Dienstagskolumne: Zwei deutsche Fans in Istanbul

Der Ernst des Lebens

Unser rasender Kolumnist Lucas Vogelsang war mit seinem Kumpel J. in Istanbul und trank mit alten türkischen Männern Brüderschaft. Wäre Theo Zwanziger vorbeigekommen, hätte er ihnen den DFB-Integrationspreis verliehen. Doch er kam nicht. Dienstagskolumne: Zwei deutsche Fans in Istanbul

Die 11FREUNDE-Dienstagskolumne: Jede Woche machen sich  Lucas Vogelsang, Titus Chalk und Frank Baade im Wechsel Gedanken über den Fußball, die Bundesliga und was sonst noch so passiert. Wenn unser heutiger Kolumnist Lucas Vogelsang nicht gerade für uns unterwegs ist, schreibt er für den Tagesspiegel, textet für Theaterstücke oder flaniert beseelt durch Berlin.

Ganz am Ende, nachdem das Vorüberziehen der Körper langsam verebbt war, ging die letzte Runde irgendwie auch auf Daniel Amokachi. Zumindest war sein Name Teil eines langen Trinkspruches, mit dem Ozcan einen Abend in Istanbul versiegelte, der mit Blicken voller Argwohn begonnen hatte.

Rückblende, zum besseren Verständnis: Zwei Stunden vorher. Das Verglimmen des Resttages hatte J. und mich durch die Undurchdringlichkeit des Verkehrs, auf den von Istanbuler Taxifahrern wortreich verfluchten Umwegen, nach Taksim gespült. An diesen Ort, an dem die Lebensfülle dieser Stadt noch einmal besonders sichtbar wird. Mitten hinein in den nächtlichen Menschenstau der Ausgehmeile. In eine Straße, ganzjährig glitzernd in Adventstimmung  geschmückt, in der hinter Köpfen nur Köpfe kommen, eine Million in jeder Nacht. Wir standen dort, das körpereigene Navi abgestürzt.

Über jeder Terrasse die gleiche Neonreklame

Wohin jetzt? J. wusste da so viel wie ich: Nichts. Wir waren Berliner Nächte gewöhnt, waren, damals, auf der Loveparade im Tiergarten. Das alles half uns jetzt nur wenig. Weil Taksim alles auf einmal war. Berliner Nächte im Quadrat. Eine Parade ohne Techno, ohne Ziel. Was wir allerdings wussten: Wir mussten den Touristenengtanz in der Endlosschleife vermeiden. Und schwappten in eine schmale Seitengasse, keine fünf Meter breit. Restaurants auf beiden Seiten, in der Luft ein flirrendes Stimmengeflecht, überlagert nur vom Sirenengesang der Kellner, die alle frischesten Fisch anboten, den weinigsten Wein, das beste Bier. Was allein deshalb schon nicht stimmen konnte, da über jeder Terrasse die gleiche Neonreklame hing. Ein uniform blaues Leuchten. Efes-Gasse.

Hier, noch mehr als auf der Hauptstraße, das erkannten wir schnell, wurde eine radikale Variante der »Reise nach Jerusalem« gespielt, bei der sich die Teilnehmer – wir, die, alle – zu einer Musik, die nicht aufhörte zu spielen, an Stühlen vorbei schoben, die schon lange besetzt waren. Und doch fanden wir schließlich, wie genau weiß ich nicht mehr, zwei Plätze an einem schmalen Tisch. Zwei Finger in der Luft, das Touristentürkisch auf den Lippen: »Iki Cin Tonic, istijorum!« Zwei Gin Tonic, bitte. Kellnernicken.

Nun zogen die Körper an uns vorbei und wir begannen zu faseln. Ein Reisegespräch, ein Istanbulstaunen, das auch am Nebentisch nicht unbemerkt blieb. Drei Männer saßen dort. Bilderbuchtürken, Bosporusgesichter. Alle ungefähr Mitte Dreißig. Sie beobachten uns. Und man merkte ihren Gesten an, dass sie mit uns nichts anfangen konnten. Ich kannte das. Es war uns bereits am Flughafen so gegangen, bei der Passkontrolle. Denn J. ist halb Deutscher, halb Togolese. Und aus irgendeinem Grund schien den Grenzbeamten diese Kombination zu überfordern. Etwa eine Minute huschten seine Augen zwischen J. und dessen weinrotem Reisepass hin und her, bis er schließlich doch etwas widerwillig den Stempel in das Dokument drückte. Nun huschten auch die Augen der drei türkischen Männer, als müssten auch sie erst einen Pass sehen, um zu verstehen.

