Dirk Mansen, Leiter des HSV-Museums, im Interview

»Die Galerie der Graupen«

In der aktuellen Ausgabe von 11FREUNDE berichten wir über den Boom der Fußballmuseen in Deutschland. Der HSV nimmt dabei eine Vorreiterrolle ein. Wir sprachen mit Museumsleiter Dirk Mansen über gut gepflegte Archive, bekehrte Kinder und eine kreative Ideen. Dirk Mansen, Leiter des HSV-Museums, im Interview
Heft#119 10/2011
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Herr Mansen, der HSV gilt in Deutschland als Vorreiter in Sachen Vereinsmuseum. Warum?

Dirk Mansen: Schalke 04 war im Jahr 2000 zwar der erste Verein mit einem eigenem Museum, aber der HSV war der erste, der sein Museum in sein Stadion integrierte. Als wir 2004 eröffnet haben, waren wir somit auch die ersten, die Stadionführungen, Einkaufen im Fanshop, Ticketkauf, Essen im Stadionrestaurant und den Besuch im Museum zusammen anbieten konnten. Wir müssen schließlich sehen, dass hier im Stadion auch außerhalb der Spieltage was los ist. Und unsere Geschichte wollten wir schon lange einmal dokumentieren.

Im Gegensatz zu vielen anderen Vereinen verfügt der HSV über ein gut geführtes Archiv.

Dirk Mansen: Das Vereinsarchiv gibt es schon seit den 1920er Jahren. Es ist fast vollständig und gut gepflegt. Das war die perfekte Basis für ein Museum. Andere Vereine müssen sich ihre Exponate mühsam zusammensuchen; zum Beispiel der FC Bayern, der derzeit ebenfalls an einem eigenen Museum arbeitet.



Wie sind Sie überhaupt zu diesem Thema gekommen?

Dirk Mansen: Früher war ich Fanbeauftragter und somit involviert in die Planung des neuen Stadions. Während dieser Zeit verstarb unser damaliger Archivar. Ich habe angeboten, mich darum zu kümmern und einen neuen Archivar eingestellt. Als wir den Bestand zum ersten Mal sichteten, war uns gleich klar, was da für Schätze drin steckten. Nicht nur an Exponaten, sondern auch an Geschichten und Schicksalen. 



Wie wurde aus dem Archiv dann ein Museum?


Dirk Mansen: Uns war relativ schnell klar, dass es nicht reichen würde, mal alle Pokale zu zeigen. Wir hatten so viel Material und spannende Geschichten, dass eine Ausstellung nur in Form eines richtigen Museums Sinn machen würde. Ich habe dann ein Konzept erarbeitet und gleichzeitig ein Budget aufgestellt, mit dem ich zeigen wollte, wie die Einnahmesituation sein könnte, und irgendwann wurde die Investition bewilligt.



Hat sich die Investition gelohnt?

Dirk Mansen: Als wir im Februar 2004 eröffneten, war unser Ziel, irgendwann mal 38000 bis 40000 Besucher jährlich zu haben, und es hat sich schnell herauskristallisiert, dass das realistisch ist. Im letzten Jahr hatten wir 63000 Besucher. Dieses Jahr werden wir grob stagnieren, ist halt sportlich alles nicht so gut gelaufen ... aber die nächsten Jahre wird das wieder anziehen.

Bei diesen Zahlen ist das Museum für den Verein also kein Zuschussgeschäft?

Dirk Mansen: Mittlerweile nicht mehr. Seit zwei Jahren schreiben wir schwarze Zahlen und der Betrieb trägt sich selbst. Wir erwirtschaften geringe Überschüsse, die dann in die Ausstellung zurückfließen. 
Der wirtschaftliche Erfolg hängt natürlich auch mit den Stadionführungen zusammen. Wir haben täglich bis zu sieben öffentliche Führungen plus Gruppenführungen, manchmal bis zu 20 Termine am Tag. 71 Prozent der Besucher kaufen ein Kombiticket, besuchen nach der Führung also auch das Museum. Und bei den Einzelbuchungen liegt das Museum sogar vor den Führungen.

