Doping? Mysteriöse Todesfälle bei italienischen Ex-Profis

Der Fluch der Fiorentina

Doping im Fußball gibt es nicht? Eine unheimliche Welle von Todesfällen und schweren Krankheiten ereilt ehemalige Fußballprofis in Italien. Vermutlich sind sie Opfer von Doping. Betroffen sind vor allem Spieler des AC Florenz. Doping? Mysteriöse Todesfälle bei italienischen Ex-Profis
Heft#111 02/2011
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Kurz vor dem Abschied zieht Alessandro Galdiolo sein Telefon aus der Hosentasche und öffnet eine Datei mit Fotos. Mit dem Daumen seiner rechten Hand scrollt der 30-Jährige durch seine jüngere Vergangenheit. Er blättert an Aufnahmen seiner Hochzeit im vergangenen Jahr vorbei und an den anschließenden Flitterwochen. Es sind Bilder aus einem geordneten Leben, doch vom Glück ist das Unglück nur ein paar Klicks entfernt. Alessandro Galdiolo zeigt auf ein Bild seines Vaters: »Schau ihn dir an!« Das Kinn von Giancarlo Galdiolo ist immer noch breit und männlich, aber das Gesicht ist leblos. Die Unterlippe hängt schlaff herunter, die Augen schauen mit abwesend leerem Blick am Objektiv vorbei. Ein großes weißes Kissen stützt den Kopf des Kranken. »Vor einem Jahr hat er noch mit Freunden gekickt und den Gegenspielern so zugesetzt, als ginge es um den Scudetto.« Der Sohn schließt das Bild, grüßt müde, dann klappt die Tür ins Schloss. 

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Eine Stunde zuvor hatte sich Alessandro Galdiolo, ein großgewachsener, selbstbewusster Typ, noch in Rage geredet. Er hatte in seinem Wohnzimmer in Castrocaro Terme, unweit von Rimini, das Lokalblatt »Il Resto del Carlino« in der Hand gehalten und wütend auf einen Artikel gedeutet. »Galdiolo und das dunkle Böse – Das sind die Substanzen, die ich einnehmen musste« hieß die Überschrift, darunter waren zwei Fotos seines Vaters. Links sah man den ehemaligen Manndecker des AC Florenz als jungen Haudegen Anfang der siebziger Jahre, rechts zum Ende seiner Karriere als gefeierte Fiorentina-Legende mit 229 Spielen in der Serie A. In der Mitte war ein Bild von roten und weißen Pillen, quer darüber eine Spritze – das dunkle Böse. Es besteht kein Zweifel daran, dass der heute 62 Jahre alte Giancarlo Galdiolo wie seine Mitspieler bei der Fiorentina und zahllose andere Serie-A-Kicker zu seiner aktiven Zeit mit Medikamenten vollgepumpt wurden, damit sie besser Fußball spielten.

Der Horror hat einen Namen: Amyotrophe Lateralsklerose

Ob er das auch getan hätte, wenn er die Risiken gekannt hätte, danach kann man ihn jedoch nicht mehr fragen, denn seit dem letzten April spricht Galdiolo nicht mehr. Im Sommer wurde bei ihm zunächst eine Frontotemporale Demenz diagnostiziert und kurz darauf eine Amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS, eine unheilbare Nervenkrankheit. Sie führt zur vollständigen Lähmung der Muskulatur. Der Tod tritt fast immer durch Ersticken ein. Vielleicht, so hofft der Sohn, macht der abwesende Geisteszustand dem Vater das Ende etwas leichter. Alessandro hätte einigen Grund, auf die Ärzte und Trainer von damals wütend zu sein, auch wenn bisher nicht sicher nachweisbar ist, dass die Medikamente die Krankheiten des Vaters ausgelöst haben. Aber der junge Galdiolo, selbst bis vor kurzem Amateurkicker, ist empört, weil er das Bild seines Vaters durch den Dreck gezogen findet. »Sie können ihn doch nicht einfach als Drogensüchtigen hinstellen«, zetert er, schüttelt den Kopf und sucht mit dem Blick nach Bestätigung. »Ich kenne meinen Vater. Ich bin mir sicher, dass er nichts genommen hat.« Dabei weiß Alessandro doch eigentlich, dass sein Vater zu kaum einem Spiel antrat, ohne vorher Medikamente geschluckt zu haben. Nicht etwa, weil er krank war, sondern um die eigene Leistung zu steigern. Alle taten das damals. Der Vater selbst hat es der Polizei erzählt, als er im März 2006 im Fall des verstorbenen Mannschaftskollegen Bruno Beatrice vernommen wurde. Alle Spieler schluckten die Pillen, die die Mannschaftsärzte auf einem kleinen Tellerchen in der Kabine wie Weihnachtskekse anboten. Tabletten und Infusionen waren so selbstverständlich, wie Stollen an die Schuhe zu schrauben. Und so hält sich das Märchen noch heute, dass es sich dabei nicht um Doping handelte. 

