18.04.2013

Diesen Preis bezahlte Cardiff City für den Aufstieg

Farben geändert, Wappen weg

Seite 2/3: »Vollkommen untragbar«
Text:
Titus Chalk
Bild:
Bartosz Nowicki

Für den 55-jährigen Pensionär Mike Roderick von der Initiative »Keep Cardiff Blue« (KCB) war das mehr, als er ertragen konnte und wollte. Roderick ist Anhänger des Klubs, seitdem er an seinem neunten Geburtstag zum ersten Mal im Stadion war, nun kündigte er seine Dauerkarte und gründete mit Gleichgesinnten KCB, um die Fans zu mobilisieren. Eigentlich hatte er zum Spiel gegen Huddersfield eine Kundgebung vor dem Stadion anführen wollen, doch der Gruppe war untersagt worden, auf dem Vereinsgelände zu protestieren. Roderick ist ein durchaus begeisterungsfähiger und optimistischer Mann, aber was in Cardiff passiert, stellt sein Selbstverständnis als Fan auf eine harte Probe. Mal eben nach Lust und Laune sowohl die Trikotfarbe als auch das Wappen zu ändern, empfindet er als »vollkommen untragbar.«

»Anscheinend würden sie lieber in Blau und dafür in der fünften Liga spielen«

Darren und Warren hingegen sehen das ganz anders. Die beiden sind Vater und Sohn und mit ihren Glatzen, Goldkettchen und roten Trikots kaum zu übersehen im Ivor Davies, einem Pub unweit des Stadions. Als Einzige lassen sie sich hier in den neuen Farben blicken und wirken ein wenig angespannt. Ihnen ist anzumerken, dass sie viele unangenehme Fragen über sich ergehen lassen mussten. »Ich habe einige Streitereien mit den Leuten von KCB hinter mir«, erzählt Warren. »Anscheinend würden sie lieber in Blau und dafür in der fünften Liga spielen.« Warren und sein Vater Darren gehen seit 1974 bzw. 1957 ins Stadion und haben keine Lust auf klamme Finanzen und Spiele vor zwei- oder dreitausend Zuschauern wir vor 20 Jahren. Mit der aktuellen, kostspieligen Truppe soll Cardiff stattdessen um den Aufstieg in die Premier League mitspielen. Trotzdem weiß Warren: »Die Traditionalisten sind nicht totzukriegen und werden immer irgendwas zu meckern haben.«

Mike Roderick macht keinen Hehl daraus, dass er mit Leuten in roten Trikots nichts zu tun haben will. Was ihn allerdings noch mehr irritiert, ist die Tatsache, dass Warren und Darren nur auf den ersten Blick in der Minderheit zu sein scheinen. In Wirklichkeit gibt es immer weniger Fans, die bereit sind, sich gegen die neuen Gegebenheiten aufzulehnen. Schlimmer noch: Obwohl die meisten von ihnen lieber in Blau spielen würden, heulen sie aus Angst vor dem finanziellen Ruin inzwischen mit den Wölfen und versuchen, »Keep Cardiff Blue« mundtot zu machen. Bei einer öffentlichen Kundgebung sprachen Mitglieder der berüchtigten Hooligan-Gruppierung »Cardiff Soul Crew« sogar unverhohlen Morddrohungen gegen die Pro-Blau-Fraktion aus.
»Ich begreife nicht, dass die Fans sich auf der Nase herumtanzen, erpressen und einschüchtern lassen, bis sie etwas hinnehmen, was keiner von ihnen will«, sagt Mike. Warren und Darren hingegen fühlen sich keineswegs erpresst oder eingeschüchtert. Die beiden und Mike auf der anderen Seite stehen stellvertretend für die entgegengesetzten Pole der gespaltenen Fangemeinde.

Was will die Mehrheit?

Wie es um den Gemütszustand der Mehrheit bestellt ist, lässt sich nur schwer einschätzen, denn sie ist, wie so oft, eine schweigende. Der Tenor in Internetforen, Kneipen und im Stadion lässt erahnen, dass die meisten Fans lieber blaue Trikots hätten, aber die wenigsten sind bereit, etwas zu unternehmen. Cardiff scheint von einem lähmenden Gefühl der Resignation erfasst zu sein. Die Facebook-Seite von »Keep Cardiff Blue« beispielsweise hat nur 981 »Gefällt mir« gesammelt. Mike beklagt, dass sich die Fans anderer Klubs in ganz Europa mit KCB solidarisieren, aber dass in Cardiff selbst kaum etwas passiert. Bei einer Umfrage unter den rund 700 Mitgliedern des »Cardiff City Supporter’s Trust«, einer gemeinnützigen Organisation, die in Großbritannien in ähnlicher Form schon für viele Vereine ins Leben gerufen wurde, um klubrelevante Entscheidungen zu beeinflussen und wenn möglich Anteile zu kaufen, hielten sich Befürworter und Gegner in Sachen Trikotfarbe die Waage.

Was die 21 000 Zuschauer beim Match gegen Huddersfield denken, darüber kann man nur Mutmaßungen anstellen. Zwar sind einige rote Trikots im Stadion zu sehen, insgesamt aber herrscht eine unbehaglich gedämpfte Atmosphäre. Beim Anpfiff sind ein paar »Bluebirds!«-Rufe zu hören, die fast verlegen verhallen. Nach dem Spiel gibt ein Fan zu, sich ein Tor für den Gegner gewünscht zu haben, um die Zuschauer zu eine Gefühlsausbruch zu zwingen. So aber dauert es bis zur 91. Minute, ehe Kapitän Mark Hudson für die Gastgeber den einzigen Treffer der Partie erzielt.


 
 
 
 
 
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