Dienstagskolumne: Ein Besuch bei der Frauen-Champions-League

Mit der Sexismus-Faust

Champions League in Berlin, das wird es wohl frühestens zu Otto Rehhagels 90. Geburtstag wieder geben. Zumindest glaubt das unser Kolumnist Lucas Vogelsang und reiste deswegen nach Potsdam um ein bisschen Königsklassenluft zu schnuppern.


Die 11FREUNDE-Dienstagskolumne: Jede Woche machen sich  Lucas Vogelsang, Frank Willmann, Titus Chalk und Frank Baade im Wechsel Gedanken über den Fußball, die Bundesliga und was sonst noch so passiert. Wenn unser heutiger Kolumnist Lucas Vogelsang nicht gerade für uns unterwegs ist, schreibt er für den Tagesspiegel, textet für Theaterstücke oder flaniert beseelt durch Berlin.

Ich sitze also in der S-Bahn und fahre zur Champions League. Geil, könnte man jetzt sagen. Landesmeister, Flutlicht. Große Namen, großer Fußball. Doch dann, ein kaum merklicher Knick in der Streckenführung, biegt der Zug hinter Westkreuz, drei Stationen vom Olympiastadion entfernt, links ab in Richtung Potsdam Hauptbahnhof. Denn für den Berliner liegt Fußballeuropa derzeit allenfalls in Babelsberg, Karl-Liebknecht-Stadion, Heimat des 1. FFC Turbine Potsdam.

In Charlottenburg, nur wenige Kilometer geradeaus, ist von der einstigen Europapokal-Euphorie schließlich nicht viel mehr übrig als Abstiegstristesse und Zukunftspanik, wie sie derzeit allenfalls noch bei Schlecker zu spüren ist. In beiden Fällen: Blauweiße Scherben. Der Ausverkauf hat längst begonnen. Das Nebelspiel gegen Barcelona, der Triumph über den AC Mailand liegen mehr als zwölf Jahrezurück.Champions League wird es in Berlin wohl frühestens wieder zu Otto Rehhagels 90. Geburtstag geben.


Danke dafür, Michael Preetz

Also heute Frauenfußball. Uefa Women’s Champions League. Danke dafür, Michael Preetz. Für mich ein Abend wie der Sat1FilmFilm. Weltpremiere. Frauenfußball, das habe ich bisher noch nicht gemacht. Deshalb sitze ich auch nicht allein in der S-Bahn, sondern mit Neele, 28 Jahre alt, angehende Juristin. Und ausgewiesene Expertin. Für Frauen, klar. Und irgendwie auch für Fußball. Genau bekomme ich es nicht mehr zusammen, aber Neele wurde, glaube ich, auf der Südtribüne des Westfalenstadions zur Welt gebracht. Ein schwarzgelbes Baby. Beim Frauenfußball war sie allerdings auch noch nie. Dafür aber mal live bei Hessen Kassel, weshalb sie sich jetzt, Bahnhof Babelsberg, zu der kühnen Aussage hinreißen lässt, viel schlechter könne es ja heute Abend auch nicht werden. Naja, sage ich, wir werden sehen.

Im Stadion dann zumindest: Flutlicht. Und auch ein bisschen Zeitreise. Stehplätze zu sechs Euro, Kiebitze mit Lederkappen. Ohnehin ist das ein Setting, das jedem Ostalgiker die Tränen in die Augen treiben könnte. Da empfängt ein Verein, der ja tatsächlich immer noch Turbine heißt einen Vertreter aus Russland. FC Rossijanka.
Neele, neben ihrer ausgemachten Expertise für Frauen und Fußball auch noch überzeugte Linke, fühlt sich da natürlich sichtlich wohl. Fehlt zu ihrer persönlichen Volksglückseligkeit eigentlich nur noch, dass gleich Gregor Gysi als Einlaufkind an der Hand Viola Odebrechts den Rasen betritt. Auferstanden aus Turbinen.

