Dienstagskolumne: Ein Fußballfan beim American Football

Wie im Titty-Twister

Unser Kolumnist Lucas Vogelsang hat Urlaub gemacht. In den USA. Im American-Football-Land. Schon am ersten Tag fand er sich in einer Kneipe zwischen fresssüchtigen Menschen und grenzdebiler Glückseligkeit wieder. Ein Bericht aus der Vorhölle. Dienstagskolumne: Ein Fußballfan beim American Footballimago

Die 11FREUNDE-Dienstagskolumne: Jede Woche machen sich  Lucas Vogelsang, Titus Chalk und Frank Baade im Wechsel Gedanken über den Fußball, die Bundesliga und was sonst noch so passiert. Wenn unser heutiger Kolumnist Lucas Vogelsang nicht gerade für uns unterwegs ist, schreibt er für den Tagesspiegel, textet für Theaterstücke oder flaniert beseelt durch Berlin.


Irgendwie war ich in einen dieser verdammten Sonntage hineingeraten. Eher zufällig, in jedem Fall aber unfreiwillig. Und nun stand ich da, 13 Uhr, San Diego, Kalifornien, in einer schreibunten Footballkneipe neben einem 1,90 Meter großen Hünen, der sich, schulterlanges blondes Haar, die Physiognomie eines McFit-Vortänzers, für die Inkarnation des Donnergottes Thor hielt.

[ad]

Das T-Shirt mit dem hammerschwingenden Marvel-Heroen vervollständigte lediglich sein gesamtkörperliches Statement. In seiner rechten Hand trug Thor eine XXL-Starkbierdose, die sich im Verhältnis zu seiner germanischen Gigantenphysiognomie jedoch eher wie eine dieser 0,2-Fußgängerzonen-Giveaways koffeinhaltiger Limonaden ausnahm. Seine linke Hand nutzte er unterdessen, um mich in regelmäßigen Abständen mit einem jovialen durchaus auf der Richterskala messbaren Schulterklopfen zu bedenken. Ich war allerdings nicht nur deshalb ziemlich erschüttert. Der ganze Ort glich einer LSD-Fantasie der National Lampoons.

Die moderne Interpretation Dalìs in Zeiten der Globalisierung

Und eigentlich hätte ich auch gar nicht dort sein dürfen. Es war ein Irrtum, wie er einem sonst nur unter dem Einfluss seichter Wanderdrogen unterläuft. In diesem Fall aber hatte mich mein Jetlag an diesen Ort gespült. Ich war erst in der vorherigen Nacht angekommen. Und nun irgendwie dazwischen, weil sich die Zeit während des Fluges von Paris über Salt Lake City bis nach San Diego zwischen den Kontinenten aufgelöst hatte, in unansehnlichen Schlieren verlaufend. Die moderne Interpretation Dalìs in Zeiten der Globalisierung.

Nach meiner Ankunft hatte ich mir noch tollkühn den Wecker gestellt. Auf Sechs Uhr, um trotz neun Stunden Zeitunterschied die Bundesliga nicht zu verpassen. Ein Unterfangen, das dem Versuch glich, sich nach einer durchzechten Nacht für den vegetarischen Vitaminbrunch mit den Schwiegereltern zu motivieren. Natürlich verschlief ich die Bundesliga. Geweckt wurde ich erst durch meinen Gastgeber. Es war bereits Mittag. Sonntagmittag. Und die kalifornische Sonne schien durch die Lamellen meiner Jalousien, schnitt den Raum in Streifen aus Licht und Schatten.

Sitzgeisterbahn für Surfveteranen

Mein Gastgeber war hellwach und längst von Kaffee (stark) zu Bier (light) übergegangen. Er trug das weiße Trikot der Chargers, dem NFL-Team San Diegos. In einer Stunde war Kickoff. Und es war klar, dass ich mitkommen musste. Keine Diskussionen. Hier galt: Morgenstund hat Colt im Mund. 30 Minuten später standen wir vor einer Kneipe, halb Sitzgeisterbahn für Surfveteranen, halb vergilbte Titty-Twister-Hommage, in der tatsächlich bereits die Hölle losgebrochen war. Die American Football-Hölle.

