Dortmunds Superlativ

Der größte Stehplatz

Während Borussias Spieler noch den goldenen Zeiten hinterherhecheln, sucht das Dortmunder Stadion seinesgleichen: Die Südtribüne ist Europas größtes Stehareal, 24 454 Menschen passen hinein. Die Faszination ist ungebrochen. Imago
Heft #69 Sonderheft 2007/08
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Es ist paradox. Da bezahlen Fußball-Fans gutes Geld für einen Sitzplatz, um ein Heimspiel von Borussia Dortmund zu erleben. Und dann schleichen sie sich durch Gänge und Ränge auf die Südtribüne, tauschen Sitzplatz gegen Stehplatz, Beinfreiheit gegen einen kleinen Fleck Beton und verzichten auf Klobesuch, Bier und Bratwurst, um dafür fliegende Becher und Prellungen in Kauf zu nehmen. »So ist das«, sagt Stadion-Betriebsleiter Stefan Kopetzki, »alle wollen auf die Süd.«

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Die BVB-Südtribüne in nüchternen Zahlen: 100 Meter Breite, 52 Meter Tiefe und 40 Meter Höhe – vom Gitter am Unterrang, an dem man dem Torwart fast am Rücken kratzen kann, bis hinauf in den Oberrang, knapp unterm Dach, wo der Neigungswinkel der Ränge 37 Grad beträgt. Wie bei einer Skisprungschanze. Schon im leeren Stadion wird die graue Beton-Terrasse zum Monument, gefüllt wird sie zur Gelben Wand. In die verwandelt sich die Südtribüne nämlich, wenn dort bei Bundesliga-Spielen 24 454 Fans stehen. Spätestens dann kommen neben den Zahlen auch die Emotionen ins Spiel. »Wenn du nach einem Sieg vor der Südtribüne stehst, denkst du, dass es nichts Besseres geben kann. Du weißt, du hast es geschafft«, sagt BVB-Profi Florian Kringe. Die Südtribüne ist nicht nur die mit Abstand größte Stehplatztribüne Europas. Sie ist das Epizentrum der Dortmunder Fußballbegeisterung, das Herz, vielleicht auch die Seele des BVB. Hier stehen die Treuesten der Treuen. Bei jedem Heimspiel, bei jedem Wetter. Einfach immer.

Zwischen Spielkameraden aus dem Sandkasten


Samstagmittag in Dortmund. Zwei Stunden vor Spielbeginn strömen die BVB-Fans ins Stadion. Auf den Dauerkarten ist zwar nur einer der elf Blöcke angeben, aber jeder Fan hat seinen festen Platz. Und auf dem bleibt er bis 17.30 Uhr. Oder, wenn ein Derbysieg gegen Schalke gefeiert wird, gerne länger. Getrunken und gegessen wird vorher, denn für die mobilen Grundversorger gibt es nach dem Anpfiff kein Durchkommen mehr. Deshalb erledigen die Fans auch den Toilettengang vorher. Sie stehen, nach Jahren und Jahrzehnten BVB-Treue, zwischen Spielkameraden aus dem Sandkasten, Schulfreunden, Mitstudenten und Arbeitskollegen. Oder sie haben sich »auf der Süd« kennengelernt. »Nach dem Tod meines Mannes bin ich erstmals auf die Tribüne gegangen. Hier habe ich ein Dutzend neue und gute Bekannte«, sagt Monika Dierks und schwärmt »von der Atmosphäre, von dem Zusammenhalt«. Die 55-jährige Dortmunderin steht seit 1999 auf der Südtribüne. »Zwischendurch hatte ich einen Sitzplatz auf der Osttribüne. Aber da fehlte die Stimmung und ich habe immer sehnsüchtig rübergeschaut.« Inzwischen reckt sie ihren Schal wieder auf der Südtribüne in die Luft, wenn, kurz bevor die BVB-Mannschaftsaufstellung kommt, das legendäre »You’ll never walk alone« eingespielt und mitgesungen wird. Dann steht die Gelbe Wand. »Bist du der Gegner, erdrückt sie dich. Hast du sie als Torwart im Rücken, ist es ein fantastisches Gefühl«, erklärt BVB-Torwart Roman Weidenfeller. Der Ex-Lauterer kennt beide Perspektiven.

Weidenfeller hat allerdings, wie Monika Dierks, die beste Zeit der Südtribüne verpasst. Da schwankte sie unter den Füßen der Fans, wenn diese gemeinsam hüpften. Damit war nach der zweiten Ausbaustufe 1998 Schluss. Bei der wurden die knapp 15 700 Plätze im Unterrang des Westfalenstadions, das zur WM 1974 als erste reine Fußball-Arena in Deutschland errichtet worden war, um den Oberrang und so um 8800 Plätze erweitert. BVB-Präsident Gerd Niebaum sagte damals: »Wir wollen ein Zeichen gegen die Verringerung der Stehplätze in den Stadien setzen.« Das gelang auf beeindruckende Weise. Und auf Kosten der Stimmung. »Das Flair und die Kreativität sind etwas verloren gegangen«, findet Olaf Suplicki, heute Vorsitzender der BVB-Fanabteilung und in den 80er Jahren Anheizer auf den Wellenbrechern im legendären Block 14. Die gebremste Stimmung hat verschiedene Gründe. Bei der immensen Größe sorgen schon die physikalischen Schall-Gesetze dafür, dass ein einheitlicher Gesang kaum noch möglich ist. Stimmt der Oberrang auf das »Heja« ein, ist der Unterrang mit dem folgenden »BVB« bereits fertig. Ständige Erinnerungen an die BVB-Sponsoren sowie digital eingespielte Gesänge erledigen den Rest.

Der Attraktivität und Anziehungskraft der Südtribüne hat das allerdings nicht geschadet. Weder bei Gästen, Gegnern noch bei den eigenen Fans. Die für etwa 165 Euro mit Abstand billigsten Dauerkarten beim BVB sind auf der Südtribüne für die kommende Saison so gut wie ausverkauft. Und so werden mit Sicherheit wieder reichlich Sitzplatzkartenbesitzer durch die Ränge und Gänge schleichen, um auch ein Baustein der Gelben Wand auf der Südtribüne zu werden. Einer von 24 454.

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