Amphetamin-Kaffee in der Kabine

Um die Erinnerung an den starken Vater nicht aufzugeben, hält sich auch Alessandro Galdiolo an dem Gedanken fest, dass doch nicht falsch sein kann, was alle taten. Das ist ein typischer Reflex auf das Doping im italienischen Fußball. Wer noch etwas zu verlieren hat, ob einen Job, den Ruhm oder das Andenken an den Vater, der blendet die Wahrheit aus. Dabei gibt es noch weitere Augenzeugenberichte über das Doping in der Serie A, etwa von Ferruccio Mazzola, dem Bruder des berühmten Sandro Mazzola. Der jüngere und weniger erfolgreiche der Mazzola-Brüder berichtete 2004 vom Amphetamin-Kaffee, den Trainer Helenio Herrera den Spielern von Inter Mailand in den sechziger Jahren vor den Spielen verabreichte. Eine Zeitlang habe er vor allem den Ersatzspielern die Pillen in den Mund geschoben, um deren Wirkung zu testen. Erst nach solchen Tests bekamen sie auch die Stammspieler. Als Herrera merkte, dass viele die Tabletten heimlich wieder ausspuckten, löste er die Amphetamine im Kaffee auf, den er die Spieler vor den Partien trinken ließ. Herreras Beiname »il mago«, der Magier, erscheint seither in einem etwas anderen Licht. »Seit ich diese Praktiken öffentlich gemacht habe, sprechen Sandro und ich nicht mehr miteinander«, erzählte Mazzola junior später, »mein Bruder war der Ansicht, schmutzige Wäsche müsse man in der Familie waschen.« 
So ist Ferruccio nun das schwarze Schaf, während Sandro immer noch vom schönen Schein der erfolgreichen Jahre zehrt und ständig als Experte in die Fußballshows im Fernsehen eingeladen wird. Dass auch aus der Mannschaft der »Grande Inter« sechs auffällig frühe Todesfälle bekannt sind, scheint niemanden zu interessieren. Nach einem Schlaganfall steht es inzwischen auch um den heute 65-jährigen Ferruccio Mazzola nicht besonders gut. Schlimmer noch hat es Carlo Petrini, 62, erwischt, der zu Galdiolos Zeiten für ein Dutzend italienische Profiteams spielte und heute nach zwei Tumoren fast blind ist. Aus seiner Zeit beim CFC Genua berichtete er von einer Einweg-Dopingspritze für die gesamte Mannschaft, von deren explosiver Wirkung und vom grünen Sabber, der ihm gegen Ende einer Partie aus dem Mund lief. »Selbst nach den Spielen fühlten wir uns noch wie vom Dämon besessen und kamen ewig nicht zur Ruhe. Dann überfiel uns plötzlich eine fürchterliche Müdigkeit, und unsere Zungen schwollen an. Wir konnten kaum den Mund schließen«, schrieb Petrini in seinem Buch »Nel Fango del Dio Pallone«. Der Titel bedeutet so viel wie »Im Schlamm des Fußballgotts«. Nur wenige wollen in diesem Morast wühlen, und so haben Mazzola junior und Petrini in der Serie A heute den Status von Aussätzigen. Damals war es das Wichtigste, auf dem Platz zu stehen. Heute ist es das Wichtigste, das unbefleckte Bild der alten Helden zu bewahren. 

