Dietmar Jacobs und der fatale Haken

»Ich fühlte kaltes Metall«

Er wollte Wynton Rufers Ball unbedingt erreichen – das kostete ihn die Karriere. HSV-Vorstopper Dietmar Jakobs hatte sich bei der Rettungsaktion in einem Karabinerhaken verfangen. Noch heute hat er deshalb Schmerzen. Dietmar Jacobs und der fatale Haken

Derbystimmung im Volksparkstadion. Wir waren mit dem Hamburger SV mehr schlecht als recht in die Saison gestolpert, nach dem 0:0 gegen St. Pauli am 9. Spieltag der Saison 1989/1990 lagen wir zwei Plätze hinter dem Stadtrivalen auf Rang 16. Auch die Bremer waren mit neun Punkten aus neun Spielen schlecht bedient. Das Spiel war also ein richtungweisendes, über die Rivalität beider Vereine hinaus.
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Um die 20. Spielminute herum starteten wir einen Angriff, der aber rasch mit einem Fehlpass endete. Bremen konterte, das Spielgerät landete am Strafraum bei Wynton Rufer. Unser Schnapper Richard Golz stürmte aus dem Kasten, doch Rufer überlupfte ihn. Ich war nun der einzige Hamburger in Ballnähe und sprintete zum Tor. Mein einziges Ziel: Den Ball von der Torlinie zu schlagen, dementsprechend war der Blick nur auf das Leder gerichtet.

Die Kugel erwischte ich so gerade noch, das Abbremsen misslang. Das Torgehäuse wurde zur Auslaufzone, ich lief ungebremst ins Netz und verfing mich darin. Erste Befreiungsversuche scheiterten. Ich hing irgendwo fest, tastete meinen Rücken ab und fühlte das Tornetz, aber auch kaltes Metall. Schon eilten Physiotherapeut Hermann Rieger und Mannschaftsarzt Gerold Schwarz zu Hilfe. Schwarz erklärte mir, ich hinge nicht im Netz, sondern an einem Karabinerhaken.

20 Minuten, eine Ewigkeit, lag ich im Tor

Der kaputte Haken war Teil einer Befestigungsstange des Torgehäuses und ausgerechnet jetzt schloss er erstmals wieder. Unter Schock spürte ich noch keinen Schmerz. Während ich lag, versuchte Rieger mich zu befreien, aber so langsam wurde klar, dass sich das Metall tiefer verhakt hatte. 20 Minuten, eine Ewigkeit, lag ich im Tor. Zwischenzeitlich hatte man versucht, mich mit einer Flex vom Haken zu trennen. Mit den verschiedenen Gerätschaften in den Fünfmeterraum zog auch langsam der Schmerz in meinen Rücken ein.

Ein Skalpell von Schwarz trennte mich dann erfolgreich vom Karabiner. Er schnitt das eingehakte Stück Fleisch heraus und ich wurde mit dem Gedanken an eine große Fleischwunde ins Krankenhaus eingeliefert. Nach eigentlich erfolgreichem Heilungsprozess stieg ich wieder ins Training ein, motorische Störungen und permanente Schmerzen hinderten mich aber am gewohnten Spiel mit den Mannschaftskollegen.

Bei weiteren Untersuchungen stellte sich heraus, dass bei der Rettungsaktion mehrere Dornfortsätze der Wirbel abgeschlagen und wichtige Nerven durchtrennt worden waren, drei Zentimeter von der Wirbelsäule entfernt. Eine vollständige Regeneration der Nervenbahnen stellte sich nicht ein, Schmerzen und die gestörte Motorik blieben. Meine Laufbahn war durch den Karabinerhaken plötzlich beendet worden.

Ich war damals schon 36 Jahre alt und hatte mich trotz meines laufenden Vertrages bis 1991 psychisch auf das vorbereitet, was nach dem Sport kommen sollte. Mir kam zu Gute, dass ich ohnehin nie so im Rampenlicht gestanden hatte wie mancher Mannschaftskamerad. Das erleichterte mir den Schritt in den neuen Lebensabschnitt. Der Verein hat mich nach dem Unfall nicht weiter unterstützt, doch ich war lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass ich in Zukunft auf mich allein gestellt sein würde.

Zuerst habe ich mich an einem ambulanten Rehabilitationszentrum beteiligt, jetzt bin ich selbstständiger Versicherungsmakler. Die Schmerzen und motorischen Störungen verfolgen mich bis heute, doch ich habe gelernt, damit zu leben. Das Spiel haben wir übrigens gewonnen, mit 4:0.

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