Dominiert die Bundesliga jetzt Europas Fußball?

(K)eine Wachablösung

In unserer neuen Ausgabe hat sich Philipp Köster für die Titelstory seine Gedanken über eine Saison gemacht, »die wir so schnell nicht vergessen werden«. Wir veröffentlichen hier exklusiv einen Teil dieser Geschichte.

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139

Die Wachablösung im europäischen Fußball steht wahlweise unmittelbar bevor oder ist schon vollzogen. Never mind the Premier League, here’s the Bundesliga, um mal den Tenor zahlreicher Berichte der letzten Wochen zusammenzufassen. Nun gibt es in der Tat so manchen Grund, den deutschen Fußball derzeit als das neue, große Ding zu feiern. Schon in den vergangenen Jahren war immer mal wieder von englischen Fußballtouristen berichtet worden, die wochenends über den Kanal flogen, um in der Bundesliga authentische Fußballatmosphäre zu schnuppern. Nicht ganz klar, ob es sich dabei um Hundertschaften oder nur ein Dutzend Nerds handelte. Solange sich jedenfalls die deutschen Klubs, vom Solitär FC Bayern mal abgesehen, stets brav schon im Achtelfinale der Champions League verabschiedeten, fielen die infrastrukturellen Vorteile nicht sonderlich ins Gewicht. Nun aber bestreiten tatsächlich zwei deutsche Mannschaften das Endspiel in Wembley, das ist neu und aufregend, hat aber mit einer Wachablösung nur wenig zu tun.

Ein unschönes Leistungsloch

Was einerseits daran liegt, dass der Gedanke, es könnte tatsächlich eine Liga geben, die in der Lage wäre, den europäischen Klubfußball zu dominieren, ziemlich naiv ist. Die englische Premier League vermochte das in ihrer besten Zeit ebenso wenig wie die spanische Primera Division und die italienische Serie A. Die Bundesliga wird es ebenfalls nicht können. Und es gibt noch nicht einmal ausreichend Anlass zu glauben, dass es in absehbarer Zeit wieder einmal gelingen könnte, zwei deutsche Teams ins Finale zu bringen. Wer darauf hofft, unterschätzt erstens, wie klein die Unterschiede zwischen den europäischen Topklubs inzwischen sind und wie sehr in den Endrunden Zufälle und Tagesform entscheiden. Zweitens, welch ein ungeheurer Kraftakt es bereits für den FC Bayern war, in den letzten vier Jahre gleich dreimal das Endspiel zu erreichen. Bei aller Wertschätzung für Borussia Dortmund ist der Klub sicher nicht so weit in seiner Entwicklung, Ähnliches auf die Beine zu stellen. Und drittens zeigt das Abschneiden der deutschen Klubs in der Europa League, dass derzeit wie in Spanien auch in Deutschland ein unschönes Leistungsloch klafft und kurzfristig noch größer werden wird, zwischen den Finalisten einerseits, deren Entwicklung durch die Millionen aus der Champions League noch beschleunigt wird und all den anderen Klubs ohne internationales Zusatzgeschäft.

Aber all das ist kein wirkliches Drama, solange die eigentlich wichtige Entwicklung der Bundesliga nicht behindert wird. Entscheidend ist, dass es internationale Topstars nicht mehr für eine Zumutung halten, in der Bundesliga zu spielen. Dass die höheren Erwartungen an die Liga auch die Vereine jenseits der Topklubs Borussia und Bayern beflügeln. Dass sich diese neue Attraktivität auch in der internationalen Vermarktung bemerkbar macht, die ja der eigentliche Wettbewerbsnachteil gegenüber der Premier League ist. Und dass die Liga trotz des derzeitigen Hypes ihrer volksnahen Linie treu bleibt. Damit ist sie gut gefahren, in den letzten fünfzig Jahren und auch in der gerade abgelaufenen, ziemlich durchgeknallten, einzigartigen Saison.

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