»Jetzt hat es uns doch erwischt«

Man kann das auch als zwei Spielarten desselben Zwangs  verstehen. Dabei fällt es schwer, die Opfer zu ignorieren. Denn allein beim AC Florenz, wo Giancarlo Galdiolo von 1970 bis 1980 einen wegen seiner Härte gefürchteten Manndecker gab, traten etliche ähnliche Fälle auf: Armando Segato, 1973 mit 43 Jahren an ALS gestorben. Fulvio Bernardini, 1984 mit 79 Jahren ebenfalls an ALS gestorben. Der ehemalige Fiorentina-Jugendspieler Mario Sforzi erlag mit 48 Jahren einer bösartigen Erkrankung des lymphatischen Systems, und Adriano Lombardi starb 2007 mit 62 an ALS. Dazu kommen jene, mit denen Galdiolo sogar in einer Mannschaft spielte: Stürmer Nello Saltutti erlag mit 56 Jahren einem Infarkt. Libero Ugo Ferrante starb mit 59 an einem Mandeltumor, Verteidiger Giuseppe Longoni mit 64 an einer Herzkrankheit, Torwart Massimo Mattolini 56-jährig an einem Nierenleiden. Der jüngste war Bruno Beatrice, Antreiber im Mittelfeld, unermüdlich wie ein Tier. Mit 39 Jahren starb er an Leukämie. Auch einige Mitspieler Galdiolos, die noch leben, sind gezeichnet. Mittelfeldspieler Domenico Caso überlebte einen Lebertumor, Weltmeister und Publikumsliebling Giancarlo Antognoni erlitt 2004 bei einem Freundschaftsspiel einen Infarkt, den die Ärzte als »anormal« einstuften, und Europameister Giancarlo De Sisti hatte einen seltsamen Gehirnabszess. Stefano Borgonovo, der erst zwischen 1988 und 1992 in Florenz aktiv war, leidet an ALS. Weil niemand die Reihe von Toten und Kranken schlüssig erklären kann, ist im Volksmund vom »Fluch der Fiorentina« die Rede. 

»Jetzt hat es uns doch erwischt«, dachte Alessandro Galdiolo, als sein Vater im vergangenen Sommer die schreckliche Diagnose erhielt. Aber die Ärzte sagten, sein Vater wäre auch dann krank geworden, wenn er nicht Fußball gespielt hätte. Das ist eine gewagte Behauptung, denn seit Jahren suchen Experten eine Erklärung für die Häufung rätselhafter Todesfälle und schwerer Erkrankungen bei ehemaligen Fußballprofis in Italien. Einige erklären das als Zufall, weil die unterschiedlichen Krankheitsbilder keine einheitliche Ursache nahelegen. 

Fünfzig ALS-Fälle, auffällig viele davon in Florenz

In Turin ermittelt Staatsanwalt Raffaele Guariniello seit über zehn Jahren in dieser Frage. Er untersuchte 24 000 Biografien von Fußballern, die zwischen 1960 und 1996 in den drei höchsten italienischen Spielklassen aktiv waren, und fand heraus, dass im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt bei Fußballern doppelt so oft Bauchspeichel-, Darm- und Leberkrebs vorkam. Vor allem wundert ihn, dass es unter den 24 000 Spielern bis heute mehr als 50 ALS-Fälle gibt, auffällig viele davon in Florenz. Normalerweise kommt die Krankheit bei einem von 100 000 Menschen vor. Italien war eines der ersten Länder, in dem es ein Regelwerk gegen Doping im Fußball gab. Schon Anfang der sechziger Jahre wurde es eingeführt und richtete sich vor allem gegen Aufputschmittel. Genommen wurden die aber nicht nur von italienischen Profis, im englischen Fußball war schon in den fünfziger Jahren Benzedrin weit verbreitet und in Deutschland Pervitin, beides allerdings lange nicht verboten. Ob in der Serie A im Laufe der Jahrzehnte eifriger gedopt wurde als in anderen europäischen Ligen ist nicht zu beweisen, die Spätfolgen bei auch im internationalen Vergleich überdurchschnittlich vielen Spielern legen das nahe. Oder haben sie doch nur mit Kopfballspiel, Pestiziden auf Sportanlagen, genetischer Veranlagung oder der Kombination aus mehreren Faktoren zu tun?

Staatsanwalt Guariniello prüfte alle diese Hypothesen, hat aber immer noch keine endgültige Gewissheit über die Ursache für den Exzess tödlicher Krankheiten. Auch die Neurowissenschaft tappt noch im Dunkeln. Auf einem ALS-Kongress in Florenz war sogar davon die Rede war, der Verzehr von Florentiner Steaks könne sich negativ auf die Gesundheit der Fußballer auswirken. »Ich vermute allerdings, dass die Ursache vor allem im Fußball verwendete Medikamente sind«, sagt Staatsanwalt Luigi Bocciolini aus Florenz, Schnurrbart im Gesicht und zwei Schachteln Marlboro auf dem Schreibtisch. »Sonst würde ALS nicht nur im Fußball vorkommen.« Aus anderen Sportarten, etwa dem Radsport, sind keine Fälle bekannt. Als er von Galdiolos Krankheit in der Zeitung las, nahm Bocciolini sofort neue Ermittlungen auf. Der Fall kam ihm bekannt vor. 

