint einer. Es ist Mittag, nur noch knapp 50 Stunden bis zur DFL-Deadline. Eine Abstimmung soll her. Sie endet mit 5:3-Stimmen - gegen das Sanierungskonzept. Udo Kirmse fühlt sich, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. Sein Mitstreiter Thomas Maaßen erklärt seinen Rücktritt als Aufsichtsratsmitglied, auch Kirmse denkt ans Aufgeben.

Die Sitzung endet gegen 13 Uhr. Der Geschäftsführer Roland Kentsch soll die Anweisung erhalten haben, bei Hellmich eine Entschärfung seiner Bedingungen zu erreichen und einen Vertrag mit dem Vermarkter Sportfive perfekt zu machen. Die Signing fee für den MSV, ein Bonus bei Vertragsabschluss, soll im Millionenbereich liegen. Die Rede ist von etwa zwei Millionen Euro.

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