Die zehn besten Relegationsspiele der BL-Geschichte

Am Rande des Abgrunds

In der Relegation geht es um Leben, Tod und den ganzen Rattenschwanz. Wir blicken zurück auf die zehn spannendsten Relegationsspiele der Bundesligageschichte. Mit dabei großartige Klubs wie: SpVgg Bayreuth, FK Pirmasens oder der 1.FC Saarbrücken!

1975: FK Pirmasens - Bayer 05 Uerdingen, 4:4 / 0:6

Bayers Trainer Klaus Quinkert hatte innerhalb von fünf Jahren aus Verbandsliga-Amateuren ein Profiteam geformt. Wie das ging? »Mit ehrlicher Arbeit, echter Freundschaft und großem Teamgeist. Wir sind wie eine große Familie«, floskelte Quinkert einmal. Dabei mussten die Krefelder für den Aufstieg tatsächlich hart ackern. An der Zweibrücker Straße lag Bayer gegen Pirmasens schnell 2:4 hinten. Peter Falkes und Wolfgang Lüttges glichen schließlich zum 4:4-Endstand aus. Im Rückspiel zerlegte Falkes die Pfälzer beinahe im Alleingang, drei Tore und zwei Vorlagen steuerte er zum 6:0-Sieg bei. Die Familie war aufgestiegen! Und die Familie feierte! Die Spielerfrauen schenkten ihren Männern eine riesige selbstgebackene Torte zum Aufstieg. Auf der Spitze thronte ein Bayerkreuz aus Marzipan.

1977: Arminia Bielefeld - TSV 1860 München, 4:0 / 0:4 / 0:2

Was für eine Dramatik! Das Hinspiel gewann Bielefeld mit 4:0. Nichts leichter als das: Sechs Tage später siegte München mit exakt demselben Ergebnis. Vor dem Entscheidungsspiel in Frankfurt rasselten sie eifrig die Säbel. Gegenseitig warf man sich unsportliches Verhalten und zu hartes Spiel vor. »Der Feldkamp soll sich mal den Hintern von Ahmet Glavovic angucken«, pöbelte etwa 1860-Präsident Erich Riedl. Arminias Coach schaute sich den Hintern nicht an. Dafür ließen die Ostwestfalen ausgewählte Aufnahmen des zweiten Spiels über die TV-Geräte der großen Bielefelder Kaufhäuser laufen. So wollte man die angebliche Brutalität der Münchener beweisen. Arminia-Geschäftsführer Hans Büttner frohlockte: »Jetzt sehen die Leute, wie die Löwen gegen uns gewütet haben.« Riedl sprach von »Volksverhetzung in Vollendung«. Und in der Münchener Abendzeitung empörte sich »Im Visier«-Kolumnist Bernd Hildebrandt: »Fußball muss doch Kriegsersatz sein!«

1979: SpVgg Bayreuth - Bayer Uerdingen 1:1 / 1:2

Ein Spiel für Feinschmecker. Und ein Beweis dafür, wie sehr TV-Kommentatoren in den siebziger Jahren noch auf Unparteilichkeit geeicht waren. Hier das Video zum entscheidenden Spiel:

Besonders interessant wird es am Ende: Willi Götz schießt in der 84. Minute das 2:1 für Bayer Uerdingen (das Hinspiel endete 1:1). Es ist nicht irgendein Treffer, es ist ein Traumtor, eine Peitsche aus 23 Metern, Innenpfosten, drin. Die Mitspieler reißen Götz zu Boden. Der Jubel ihres Lebens. Und der Kommentator? Der schreckt für eine Sekunde hoch. Ahnt er, dass es einer der größten Tage in der Geschichte von Bayer Uerdingen ist? »Das ist Götz, 84. Minute!« Doch dann besinnt er sich und redet weiter als menschgewordene Tenor-Blockflöte: »Das 2:1. Ein glücklicher Schuss, aber Glück muss man haben.«

