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Holsten Pilsener

Diese Frau hat seit 20 Jahren kein Spiel des 1. FC Köln verpasst

Die Alles-Alles-Fahrerin

Silvia Krüger hat seit mehr als 20 Jahren kein Spiel des 1. FC Köln verpasst. Aber wie geht so ein Leben zwischen Terminplanung, Reisestress und Herzrasen eigentlich? Wir haben nachgefragt. Diese Frau hat seit 20 Jahren kein Spiel des 1. FC Köln verpasstThomas Rabsch

Das letzte Heimspiel des 1. FC Köln, das sie verpasst hat, war der Sieg 1986 gegen Borussia Dortmund, aber so was würde Silvia Krüger heute selbstverständlich nicht mehr passieren. »Damals musste ich mit meinem Verlobten Urlaub machen. Auf Gran Canaria, es war schrecklich,« sagt sie. Der Verlobte ist auch deshalb schon seit Ewigkeiten ein Ex-Verlobter, während die Liebe zum 1. FC Köln noch weiter gewachsen ist. Inzwischen ist Silvia Krüger nämlich Alles-Alles-Fahrerin. Die Mittvierzigerin hat seit 1989 kein Pflichtspiel des FC ausgelassen und 2001 die Anforderungen an sich sogar noch gesteigert. Seither macht sie auch alle Fanreisen in die Sommer- und Wintertrainingslager mit.

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Krüger kommt aus Langenfeld am Rhein, das genau zwischen Köln und Düsseldorf gelegen ist. Mitten durch die Stadt zieht sich eine eigentlich unüberwindliche Trennlinie, die Altbiergrenze. In Langenfeld fangen die Karnevalsumzüge mit »Helau« an und enden in dem Viertel, wo sie wohnt, mit »Alaaf«. Silvia Krüger stammt aus dem »kölschen Sektor«, wie sie selber sagt, und angesichts der Langenfelder Besonderheiten lag es nahe, dass ihr Vater sie 1977 zum ersten Fußballspiel gerade nach Düsseldorf mitnahm. Mit einer FC-Mütze auf dem Kopf musste sie in den Fortuna-Block. »Als die Düsseldorfer nicht sehr nett zu mir waren, zeigte mein Vater auf den FC-Block und sagte: ›Da drüben jubeln die Guten‹. Ab diesem Zeitpunkt war ich FC-Fan.«

Seit dieser klassischen Vater-Tochter-Fan­initiation wird die ganze Familie in Silvias Fußballwahnsinn eingebunden. Die Schwester geht ebenfalls zu jedem Heimspiel, weshalb die Eltern ihre Verabredungen nach dem Spielplan ausrichten müssen, um die Enkel zu beaufsichtigen. Als 1988 eines Morgens der Opa starb, gewann der FC am gleichen Nachmittag mit 1:0 in Mönchengladbach, und Krüger sang auf der Heimfahrt vom Bökelberg: »So ein Tag, so wunderschön wie heute.« Die Beerdigung des Opas fand selbstverständlich nicht an einem Spieltag statt.

»Bevor in der Zeitung steht, ich sei ein schlechter Chef, geb ich dir frei«

Seit 30 Jahren arbeitet Silvia Krüger in einer Nachbargemeinde von Langenfeld, deren Name mit »Lever-« anfängt und mit »-kusen« aufhört. Einen Großteil davon hat sie im Büro des Oberbürgermeisters gearbeitet und von einer einer extrem flexiblen Urlaubsgestaltung profitiert. »Am schlimmsten war es in der zweiten Liga mit den Montagsspielen in Cottbus und Unterhaching, da musste ich mir Montag und Dienstag freinehmen.« Der OB von Leverkusen zeigte sich kulant, er habe immer gesagt, so erzählt Silvia, »bevor in einer Kölner Zeitung steht, dass ich ein schlechter Chef bin, gebe ich dir lieber frei«. Zurzeit arbeitet Silvia Krüger bei der Projektgruppe »Neue Bahnstadt Opladen« und muss manchmal darum kämpfen, an Spieltagen frei zu bekommen.

Dass es ihr nicht immer leicht fiel, ins Stadion zu gehen, lag aber weniger an den mitunter grausigen Darbietungen ihres Vereins, sondern an Krankheiten. So stand sie in Frankfurt mit 40 Grad Fieber im Gästeblock, viel mitbekommen hat sie nicht vom Spiel, egal, Hauptsache die Serie war nicht gerissen. In Bremen brach sie sich den Fuß beim Sprung von einer Tribüne. Beim nächsten Heimspiel fuhr sie ihr Vater mit dem Auto direkt vor die Südtribüne in Köln, und mit Liegegips kämpfte sie sich bis zu ihrem Stammplatz vor. Inzwischen hat sie sich Überlebensstrategien zurechtgelegt, um im Stadion selbst keine gesundheitlichen Schäden davonzutragen. »Wenn es zu aufregend wird, spiele ich Tetris auf dem Handy, ziehe mir die Mütze ins Gesicht oder renne fünfmal während des Spiels auf’s Klo.« Trotzdem wäre sie bei einem Derby in Leverkusen beinahe im Krankenwagen abtransportiert worden. Sie hatte solches Herzrasen, dass sie dachte, ihr spränge das Herz zum Hals heraus. Damit das Drumherum nicht zu stressig wird, fährt Silvia Krüger mittlerweile so oft es geht mit dem ICE zu Auswärtsspielen (»Im Fanbus läuft ja nur diese schreckliche Schlager­mucke«) und übernachtet vor Ort bei Freunden, die selbstverständlich fast ausschließlich FC-Fans sind. Trotzdem bleibt sogar noch Zeit für »richtigen« Urlaub. Im Spätherbst wartet Silvia Krüger sehnsüchtig auf den Rahmenterminkalender des DFB, um ihre restlichen freien Tage verplanen zu können.

»War das jetzt in Dänemark oder Schweden?«

Unter diesen Umständen stellt sich schon die Frage, ob der Traum aller Kölner Fans vom internationalen Fußball, für Silvia Krüger nicht eher eine Horrorvorstellung ist. Aus ihrer Anfangszeit kennt sie das ja noch, war in Belgrad und zweimal in Glasgow, in Madrid und Norrköping. Bei letzterer Stadt ist sich Silvia nicht mehr sicher: »War das jetzt in Dänemark oder in Schweden?« Man kann schon durcheinanderkommen bei weit über tausend Spielen in den letzten 25 Jahren. Reisen in die europäischen Fußballtempel würden viel Geld kosten und das enge Zeitbudget noch mehr einschränken, oder? »Ach Quatsch, das Geilste wäre doch, mit dem Bus nach Alma-Ata zu fahren. Dann muss ich eben am Urlaub sparen oder an den Trainingslagern. Pflicht geht vor Kür, das ist doch klar.« Doch ob Pflicht oder Kür, als Fan ihres Vereins hat Silvia Krüger die Höchstpunktzahl sowieso verdient.

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