Lautes, schallendes Türkengelächter

Stattdessen aber drehte sich der eine zu uns. Frage, durch den Rauch seiner Zigarette hindurch: Where are you from? Almania. Er sah mich an, nickte. Dann zeigte er auf J. Und er? – Almania! Fragezeichen in den Gesichtern. Großer Schluck aus dem Efes-Glas. Kein Araber? J. musste lachen: Nein, kein Araber. Und nachdem er in groben Zügen seinen Stammbaum in die Nacht gezeichnet hatte, schüttelten wir die fragenden Hände. Durch den Rauch seiner nächsten Zigarette stellte Ozcan sich und seine Freunde vor. Echte Istanbuler, wie er betonte. »Keine Araber?«, fragte J. – lautes, schallendes Türkengelächter. Und noch bevor darauf eine merkwürdige Stille folgen konnte, fing Ozcan an, über Fußball zu sprechen. Über Besiktas (»Der einzige richtige Verein in Istanbul!«) und über seine Freunde, die als Anhänger von Antalyaspor und Fenerbahce noch nicht verstanden hätten, dass Besiktas der einzige richtige Verein in dieser Stadt sei.

 
Die anfängliche Distanz löste sich auf. Tische wurden zusammen geschoben, Zigaretten herumgereicht. Große Verbrüderungsgesten. Schließlich legte Ozcan J. die Hand auf die Schulter und sagte, breit grinsend: »Seit Amokachi hier gespielt hat, lieben die Fans die Afrikaner.« Sollte also heißen: Alles kein Problem. Und Deutsche würden, seit Schuster hier war, in Besiktas ohnehin ein hohes Ansehen genießen. Die anderen nickten, Erinnerungen an die Tage mit dem blonden Engel, und begannen tatsächlich, mit derselben Ehrfurcht über den Trainer Schuster zu sprechen, wie sonst nur Nostalgiker über den Spieler.

Dann sagte einer der anderen »Fabian Ernst«, womit auch endlich das gemeinsame Thema gefunden war, weil J. ein gebürtiger Bremer ist und Fabian Ernst noch aus jener Zeit kennt, als an der Weser die Raute erfunden wurde. Damals 2004, in Schaafs Meisterjahr. Dass mit Ümit Davala zudem ein türkischer Nationalspieler Teil dieser Bremer Mannschaft war, beschleunigte den weiteren Gesprächsverlauf noch einmal zusätzlich. Türkische Fußballer in Deutschland, Bremen, Schuster.

Milchige Glückseligkeit in kleinen Gläsern

Klar war da ja auch, dass nun an diesem Tisch – zwei Deutsche, drei Türken – über Mesut Özil gesprochen werden musste, der ja viel mehr von Schuster hat als von Ümit Davala. Da waren wir uns ziemlich schnell einig. Konsens: Gut für Deutschland, dass Deutschland den Özil hat. Schlecht für die Türkei, dass die Türkei Özil nicht hat. Noch eine Runde Efes. Und einen Raki für meine Freunde. Okay, für meine guten Freunde. Ozcan lachte wieder dieses Istanbul-Lachen. Dazu milchige Glückseligkeit in kleinen Gläsern.

Den Rest der Nacht saßen wir mit gelockerten Zungen unter einem Baldachin aus Leuchtreklamen, im Surren einer Nacht und tranken auf Mesut Özil. Ozcan aus Istanbul, der für einen Moment vergessen hatte, dass Besiktas der einzige richtige Klub in dieser Stadt ist, seine Freunde, die froh darüber waren, J., der kein Araber ist, dafür aber mindestens der legitime Nachfahre von Daniel Amokachi und ich, den Ozcan später noch ein paarmal »Guti« nannte, wegen der blonden Haare. Wäre Theo Zwanziger in diesem Moment vorbei gekommen, der DFB hätte daraus wahrscheinlich einen Werbespot gemacht. Daha entegrasyon. Mehr Integration. Doch Zwanziger ließ sich an diesem Abend nicht blicken. Oder er war da, hat uns beobachtet und wurde dann von der Menschenflut Taksims mitgerissen.

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