Duell der Mittelfeld-Strategen: Pirlo vs. Schweinsteiger

Mit ordnendem Fuß

Das Halbfinale zwischen Deutschland und Italien ist auch das Duell der beiden Strategen Andrea Pirlo und Bastian Schweinsteiger. Doch während der Italiener derzeit große Leichtigkeit ausstrahlt, schleppt sich Schweinsteiger durchs Turnier.

Oliver Bierhoff ist als Stürmer nicht mehr in den Genuss gekommen, sich die Bälle von Andrea Pirlo servieren zu lassen. Beide haben sich knapp verpasst. Bierhoff hat den AC Mailand genau in dem Sommer verlassen, in dem Pirlo vom Lokalrivalen Inter zu Milan wechselte. Trotzdem hat der Manager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft den Werdegang des Mittelfeldspielers verfolgt. Pirlo sei ein unglaublich ruhiger und netter Kerl, sehr bescheiden auch, berichtete Bierhoff gestern vor dem Abflug nach Warschau. Wie ruhig, nett und bescheiden der 33-Jährige ist, hat er am Sonntag in einem seiner triumphalsten Momente bewiesen. Pirlo hatte gerade im Elfmeterschießen den Ball in die Mitte des englischen Tores gelupft, der Torhüter Joe Hart lag auf dem Rücken wie ein Käfer, und Pirlo machte – nichts.

Er trottete zurück zur Mittellinie. Keine Geste des Triumphs, nicht einmal ein Lächeln. Auch in diesem Augenblick bekam Pirlo seine Leidensmiene nicht aus dem Gesicht. Man kennt diesen Ausdruck jetzt auch von Bastian Schweinsteiger. Im Unterschied zu Andrea Pirlo leidet der Münchner wirklich.

Selbstzweifel im Gesicht

Wenn Deutschland und Italien heute im Nationalstadion von Warschau das Halbfinale bestreiten, ist das auch das Duell zweier Strategen: Andrea Pirlo gegen Bastian Schweinsteiger. Doch während Pirlos Spiel bei der EM große Leichtigkeit ausstrahlt, wälzt sich Schweinsteiger durch das Turnier. Im Viertelfinale gegen Griechenland standen ihm die Selbstzweifel offen im Gesicht. Schweinsteiger haderte mit sich, suchte verkrampft nach einem Ausweg und steigerte sich nur immer mehr in die eigene Formschwäche. Er habe immer noch Schmerzen am Sprunggelenk, erklärte er am Tag danach. Auch deshalb gab es Spekulationen, ob es nicht ein Risiko sei, den Münchner gegen Italien spielen zu lassen. »Ich bin zu 100 Prozent fit«, verkündete Schweinsteiger gestern. »Ich fühl’ mich gut.«

Schweinsteiger ist jetzt 27, früher hätte man gesagt: Er befindet sich im besten Fußballeralter, und diese EM wird ihn möglicherweise auf der Höhe seiner Schaffenskraft treffen. Aber der Münchner ist weit davon entfernt, nachdem er im vergangenen Jahr zweimal für längere Zeit pausieren musste. »Zu meiner Topform werde ich noch kommen«, hat Schweinsteiger vor dem Gruppenspiel gegen Holland versprochen. »Wann? Weiß ich noch nicht.« Langsam wird die Zeit für ihn knapp.

Das Team trägt ihn

Pirlo ist jetzt 33. Er sieht aus wie 43 und scheint sich manchmal mit der Dynamik eines 53-Jährigen zu bewegen. Aber er spielt Pässe wie im italienischen Weltmeistersommer 2006, als er 27 war. Nationaltrainer Marcello Lippi hat ihn damals als seinen stillen Chef bezeichnet, »der seine Füße für sich sprechen lässt«. Genau so tut er es auch jetzt wieder. Pirlo ist nicht nur durch seinen Elfmeter gegen England auffällig geworden, er überzeugt vor allem als Stratege auf dem Platz, mit einer Passpräzision, die es so selten bis nie gibt. Wie eine Spinne ihr Netz, so wirft Pirlo seine Pässe über das Feld und bestimmt dadurch Takt und Thema des Spiels. »Er erlebt so etwas wie eine Renaissance«, sagt Bundestrainer Joachim Löw. »Er ist ein hervorragender Fußballer, ein genialer Stratege, der gefährliche Bälle immer wieder dahin spielt, wo es dem Gegner am meisten wehtut.«

Bastian Schweinsteiger mag Pirlos Spielweise. »Was er hier zeigt, ist fantastisch«, sagte er gestern vor dem Abschlusstraining. In guten Momenten lässt sich auch in seinem Spiel ein wenig von Pirlos Leichtigkeit finden, beim 2:1 gegen Holland zum Beispiel, als Schweinsteiger beide Tore von Mario Gomez vorbereitete. Es war sein bestes Turnierspiel, es war aber auch sein einzig wirklich gutes. Normalerweise ist der Münchner jemand, der seine Mannschaft mitreißen kann. Bei der EM ist es umgekehrt. Das Team trägt ihn. Und trotzdem sagt Joachim Löw: »Wir brauchen Schweinsteiger. Er ist ein emotionaler Leader. Er ist für unsere Mannschaft wichtig, mit seiner Präsenz, seiner Ruhe am Ball, seiner Physis auch.«

Reifer, aber auch ernster

Der Münchner hat eine ähnliche Entwicklung hinter sich wie Andrea Pirlo, der inzwischen für Juventus Turin spielt. Beide haben im offensiven Mittelfeld begonnen, ehe sie in der zentralen Defensive den Platz gefunden haben, auf dem sie ihren ordnenden Fuß am besten zur Geltung bringen können. Bei Schweinsteiger hat der Positionswechsel auch auf seine Persönlichkeit gewirkt. »Er ist unglaublich reif geworden in den letzten zwei, drei Jahren«, sagt Joachim Löw. »Er ist ein Spieler, der immer mitdenkt, der sich wahnsinnig viele Gedanken macht und sehr wissbegierig ist.« Bastian Schweinsteiger ist deutlich ernsthafter geworden, als er das früher war. Ob ihm das bei dieser EM geholfen hat, ist jedoch eine andere Frage.

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