Man muss sich das Ganze vorstellen wie in einer billigen Sci-Fi-Serie, in der eine Gruppe Wagemutiger durch Löcher im Raumzeitkontinuum in andere Dimensionen reist. Meist sieht dort auf den ersten Blick alles genauso aus wie bei uns. Aber schon nach kurzer Zeit wird diese Wahrnehmung durch erst kaum merkliche und schließlich kaum mehr zu übersehene Unterschiede perforiert. Die Andersartigkeit des Paralleluniversums macht sich dabei vor allem in den kulturellen Unterschieden bemerkbar, den Sitten und Gebräuchen. Oder den Umkehrungen sonst klar definierter Kräfteverhältnisse. Cousinenhochzeiten, Kannibalismus, Hunde führen Menschen Gassi. Erich Ribbeck als gefeierter Held eines Sommermärchens. So in der Art.

Volume am Anschlag. Bier in Strömen. Burger in Körben.

Und genauso funktioniert auch ein Footballnachmittag an der Westküste der USA. Natürlich gibt es auch in Deutschland Kneipen, natürlich wird auch in diesen Kneipen hin und wieder während 90 Fußballminuten bis zur Besinnungslosigkeit gesoffen. Aber das hier war anders. Größer, lauter, schriller. Als würde mit jedem geöffneten Bier eine Konfettibombe explodieren, und bei jedem Meter Raumgewinn eine Marchingband den schmatzenden Chor unterstützen. Das Spiel lief auf etwa einem Dutzend Flachbildschirmen, halben Kinoleinwänden. Auf sieben weiteren wurden die zeitgleich ausgetragenen Begegnungen gezeigt. Volume am Anschlag. Bier in Strömen. Burger in Körben. Neben mir Thor. So ähnlich muss es sich im Inneren eines Flipperautomaten anfühlen.

Das ritualisierte große Fressen, meinen Gastgeber hatte es schnell verschluckt. Kein Mund, der nicht in Bewegung war, keine Zähne, die nicht kauten, keine Lippen, die nicht schlürften. Der Beginn eines Footballspiels, so schien es, ist vor allem der Startschuss für ein vier Stunden andauerndes Gelage. »That’s like your Oktoberfest«, ließ mich Thor schließlich wissen, Starkbierspucke spuckend. Jeden Sonntag Oktoberfest, da würde selbst Christian Ude verrückt werden. Und eigentlich hätte ich an dieser Stelle gehen sollen. Draußen glitzerte die Herbstsommersonne, ein Tag wie aus den Liedern der Mamas und Papas.

Am Ende: Die Wahrheit über Football!

Doch so wie man bei einem Bad in Eiswasser irgendwann die Kälte nicht mehr spürt, weil die Glieder taub werden, hatte ich nach einer Viertelstunde Dauerbeschallung einen Zustand grenzdebiler Glückseligkeit erreicht, das Jetlag tat sein Übriges. Thor bestellte noch zwei XXL-Biere, beim ersten Touchdown der Chargers umarmte ich seinen Oberschenkel. Und ganz am Ende schenkte mir dieser Nachmittag noch eine dieser Wahrheiten, die man nur in der bierschwangeren Luft einer Kneipe finden kann. Thor wankte bereits, die Chargers führten uneinholbar, der richtige Augenblick also für den großen Erkenntnisgewinn. »Do you know why they call this game Football?«, fragte Thor. Ich wusste es nicht. Die Antwort schwamm im Kielwasser eines letzten donnernden, hammerschwingenden Schulterklopfers. »Because the Ball is one Foot long«, sagte Thor. Dann zerdrückte er die Bierdose an seiner Stirn. Wie an jedem verdammten Sonntag.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!