Was sollte ein Museum eines Fußballvereins überhaupt leisten?

Dirk Mansen: Es sollte natürlich möglichst umfangreich die Geschichte des Vereins vermitteln, aber auch seine Einstellung und Charakteristika. Vor allem aber sollte es die Leute unterhalten. Ich selbst besuche häufig Ausstellungen und Museen und merke, dass ich anfange, mich mit einem Thema zu beschäftigen, wenn die Ausstellung es schafft, mich zu packen. Ich möchte vermeiden, dass jemand durch unser Museum schlendert, links und rechts ein bisschen guckt, ein Foto von den Pokalen macht und dann wieder geht. Natürlich sind die Pokale wichtig, aber ich finde andere Sachen spannender. Ich denke, unser Museum zeigt mit seiner Vielfalt, dass auch die Geschichten drum herum und die kleinen Dinge wichtig sind.

Sie haben viele Fußballmuseen in Großbritannien besucht. Was können wir von den Briten lernen?

Dirk Mansen: Dort gibt es seit jeher ein ganz anderes Bewusstsein, was das Bewahren von Fußballgeschichte angeht. Im schottischen Fußballmuseum in Glasgow hängt ein Trikot vom ersten Länderspiel Schottland – England von 1872. Das wäre in Deutschland unvorstellbar. Hier gibt es heute noch viele Spieler oder Vereine, die ihre Sachen einfach verschenken oder wegschmeißen. So nach dem Motto: »Wir gucken nach vorne und nicht nach hinten, pack den ganzen Scheiß im Keller mal zusammen, das wird Montag alles geschreddert.« Die Briten haben früh erkannt, welchen Stellenwert der Fußball hat, auch gesellschaftlich, und entsprechend respektvoll gehen sie mit dem Thema um. 



Zieht Deutschland jetzt nach?

Mittlerweile erfährt die eigene Vereinsgeschichte auch bei uns mehr Wertschätzung, das ist eine tolle Entwicklung. An der Anzahl der Fußballmuseen gemessen, stehen wir international inzwischen ganz vorne. Die Vereine sehen jetzt die Chancen, die so ein Museum bietet. Die Bewahrung der eigenen Geschichte gibt einem Verein immer Kontinuität. Sicherlich wird es noch dauern, bis einige Vereine nachziehen, aber ich bin mir sicher, in 10 bis 15 Jahren werden die meisten Bundesligavereine in Deutschland ein eigenes Museum haben, in welcher Form auch immer.



Trägt ein Museum zur Kundenbindung bei?

Dirk Mansen: Nicht nur das, sondern auch zur Kundenfindung! 50 Prozent unserer Besucher sind unter 18, ein Großteil davon Kinder, von Hortgruppen bis hin zu 13- bis 14-jährigen, die hier ihre Geburtstage feiern. Selbst, wenn sie vorher noch nicht HSV-Fan waren, gehen sie hier doch mit leuchtenden Augen raus. Wir haben auch schon kleine Steppkes im St. Pauli-Trikot gehabt, die laut »HSV«-singend das Gelände wieder verlassen haben.


Wie geht das HSV-Museum mit den dunklen Stunden der Vereinsgeschichte um?

Dirk Mansen: Natürlich versuchen wir, auch negative Aspekte der Vereinsgeschichte auszustellen, seien es Spiele oder gesellschaftliche Veränderungen, wie die Zeit des Dritten Reichs. Es gibt auch einige Sachen in jüngster Vergangenheit, die wir noch nachrüsten müssen. Die beiden Halbfinal-Niederlagen gegen Werder zum Beispiel müssen irgendwann nochmal stattfinden, so bitter das auch ist. Aber generell wollen wir alles abbilden, Positives wie Negatives. Das gehört dazu und hilft den Leuten dann vielleicht auch, damit umzugehen. Letztens haben wir auch mal über eine »Galerie der Graupen« diskutiert, mit den 50 schönsten Fehleinläufen und was aus ihnen geworden ist. Die Möglichkeiten sind unendlich.