1980: Karlsruher SC - Rot Weiss Essen 5:1 / 1:3

Eine Aneinanderreihung von Essener Fehltritten, die man eigentlich mal mit Didi Hallervorden verfilmen sollte. Zunächst ließ Trainer Willi »Ente« Lippens eine Videoanalyse über den Karslruher SC anfertigen. Als er den Film auf der Mannschaftssitzung präsentieren wollte, sahen seine Spieler: nichts. Die Aufnahmen waren falsch belichtet worden. Ohne Vorbereitung ging das erste Spiel in Karlsruhe mit 1:5 verloren. Lippens gab seine Elf dennoch nicht verloren: »Wir werden in Essen stürmen auf Teufel komm raus!« Kurze Zeit später tauchte KSC-Spieler Gerhard Busch beim Training der Rot-Weissen auf. Die Sache flog auf, weil Lippens ihn 24 Stunden später vom Gelände schmiss. Der »Kicker« rätselte, was Busch überhaupt bei RWE wollte. Sollte er wechseln? War er ein Spion? All den Eskapaden zum Trotz kratzten die Essener wenige Tage später an einer Sensation. In der 72. Minute schoss Frank Mill das 3:0. Es fehlte nur noch ein Tor – bis Uwe Dittus sieben Minuten vor Schluss das 3:1 machte.

1986: Fortuna Köln - Borussia Dortmund 2:0 / 1:3 / 0:8

Die Ausgangssituation war außerordentlich schlecht. Köln hatte das Hinspiel 2:0 gewonnen. Somit musste Dortmund mit drei Toren Unterschied gewinnen, um in der Bundesliga zu bleiben. Zwei Tore Unterschied reichten für ein Entscheidungsspiel. Für Jürgen Wegmann war es ein besondere Partie, er hatte kurz zuvor seinen Wechsel zum Rivalen Schalke 04 verkündet. »Vergessen waren meine 14 Saisontore, sie nannten mich ›Judas‹ und pfiffen mich aus«, sagte der Stürmer später einmal in einem Interview mit 11FREUNDE. Noch in der 90. Minute stand es 2:1 für den BVB. Wegmann: »Es brauchte nicht schön zu sein, aber rein musste er doch, dieser verdammte Ball. Dann kam die 90. Minute. Radu, Pagel, Radu, und plötzlich kommt der Ball hoch in den Strafraum, Ingo Anderbrügge zieht ab, und Jarecki, der bis dahin alles, aber auch wirklich alles gehalten hat, macht den einzigen Fehler in diesem Spiel und lässt den Ball abprallen.« Dort stand Wegmann – und schob ein. »Es war der Jubel des Jahrhunderts!« Das Entscheidungsspiel gewann Dortmund mit 8:0.

1987: FC St. Pauli - FC Homburg 1:3 / 2:1

St. Paulis Fred Klaus traf in Homburg schon nach drei Minuten zum 1:0. Doch der Bundesligist drehte den Spieß und gewann 3:1. Am Millerntor gewann der FC St. Pauli 2:1 – und verlor somit in der Gesamtrechnung 3:4. Nach dem Rückspiel sagte St.Paulis Trainer Willi Reimann: »Relegation geht an die Nerven. Das ist wie eine Lotterie, da entscheiden Kleinigkeiten wie falsche Schiedsrichter-Pfiffe.« In Homburg wurde indes groß gefeiert. Präsident Manfred Ommer versprach für den Fall des Klassenerhalts einen »echten Knüller«. Auf der Gerüchtebörse tauchten auch die Namen Jean Tigana und Pierre Littbarski auf. Es kam: Michael Blättel. 

1988: SV Darmstadt - Waldhof Mannheim 3:2 / 1:2 / 4:5 n.E.

Drama, baby! Und zwar in jeder Partie! Im Hinspiel drehten Darmstadts Dieter Gutzler (63.), Oliver Posniak (66.) und der eingewechselte Guangming Gu (73.) einen 0:2-Rückstand in einen 3:2-Sieg. Im Rückspiel schien wieder alles gelaufen, als Waldhofs Peter Lux in der 86. Minute zum 2:0 traf. Doch wieder kamen die Lilien zurück. Uwe Kuhl erzielte in der 88. Minute das Tor zum Entscheidungsspiel. Dieses fand am 9. Juni 1988 in Saarbrücken statt. Nach 120 Minuten stand es immer noch 0:0, es ging zum einzigen Mal in der Geschichte der Relegation ins Elfmeterschießen. Dort hatte Darmstadts Karl-Heinz Emig als fünfter Schütze den Aufstieg in der Hand, doch er verschoss. Mannheim siegte 5:4. Emig stammelte nach dem Spiel mit tränenverschmiertem Gesicht: »Mir ist so unwahrscheinlich schlecht!« Darmstadt erholte sich nie wieder von dieser Niederlage. 1993 stieg der Klub in die 3. Liga ab, 1998 spielte er erstmals viertklassig.

