»Doppelpass« statt Gottesdienst
15.09.2008

»Doppelpass« statt Gottesdienst

Der heilige Sonntag

Unsere Oppas verbrachten den Sonntagvormittag auf der harten Kirchenbank – wir können auf dem Sofa rumlümmeln und den »DSF-Doppelpass« rezipieren. Guckt man genau hin, so merkt man: Im Grunde ist es das Gleiche.

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Früher kämmten sich die Männer am Sonntagmorgen die Haare mit Wasser und gingen in die Kirche, saßen dort eine Stunde auf ihrer Bank und ließen die Liturgie mit mehr oder weniger Anteilnahme über sich ergehen.



Eine Jahrhunderte altes Kulturphänomen, das sich Generation für Generation reproduzierte. Doch heute, da die Sofalandschaften einen unentrinnbaren Magnetismus ausüben, schaffen es die meisten Männer nicht mehr ins Gotteshaus – da kann der Dorfpfarrer noch soviel Karibiksand ins Kirchschiff kippen, sich Wandergitarren umhängen und zum »Event« locken.

Die um 11 Uhr Erwachten robben sich vom Schlaf- ins Wohnzimmer und schalten die Glotze ein: Der »DSF-Doppelpass« hat den Kirchgang als sonntägliches Ritual abgelöst.

Gott spielt in der Lobby des Hotel Kempinski eine eher untergeordnete Rolle. Nur ab und an, wenn die Diskutanten sich ins Esoterische wagen, taucht er mit dem Zusatz »Fußball-« auf.

Jörg Wontorra gibt trotzdem den Pfarrer, Udo Lattek den Kirchenältesten. Das nonchalant klimpernde »Trio La Haze« hat den Organisten verdrängt, statt Oblaten gibt es Weizenbier. Der Klingelbeutel hat die Gestalt eines Phrasenschweins angenommen. Und manchmal taucht 11FREUNDE-Chefredakteur Philipp Köster als Konfirmand auf – in einem Sakko, das er sonst nie trägt.

Dann geht er los, der unendliche Epilog des Bundesliga-Spieltags: Strittige Entscheidungen werden seziert, Personalentscheidungen in Frage gestellt, Zoten gerissen, ein Trainer, der meist auf dem Sessel ganz rechts, einer Art Beichtstuhl, sitzt, ins Kreuzverhör genommen – und sowieso: Was ist bloß mit Klose los?

Kein Thema ist zu alt


Den Optimisten des Geistes, die auf einen kontinuierlichen Erkenntnisaufbau hoffen und darauf, dass es wenigstens auf ein paar Fragen endgültige Antworten gibt, sei gesagt: Im Kempinski wird jede Woche von vorne angefangen. Kein Thema ist zu alt, um es nicht mit neuem Personal noch einmal breit zu walzen.

Dass ein TV-Gremium, in dem die Meinungsmacher und Entscheidungsträger des deutschen Fußballs wöchentlich zusammenfinden, sich nicht über eine Mischform aus Stammtischgespräch und Ohnsorg-Theater-Vorführung hinaus entwirft, kann man schade finden.

Muss man aber nicht. Denn in seiner Redundanz besteht der Wert des »Doppelpasses«: Er bietet nichts Beunruhigendes, er bietet Halt. Was letzten Sonntag Fußball war, ist diesen Sonntag immer noch Fußball. Die Woche mit all den Arschloch-Kollegen liegt hinter uns. Wir leben noch. Und der Lattek ist auch wieder da.

Es waren wahrscheinlich keine anderen Motive, aus denen die Altvorderen sich in die Kirche quälten. Den Weg können wir uns heute sparen. Danke, DSF!



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