17.04.2012

Dienstagskolumne: Besuch in der Berliner VIP-Hölle

Wodka, keine Seele

Unser Kolumnist Lucas Vogelsang hat es dieser Tage schwer: Nicht nur, dass seine Hertha kurz vor dem erneuten Gang in die Zweite Liga steht, nein, er wird sogar aus VIP-Logen verwiesen. Ein Besuch in der Abstiegshölle.

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Die 11FREUNDE-Dienstagskolumne: Jede Woche machen sich Lucas Vogelsang, Frank Willmann, Titus Chalk und Frank Baade im Wechsel Gedanken üb er den Fußball, die Bundesliga und was sonst noch so passiert. Wenn unser heutiger Kolumnist Lucas Vogelsang nicht gerade für uns unterwegs ist, schreibt er für den Tagesspiegel, textet für Theaterstücke oder flaniert beseelt durch Berlin.


Der gefühlte Abstieg hatte an diesem Abend 40 Volumenprozent. Klare Sache. Absolut. 1:2 gegen den SC Freiburg, zuhause, mit einer Mannschaft, so seelenlos, dass sie nicht mal der Teufel holen würde, wäre er nicht ebenfalls längst unterwegs in Richtung Zweite Liga. Das war's. Da gab es, zumindest für  H. und mich, keinen Zweifel. Auch deshalb saßen wir, zwei Stunden nach dem Abpfiff, noch immer im Bauch des Berliner Olympiastadions, wie paralysiert auf zwei Barstühlen an einem langen Tresen. Um uns herum: Nichts als Abstiegsgespenster. Die große Trostlosigkeit.  Was zum einen natürlich am Spiel selbst lag, an dieser Saison ohne Höhepunkte, an der Hauptstadttristesse, an Michael Preetz. Zum anderen aber auch an der Kulisse für dieses Trauerspiel.
Denn anders als sonst hatte uns der Abpfiff nicht aus dem Stadion getrieben, raus auf die Terrassen, oder direkt in die S-Bahn, um mit Zehntausend anderen den sprachlosen Heimweg der Desillusionierten anzutreten. Stattdessen hingen wir in der Säulenhalle der DB-Lounge, zusammen mit ein paar Übriggebliebenen, die von echten Hertha-Fans so weit entfernt waren wie Otto Rehhagel von modernem Fußball.


Wachteln an Haifisch in Aspik

Auf einem der siebzehn Flatscreens an den hohen Wänden liefen, wie zum Hohn, noch einmal die Highlights des Spiels, am Nebentisch wurde der Mitternachtssnack eingenommen: Kaninchen gefüllt mit kleinerem Kaninchen, oder Wachteln an Haifisch in Aspik, genau konnte ich das nicht sagen. Dazu gab es Weißwein. Und ich begann mich zu fragen, was das alles sollte, wie wir eigentlich hier gelandet waren.

Es hatte ja alles wunderbar launig begonnen. Mit einem Anruf von H., einem dieser Freunde von früher, die ich schon kannte, als Hertha BSC noch in der Champions League gespielt hat. Er ist ein sehr alter Freund. H. hatte Karten für die DB-Lounge organisiert. Und das hörte sich gar nicht so schlecht an. Beheizte Sitzschalen, Schampus und Scampi satt, dazu Hostessenballett und eventuell sogar ein Meet-and-Greet mit Axel Kruse oder anderen Kiezgrößen.

Ich weiß nicht genau, wie H. an diese Karten gekommen war. Aber ich glaube, dass er einen kennt, der einen kennt, der mal einen getroffen hat, der auf einer Grillparty von Hugh Hefner war. H. hat da so Kontakte. »In die Industrie«, wie er sagt. Zumindest das mit den Kiezgrößen war also gar nicht so abwegig. Es hätte demnach ein großer Abend werden können. Nur hatte ich vergessen, wie weit Schein und Wirklichkeit im Olympiastadion immer wieder auseinander klaffen. Nicht nur auf dem Spielfeld.

Rach von RTL hätte zu weinen begonnen

Denn die DB-Lounge hatte so gar nichts von der dekadenten Hüpfburg für den Eventfan, der ja als Schal nie die Vereinsfarben, sondern immer gleich, Strauss innovativ, Burberry trägt. Hohe, schmucklose Decken, Tische, hergerichtet wie für eine unsichtbare Hochzeitsgesellschaft, als Deko ein paar Hertha-Fähnchen.  Mehr zweitklassiger Hades als paradiesischer Exklusivbereich. Wenn dieser Rach von RTL jetzt zufällig vorbei gekommen wäre, er hätte zu weinen begonnen.

Am Empfangsschalter begrüßte uns immerhin eine Armada Hostessen, beigefarbene Uniformen, Hostessenlächeln, die ganz offensichtlich von Heidi Klums Vorcasting ohne Umwege ins Olympiastadion überführt worden war. Die übliche Verwertungskette des Superstar-Versprechens.

H. und mir aber war das insofern egal, weil wir gar nicht vorhatten, hier länger als nötig zu bleiben. Der Plan war klar: Direkt an die Bar, ein paar Drinks bestellen, noch ein paar Drinks bestellen und dann raus auf die Tribüne, um den Abstiegskampf durch einen sanften Schleier des unteren Promillebereichs zu verfolgen.