Zum Anpfiff dann aber kein Gysi und auch keine Hymne. Champions League ohne Ford und Playstation, wider den Kommerz.  Zauberhafte VEB-Romantik. Das Spiel hält dann schnell, was es versprochen hat. Bisschen Kick and Rush, hin und wieder Strafraumszenen, bei denen einige Zuschauerinnen immerhin in eine Kreischekstase verfallen, als wäre soeben Robbie Williams auf der Haupttribüne gesichtet worden.
Zeit genug allerdings, um sich jetzt mal mit Neele an den gängigen Frauenfußballklischees abzuarbeiten. Erste Runde. Harmloser Einstieg zum Warmwerden: »Ist der Ball eigentlich größer, als bei den Männern?« Neele schaut mich kurz an, als hätte ich sie soeben gebeten einen Mitgliedsantrag für die FDP auszufüllen. Inklusive Abendessen mit Christian Lindner. Dann, nach einer kurzen Pause, sagt sie, völlig unaufgeregt: »Das Problem ist, dass die Frauen einfach weniger Kraft hinter den Ball bringen. Alles eine Frage der Physis. Daran kann man nichts ändern.« Hm, okay. Da spricht dann doch eher die Juristin, als ein Hooligan mit Emma-Abo.

Dann eben gleich noch einen hinterher, volle Chauvi-Breitseite: »Frauenfußball und Männerfußball sind ja im Grunde zwei völlig verschiedene Sportarten.« Neele zündet sich eine Zigarette an, bläst mir den Rauch ins Gesicht, fragt: »Hast Du Dir diesen Scheiß vorher zurecht gelegt?« Dann schweigt sie. Egal, einen hab ich noch. Die letzte Patrone in der Machoflinte. Rossijanka im Angriff mit Cristiane, brasilianische Vizeweltmeisterin von 2007. Das ist meine Chance. »Immerhin hat die Brasilianerin einen echt geilen Hintern.« Astreine Bohlen-Diktion, da muss doch jetzt was gehen. Wenigstens die Sexismus-Faust direkt auf den Solarplexus. Aber Neele ist mir auch diesmal einen Gedankenschritt voraus: »Wirst Du jetzt auch noch rassistisch?« Sie dreht sich in einem Hundertgradwinkel von mir weg. Sagt dann aber noch, so halb über die Schulter: »Ich hoffe das war’s jetzt. Ich will hier Fußball schauen.«

Männer auf dem Damenklo

Den Rest der ersten Halbzeit verfolgen wir schweigend. Potsdam schießt zwei Tore. Dann ist Pause. Und immerhin mache ich hier noch eine interessante Entdeckung. Vor den Toiletten spielt sich ein unwirkliches Schauspiel ab. Vor allem, wenn man bedenkt, dass das ja heute Frauenfußball ist. Während sonst bei jeder Großveranstaltung das Frauen-WC so hoffnungslos überlaufen ist, dass die Damen auf die Kabinen der Männer ausweichen, geht hier alles ganz ohne Anstehen. Und während ich noch darüber nachdenke, woran das liegen könnte, kommen tatsächlich zwei Herren aus der Tür mit dem weiblichen Piktogramm.

Zurück auf der Tribüne erzähle ich Neele davon, auch um die Atmosphäre zu entgiften. Sie nickt, ja, das habe sie auch noch nicht erlebt. Doch gerade bevor mir die ersten Zweifel an der femininen Seite dieser Veranstaltung  in Babelsberg kommen könnten, führen drei junge Frauen, Ugg-Boots in zartrosa, Fingernägel komplementär, in der Reihe vor uns ein absurdes Mädchentheater auf. Bevor sie sich auf die Hartplastikschalen setzen, holt eine von ihnen ein Taschentuch aus ihrer schmalen Handtasche, einer Clutch, wie mich Frauenexpertin Neele aufklärt. Sie wischt über die Schale mit einem sichtlich einstudierten Dschungelprüfungs-Gesichtsausdruck. Das ist dann aber selbst Neele zu viel, sie beugt sich nach vorne, tippt der vom Ekel geschüttelten Clutchträgerin auf die Schulter und sagt: »Ihr habt früher nie im Dreck gespielt, oder?« Blonde Verblüffung. Und dann noch mal Neele: »Und jetzt setz Dich endlich hin, das ist Fußball.« Nicht schlecht, denke ich, so etwas habe ich selbst im Olympiastadion noch nicht erlebt.

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