»Die Vernichtung von Fußballspielern«

Es hatte alles mit dieser Witwe begonnen, die eines Tages in seinem Zimmer stand. Gabriella Beatrice zündet sich erst einmal eine Zigarette an. Es ist schon ziemlich lange her, und sie hat diese Geschichte schon oft erzählt. Erst spricht sie deshalb routiniert, doch nach ein paar Minuten steigt wieder Zorn auf, 23 Jahre nach dem Tod ihres Mannes. »Das ist eine Vernichtung von Fußballspielern«, sagt die Witwe erregt. Sie erzählt, wie oft ihr Mann damals in den siebziger Jahren aus dem Trainingslager anrief. Gabriella kamen die Gespräche stundenlang vor, aber sie weiß, dass sie genau 90 Minuten dauerten, so lange, bis die von den Mannschaftsärzten angelegte Infusion in seine Venen geflossen war. »Er ist mit Schaum vor dem Mund gestorben und war am Ende nicht mehr wiederzuerkennen, der Schatten des Mannes von einst. Nur die drei Einstiche an seinem linken Arm in Höhe des Ellbogens sind nie verschwunden«, sagt sie. Wenn Bruno Beatrice zu ihr und den beiden Kindern heim nach Arezzo kam, waren seine Taschen voller Medikamente, vor allem mit dem Herzmedikament »Micoren« und dem Stärkungsmittel »Cortex«. Im Badezimmer hatten sie ein Schränkchen, das vor Präparaten überquoll, die er aus Florenz mitbrachte. Gabriella erinnert sich, dass ihr Mann nach den Spielen fast immer zwei Nächte lang nicht schlafen konnte, weil seine Beine sich noch von selbst bewegten und sein Herz raste. 

Aber die beiden sprachen nie darüber, weil sie, wie alle, den Mannschaftsärzten blind vertrauten. Sie waren jung, gedankenlos, Bruno hatte seinen Stammplatz beim AC Florenz und verdiente gut. Es gab keinen Grund, sich unnötig Sorgen zu machen und das Glück mit unbequemen Fragen zu riskieren. Sie nahm es zunächst auch als Schicksalsschlag, als ihr 37-jähriger Mann an einem Sommerabend 1985 auf der Terrasse starke Gliederschmerzen bekam und ein paar Wochen später Leukämie diagnostiziert wurde. Es sei eine entsetzliche Zeit gewesen, sagt Gabriella und man weiß nicht, ob sie Brunos zwei Jahre dauernde Agonie meint oder das, was anschließend kam. Erst Jahre später erstattete sie Anzeige, fand aber zunächst keinen Anwalt, der es mit der mächtigen Fußballwelt aufnehmen wollte. »Bist du verrückt geworden«, war der Kommentar, den sie immer wieder hörte. »Die Omertà, die Verschwiegenheit, das ist schlimmer als bei der Mafia!«, sagt sie. Staatsanwalt Bocciolini leitete schließlich Ermittlungen mit dem Verdacht ein, der frühe Tod von Bruno Beatrice sei auf die Einnahme leistungsfördernder Substanzen zurückzuführen. Bei seinen Untersuchungen entdeckte er nicht nur atemberaubende Dopingpraktiken beim AC Florenz, sondern fand heraus, dass eine Schambeinverletzung Beatrices gegen ärztlichen Rat mit einer exzessiven Strahlentherapie behandelt wurde, um den Spieler für das Pokalfinale 1975 gegen den AC Mailand wieder fit zu bekommen. Weil in diesem Fall erstmals Ursache und Wirkung eindeutig nachweisbar waren, konzentrierte sich die Anklage auf den Vorwurf, die Bestrahlung habe zum Tod geführt. 

