22.06.2012

Die zweite Reihe könnte heute zum Zug kommen

Drohung von der Bank

Joachim Löw hat bisher einer festen Stammelf vertraut, dabei ist die Ersatzbank so gut besetzt wie noch nie. Gegen die sperrigen Griechen könnte er heute die Qualität aus der zweiten Reihe benötigen.

Text:
Stefan Hermanns
Bild:
Imago

Per Mertesacker machte sich keine Gedanken um sein Bild in der Öffentlichkeit, er wollte einfach nur hilfsbereit sein. Der Innenverteidiger erhob sich von seinem Platz, ging an die Seitenlinie und reichte Thomas Müller ein Handtuch. Der große Thomas Häßler hat, als er schon nicht mehr ganz so groß war, auch einmal niedere Dienste verrichtet. In einem Pokalspiel schleppte er einen Sechserträger mit Getränken übers Feld. Das Bild wurde anschließend immer wieder hervorgekramt, um Häßlers Abstieg vom Weltmeister zum Wasserträger zu illustrieren. Per Mertesacker ist davon weit entfernt – auch wenn er bei der Europameisterschaft noch nicht eine Sekunde gespielt hat.

Vermutlich hat der Verteidiger vom FC Arsenal nicht in erster Linie an sich selbst gedacht, als er Mitte Mai über die neue Qualität der deutschen Nationalmannschaft philosophierte, über die üppigen personellen Möglichkeiten des Bundestrainers. Inzwischen könne jeder jeden ersetzen, sagte Mertesacker. »Wir brauchen das auch, um vielleicht im Viertel- oder Halbfinale noch einmal den besonderen Kick zu bekommen. Vielleicht hat uns das in den letzten Turnieren gefehlt.« Und vielleicht kommt es den Deutschen schon heute im Viertelfinale gegen die Griechen zugute.

»Alle, die dabei sind, können auch spielen«

Wenn man wissen will, welch erfreuliche Entwicklung der deutsche Fußball genommen hat, muss man nur auf die Ersatzbank schauen. Da sitzen bei dieser EM neben Mertesacker: Miroslav Klose, der zweitbeste Torschütze der Länderspielgeschichte, Toni Kroos, der einmal als Jahrhunderttalent geführt wurde, Mario Götze, der Kroos inzwischen beerbt hat, und Marco Reus, der beste Spieler der abgelaufenen Bundesligasaison. »Es ist ein gutes Gefühl, wenn ich weiß, dass von der Bank immer Qualität in unser Spiel kommt«, sagt Joachim Löw. »Alle, die dabei sind, können auch spielen.« Am Sonntag gegen Dänemark nahm der Bundestrainer nach einer Stunde Lukas Podolski vom Feld. »Er hat nicht mehr viel gemacht«, sagte sein Gegenspieler Lars Jacobsen. »Der Typ, der dann reinkam, war viel gefährlicher. Der hatte viel mehr Speed in den Beinen und hat mir einige Probleme gemacht.« Der Typ war André Schürrle.

Marco Reus sitzt im Pressebüro der Nationalmannschaft. Überall liegen deutsche Zeitungen, Busfahrer Wolfgang Hochfellner steht am Kopierer, Holger Badstuber lässt sich am Computer etwas zeigen – und Joachim Löw ist auch da. Der Bundestrainer spricht aus dem Fernseher, er sitzt bei der Pressekonferenz, 300 Meter Luftlinie entfernt. Manchmal schaut Reus mit einem Auge zum Fernseher und versucht, ein paar Wörter aufzuschnappen.

Es war ganz am Anfang der Vorbereitung, als Löw bei einer solchen Pressekonferenz aus dem Nichts eine neue Rolle für Reus entwarf. Er würde ihn gerne mal ganz vorne im Sturm sehen, weil Reus wendig, beweglich und abschlussstark sei. »Gegen große athletische Innenverteidiger – da ist er prädestiniert«. Als die Deutschen gegen die Dänen mit ihren großen und athletischen Innenverteidigern spielten, blieb Reus 90 Minuten auf der Bank, genauso wie in den beiden Spielen zuvor. »Für mich ist es brutal schwer, nicht eingreifen zu können«, sagt der Offensivspieler von Borussia Mönchengladbach. »Ich war in Mönchengladbach ein wichtiger Spieler – daher ist es schwierig, bei der Nationalmannschaft nur auf der Bank zu sitzen. Ich muss erst lernen, damit umzugehen.«

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