1990: 1. FC Saarbrücken - VfL Bochum 0:1 / 1:1

Das Hinspiel hatte der VfL Bochum in Saarbrücken durch ein Elfmetertor von Torsten Legat mit 1:0 gewonnen. Doch für Andreas Wessels, Torwart beim VfL, war das kein Grund zur Freude. Vor dem Rückspiel schimpfte er: »Alles ist schlecht: die Stimmung, das Wetter, der Platz.« Gerade mal 20.000 Zuschauer verirrten sich ins Ruhrstadion. Saarbrücken führte schnell 1:0 und entfachte einen Sturmlauf sondergleichen. Anthony Yeboah, der junge Stürmer beim FCS, tauchte immer wieder vor Wessels auf, doch der parierte alles. Später wurde er von Mitspielern und Fans gefeiert. Das Lob gab der Keeper aber weiter. Zum Beispiel an Thorsten Legat: »Er war der beste Fußballer, mit dem ich in meinem ganzen Leben jemals habe spielen dürfen. Seine fußballerischen Fähigkeiten waren grandios.«

1991: Stuttgarter Kickers - FC St. Pauli 1:1 / 1:1 / 3:1

Am Millerntor führte der Kiezklub lange Zeit durch ein Tor von Andre Golke. Doch der spätere St.Pauli-Stürmer Marcus Marin egalisierte zwei Minuten vor Ende der Partie. Das Rückspiel endete ebenfalls 1:1, obwohl der FC St. Pauli nach einer Roten Karte für Dirk Zander ab der 37. Minute zu zehnt spielte. St.Pauli-Präsident Heinz Weisner tönte nach dem Schlusspfiff: »Totgesagte leben länger!« Das Entscheidungsspiel im Gelsenkirchener Parkstadion gewannen die Kickers allerdings mit 3:1. Der FC St. Pauli hatte damit das Kunststück geschafft, sowohl als Zweiligist (1987) als auch als Bundesligist in der Relegation zu scheitern. Die 10.000 mitgereisten St.Pauli-Fans skandierten dennoch: »Nur ein Jahr, Zweite Liga, nur ein Jahr!«

2011: Borussia Mönchengladbach - VfL Bochum 1:0 / 1:1

Für Experten war Gladbach schon lange abgestiegen. Zwischenzeitlich blieb das Team neun Spiele ohne Sieg und verlor fünf Mal in Folge. Zwischen dem 13. und 30. Spieltag hielt die Borussia wacker die rote Laterne und noch am 22. Spieltag fehlten Gladbach sieben Punkten auf den Relegationsplatz. Doch dann kam Lucien Favre – und mit ihm der Fußball. Am 31. Spieltag gelang der Sprung auf Platz 17. Am 33. Spieltag rutschte Gladbach nach einem Sieg gegen Freiburg auf den 16. Rang. Dramatisch blieb es auch in der Relegation gegen den VfL Bochum. Im Hinspiel traf Igor De Camargo erst in der Nachspielzeit zum 1:0-Siegtreffer. Um genau zu sein: Nach 92 Minuten und 19 Sekunden. Dabei hatte der vierte Offizielle nur zwei Minuten Nachspielzeit angezeigt. VfL-Coach Friedhelm Funkel tobte. Ein Wortgefecht mit Schiedsrichter Günther Perl soll so geendet haben: »Da freust du dich doch drüber!« Das Rückspiel endete 1:1. Gladbach blieb in der Ersten Liga, und legte eine fulminante Folgesaison hin. Diesen Sommer spielt der Klub in der Champions-League-Qualifikation.

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