Die Ermittlungen wurden behindert

Die Ermittlungen wurden aber dadurch behindert, dass die medizinischen Unterlagen des AC Florenz aus dieser Zeit allesamt unauffindbar waren. 2009 schließlich mussten die Nachforschungen ganz eingestellt werden, weil das Delikt wegen der Einführung eines neuen Gesetzes verjährt war. Zum Prozess gegen den damaligen Fiorentina-Trainer Carlo Mazzone und zwei Vereinsärzte wegen Körperverletzung mit Todesfolge kam es nie. Geblieben ist der »Verein der Dopingopfer«, ein laienhaft aufgezogener Club von Einzelkämpfern, den die Witwe 2006 mit ihren Kindern und dem Anwalt Odovisio Lombardo gründete. Geblieben ist auch die Hoffnung, dass der Zivilprozess, der bald beginnen soll, endlich so etwas wie Gerechtigkeit bringt. »Ich kann das dem Calcio einfach nicht verzeihen. Niemandem werde ich das je vergeben«, sagt Gabriella Beatrice. Alessandro Galdiolo hingegen will niemanden wegen der Krankheit seines Vaters beschuldigen. Er findet auch nichts dabei, dass einige der ehemaligen Mannschaftskollegen seines Vaters, nachdem sie von der Krankheit erfuhren, die Wahrheit ignorierten. »Dein Vater hat nichts genommen«, versicherte ihm etwa der berühmte Giancarlo Antognoni. Dabei hatte der Weltmeister bei seiner Vernehmung im Fall Beatrice gestanden, dass »Micoren« und »Cortex« in Florenz an der Tagesordnung waren. Der im Jahr 2003 verstorbene Nello Saltutti hatte überdies von einem Kaffee berichtet, der in der Fiorentina-Kabine umging und dessen Wirkung stark an das Getränk der Mazzola-Brüder bei Inter Mailand erinnert. Dass die roten Micoren-Pillen auf einem Tellerchen in der Kabine lagen, berichtete auch Giancarlo Galdiolo den Carabinieri. »Ich nahm sie vor allem im Winter unmittelbar vor den Spielen, zwei Pillen auf einmal, auf Anweisung des Masseurs. Er sagte mir, damit könne ich besser atmen und sofort ins Spiel kommen. Der Verein stellte die Medikamente bereit.« 

Das Letzte, was sie von ihm hörten, waren unverständliche Schreie

Auch Infusionen waren an der Tagesordnung, und Injektionen. Von 1974 bis 1979, so erzählte Galdiolo weiter, habe er jeden Sonntagmorgen vor dem Spiel vom Masseur auf dem Hotelzimmer eine Spritze mit Supracortes bekommen. In den siebziger Jahren waren diese Mittel nicht verboten, heute stehen die in Micoren enthaltenen, die Atmung stimulierenden Wirkstoffe Crotetamid und Cropropamid auf der Dopingliste. Das gilt seit den neunziger Jahren auch für das Stärkungsmittel und Hormonstimulans »Supracortes«, auch als Cortex bekannt. Fachleute halten schwere Gesundheitsschäden bei langjähriger Einnahme der Medikamente für möglich. Und Anwalt Lombardo meint, dass es sich bei der Strahlentherapie für Bruno Beatrice um den skrupellosen Versuch handelte, einen wichtigen Spieler ohne Rücksicht auf Schäden wieder fit zu bekommen. Für ihn steckt dahinter die gleiche Logik wie beim Doping: Sportliche Leistung und Erfolg sind wichtiger als die Gesundheit der Spieler. So liegt Giancarlo Galdiolo heute im Bett und kann sich kaum noch rühren. Die Krankheit ist unheilbar, und Alessandro, die Mutter so wie seine beiden Geschwister pflegen den Vater zu Hause. Das Letzte, was sie von ihm hörten, waren unverständliche Schreie, aber das ist Monate her. Vor einigen Jahren, als Alessandro noch selbst im Amateurfußball spielte, haben Vater und Sohn über Doping gesprochen, ohne das Wort auszusprechen. Giancarlo beschwor Alessandro, niemals etwas einzunehmen, um die eigene Leistung zu steigern. Das galt selbst für einen Energieriegel oder den Eukalyptus-Balsam, den Alessandro sich vor den Partien gerne unter die Nase rieb. »Er wollte nicht einmal, dass ich Kaffee trank«, sagt Alessandro. Kann es sein, dass Giancarlo Galdiolo seinen Sohn vor etwas bewahren wollte, wovor er selbst nie geschützt wurde? Alessandro schaut erstaunt. Diese Idee ist ihm nie gekommen.

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