Die großen Titel des HSV liegen nun schon eine Weile zurück. Wie wichtig sind sie noch für die Selbstdarstellung?

Dirk Mansen: Die Titel spielen immer noch eine große Rolle, weil es immer noch etwas Außergewöhnliches ist, das erreicht zu haben. Den Europapokal der Landesmeister haben bislang nur 21 Vereine gewonnen. Es gibt viele Fans, die das noch live miterlebt haben, und das ist natürlich ein wichtiger Teil der Identifikation und der eigenen Wahrnehmung.
Wenn man diese Vergangenheit hat, dann darf man sie auch haben und darauf verweisen. Gleichzeitig würden wir uns im Moment nie als ernsthaften Meisterschaftsanwärter darstellen. Man muss schon immer glaubwürdig bleiben.

Wie findet das Museum seine Besucher?

Dirk Mansen: Wir werben zu 85-90% mit hauseigenen Möglichkeiten: Webseite, Stadionzeitung, Vereinszeitung, Mailings. Das hat vor allem finanzielle Gründe. Ich hätte natürlich gerne einen höheren Werbeetat. Wenn wir zum Beispiel eine Pressemeldung haben, landet die, wenn überhaupt, im Sportteil. Und selbst da haben wir Mühe stattzufinden. Da muss nur einer umknicken, dann fällt die Meldung vom Museum hinten runter. Eigentlich müssten wir also Geld in die Hand nehmen, um unsere Zielgruppen besser anzusprechen und zu informieren. Insbesondere, um auch an die Leute heranzukommen, die eben nicht die Sportseiten lesen oder nicht HSV-Fans sind. Mit den hauseigenen Mitteln kannst du erstmal nur die Leute informieren, die sowieso HSV-affin oder fußballbegeistert sind. Alles andere ist doppelt schwer.

In den letzten Jahren sind in Deutschland die Fußballmuseen nur so aus dem Boden geschosssen. Wir erklären Sie sich diesen Boom?

Dirk Mansen: Ich glaube, in den Köpfen vieler Leute ist ein eigenes Vereinsmuseum als Idee schon lange vorhanden gewesen. Aber es gab keinerlei Erfahrungswerte. Jetzt, wo es die ersten funktionierenden Museen gibt, haben die anderen die Möglichkeit, Fragen zu stellen, um Fehler zu vermeiden. Je mehr Museen eröffnet werden, desto populärer wird das werden.

Andere Vereine wenden sich also auch hilfesuchend an Sie?

Dirk Mansen: Gerade hat Carl Zeiss Jena von mir ein paar Unterlagen bekommen. Häufig kommen ganz grundlegende Fragen: Wie fange ich überhaupt an? Was soll ich sammeln? Wie bewahre ich Dinge richtig auf? Wie finanziert sich ein Museum? Wie erstelle in ein Konzept?
 Dazu habe ich mittlerweile eine ganze Reihe von Unterlagen in der Schublade.

Um welchen Rat werden Sie am häufigsten gebeten?

Dirk Mansen: Das Grundproblem vieler Leute, die versuchen, bei ihrem Verein ein Museum auf die Beine zu stellen, ist, dass die Vereine denken: Oh Gott, das für ein Loch reiße ich da auf? Und was wird mich das alles kosten? Da ist es wichtig, dem Verein klarzumachen, welche Chancen er damit hat, und wie er damit vielleicht tatsächlich auch irgendwann einmal Geld verdienen kann. Auch bei uns gab es damals viele Argumente gegen ein Museum. Ich kenne also diese Diskussionen und bin froh, wenn ich jetzt anderen helfen kann.

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