Dieter Schatzschneider über Wissenschaft

»Sie tötet den Fußball«

Der Einfluss der Wissenschaft auf den modernen Fußball ist unbestritten. Darüber kann sich Instinktfußballer Dieter Schatzschneider nur aufregen: »Das ist der größte Scheiß, den es gibt!« Dieter Schatzschneider über Wissenschaftimago
Heft #87 02/2009
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87

Herr Schatzschneider, Wissenschaft und Fußball...

Dieter Schatzschneider: (unterbricht)... ist der größte Scheiß, den es gibt!

Herr Schatzschneider!


Dieter Schatzschneider: Na gut, ein bisschen Wissenschaft ist gut. Aber es muss im Rahmen bleiben. Wenn es überhand nimmt, geht es nach hinten los. Wenn ich in der Winterpause zuviel gefressen habe, muss ich das selbst erkennen. Und wenn ich es nicht erkenne, muss der Trainer es erkennen. Aber heutzutage verlassen sich die Trainer ja lieber auf ihre Experten.

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Sie als Instinktfußballer hätten es sicherlich nicht leicht.

Dieter Schatzschneider: Ich würde kein einziges Bundesligaspiel machen! Wenn meine Trainer Diethelm Ferner oder Ernst Happel nach wissenschaftlichen Aspekten gegangen wären, hätte ich nie auch nur ein einziges Tor geschossen. Ich kannte so viele Trainingsweltmeister, die dann im Spiel nicht mehr zu sehen waren. Von daher ist mir auch heute noch ein Trainer lieber, der das aus dem Bauch heraus entscheidet. Nach dem Motto: »Seine Blutwerte sind bestimmt beschissen, hat wieder nur Currywurst gegessen – aber ich glaube trotzdem, dass er die Tore macht!«

Werden wir in Zukunft Spieler wie Sie, Wolfram Wuttke oder Mario Basler nicht mehr sehen?


Dieter Schatzschneider: Die Gefahr besteht. Wenn so ein Mario Basler in die Mühlen der Wissenschaft geraten wäre, wäre nichts mehr von ihm übrig geblieben. Ich halte das für fatal. Natürlich kommt ein Kreativer beim Waldlauf später ins Ziel als eine Pferdelunge aus dem defensiven Mittelfeld. Wenn ein Trainer danach seine Mannschaft aufstellt, dann wird das nichts – glaub es mir!

Dass ein auf moderne wissenschaftliche Erkenntnisse gestütztes Projekt auch Erfolg haben kann, beweist aber doch Ralf Rangnick in Hoffenheim.


Dieter Schatzschneider: Das muss ich leider zugeben. Aber das hat auch damit zu tun, dass Ralf Rangnick ein toller Trainer ist und mit Sicherheit noch den Großteil der Arbeit selbst macht. Wenn ein Trainer aber alles weggibt, das Konditionstraining, die Taktikschulung, die Leistungsdiagnostik, macht er was verkehrt.

Laktattest, Laufband, EKG: Was mussten Sie über sich ergehen lassen?


Dieter Schatzschneider: Beim Laktattest war für mich nach vier Runden Schluss. Die Wissenschaftler haben zwar gesagt, aufgrund der Blutwerte müsste ich noch können, aber ich habe gesagt: »Nee Leute, es ist aus!«  Vor den Olympischen Spielen 1984 haben sie uns in der Medizinischen Hochschule in Hannover einem Belastungstest unterzogen. Überall Schläuche und Drähte!

Wie haben Sie abgeschnitten?

Dieter Schatzschneider: Wie immer: beschissen.

Ich habe den Verdacht, dass Sie die Wissenschaft so vehement ablehnen, um sich zu rächen, Herr Schatzschneider.

Dieter Schatzschneider: Nicht nur! Ich sage ganz nüchtern: An vielen Stellen braucht es die Wissenschaft nicht. Wir haben früher beim HSV oft Coopertests gemacht. Da musste man in 12 Minuten mindestens drei Kilometer laufen. Wolfgang Rolff war schon nach acht Minuten im Ziel, Wuttke und ich haben eine Viertelstunde gebraucht. Ich hätte denen auch vorher sagen können, wer die bessere Kondition hat. Wozu die Anstrengung?

Wird der Einfluss der Wissenschaft den perfekten Spieler hervorbringen?

Dieter Schatzschneider: Sie wird den Spieler hervorbringen, der 26 Kilometer pro Spiel läuft. Aber ich glaube nicht, dass das die Menschen begeistert, die ins Stadion gehen. Man braucht Spieler, die den genialen Moment haben, die den Ball in den Knick hauen. Schau Dir Ribéry an: Was der macht, das kann man nicht messen! Zuviel Wissenschaft tötet den Fußball!

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