An der Bar aber: Der erste Rückschlag. Keine Drinks, nur Bier. Da war das Spiel, zwanzig Minuten vor Hubniks Eigentor, irgendwie schon gelaufen. H. jedenfalls stand etwas ungläubig vor dem Barkeeper, der, das nur nebenbei erwähnt, die kürzestes Krawatte der Welt trug, und versuchte es noch mal, die Worte sehr langsam formend, als hätte ihn der Junge hinter dem Tresen zuvor einfach nur nicht richtig verstanden: »Londrinks?« Kopfschütteln. Okay, das muss man H. lassen, er ist einfach nicht der Typ, der gleich aufgibt: »Aber ihr habt Futschi.« Nun schaute ihn der Barkeeper an, als hätte er ihn tatsächlich nicht verstanden: »Was ist das?«

Futschi? Billiger Weinbrand und Cola!

H. entglitten kurzzeitig die Gesichtszüge. Nun muss man dazu wissen, dass Futschi so etwas wie das Nationalgetränk der Hertha-Fans ist. Das Rezept ist denkbar einfach und wird an dieser Stelle im exakten Wortlaut von H. noch einmal wieder gegeben. H., zum Barkeeper, überaus sachlicher Jean-Pütz-Ton: »Futschi ist eine Mischung aus dem billigsten Weinbrand, am besten Goldkrone von der Tanke und Cola. Kann auch gerne Rivercola sein. Im Idealfall in einem 1:1-Verhältnis.« Nee, sorry, so was gibt es hier nicht. Da war nichts zu machen. Also zwei Bier zum Mitnehmen, im Plastikbecher.

In Richtung Tribüne: Selbes Lächeln, selbe Uniformen. Super Plätze links von der Ehrenloge. Nur eben kein Superspiel. Die folgenden 72 Minuten sind dann auch schnell zusammengefasst. Eigentor Hubnik, Halbzeitpause, Tor von Freis. Danke, genug gesehen. Jetzt hätten wir auch eigentlich gehen können. Raus auf die Terrassen, draußen den Abstiegsfrust, Trauer und Trotz im 1:1-Mischverhältnis, in Futschi ertränken. Aber kurz vor dem Ausgang sagte H. noch eines dieser verhängnisvollen Worte, die immer so harmlos klingen, meist dann aber doch der Auftakt zum großen Abriss sind: Wegbier. Klar, Wegbier.

Also setzten wir uns wieder an die Bar, zur kürzesten Krawatte der Welt. Zwei Bier später lief das Spiel, zusammengeschnitten, tonlose Endlosschleife, auf den ungefähr siebzehn Flatscreens. Am Nebentisch: Weißwein. Und mit Wachtel gefülltes Kaninchen. Wie schon erwähnt: Nichts als Abstiegsgespenster.

Doch plötzlich waren wir nicht mehr allein. Zwischen uns, und ich habe tatsächlich keine Ahnung, wie er da hingekommen war, saß plötzlich ein Typ mit gelbem Staubmantel und Herthaschal um den Hals. Seine Physiognomie eine erschütternde Hellboy-Remniszenz. Die Augen aber: Herthafantraurig.  Mit seiner rechten Hand umklammerte er ein Bierglas. Und sagte immer wieder: »Dieser Preetz.« Fast rotzte er den Namen auf den Boden. Dieser Preetz. Dann, unvermittelt, schlug er mir seine Pranke zwischen die Schulterblätter: »Ich kenn dich doch, du Arschloch!« Großes, markerschütterndes Hellboy-Lachen. Da hatte ich jetzt schließlich mein Kiezgrößen-Erlebnis. Wieder Pranke, diesmal als Schraubstock um den Hals. Er hatte mich also erkannt, dachte er zumindest: »Du Arschloch, du bist doch hier einer von diesen Schauspielern. Sat1, Gute Zeiten, schlechte Zeiten, hier. DSDS!« Genau.

H. hatte derweil, um sein Futschi-Trauma zu bewältigen, an der Bar eine Literflasche Wodka gekauft. Einfach so: »Auf den Abstieg!« Er füllte drei Gläser, reichte je eins an mich und den Hellboy-Typen, der aber abwinkte: »Ich trinke keine harten Sachen.« Dafür aber schlug er jetzt H. auf den Rücken, du Arschloch. Längst hatten sich einige Hostessen von gähnender Langeweile getrieben, in unmittelbarer Nähe versammelt.

»Es wäre besser, wenn Sie jetzt gehen«

H. wollte sie nun teilhaben lassen, am Schmerz, am bitteren Abstiegskummer, wollte einen ausgeben. Geteiltes Leid, man kennt das ja. Aber die Hostessen lächelten nur. Was ging sie das an, das hier war nur ein Job. Morgen früh ist wieder Castingzeit. Dafür aber reagierte der Security-Chef auf unsere Einladung, ein Heino-Ferch-Double mit Knopf im Ohr: »Es wäre besser, wenn Sie jetzt gehen.« Er meinte tatsächlich uns. 

Denn erst da fiel mir auf, dass der Hellboy-Herthaner verschwunden war, und mit ihm die Flasche Wodka, die er sich noch schnell unter seinen Staubmantel geklemmt haben musste. Zurück blieb der leere Platz zwischen mir und H. Kein Futschi, kein Wodka, keine Seele. Ein Ort wie ein Abstieg. Das war's. Daran gab es keinen Zweifel.


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