Die wirre Logik der Videotext-Untertitel für Hörgeschädigte

Die Meistertitel

Nicht jedes Livespiel im Fernsehen läuft unter der Rubrik »TV-Ereignis des Jahres«. Es sei denn, man entscheidet sich zusätzlich für die Videotextafel 150: Untertitel für Hörgeschädigte. Eine Analyse. Die wirre Logik der Videotext-Untertitel für Hörgeschädigte
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Das Angebot der Tafel 150 des ARD-Videotextes klingt zunächst nicht allzu spektakulär: Untertitel für Hörgeschädigte. Weil aber seit einiger Zeit nicht nur Dokumentationen und Spielfilme, sondern auch Fußballspiele live untertitelt werden, wird an einem ganz normalen Mittwoch im Dezember der geneigte Zuschauer daheim auf dem Ecksofa unerwartet Zeuge einer handfesten Sensation: der Wiedergeburt des Dadaismus. Als Post-Dada. Als Neo-Dada. Oder als gänzlich neue Kunstform, für die wir heute noch gar keinen Namen haben.

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Aber der Reihe nach. Man sollte wissen, dass Untertitel besonderen Regeln gehorchen. Schachtelsätze und philosophische Exkurse sind verpönt, Kommas werden ungern gesetzt, es dominiert der klassische deutsche Hauptsatz mit Subjekt, Prädikat und Objekt. Das allerdings bringt beim Fußball Probleme mit sich, denn während der neunzig Minuten verheddern sich Kommentatoren gerne mal in komplizierten Relativsätzen. Deshalb wird das gesprochene Wort nicht komplett übernommen, sondern ausgedünnt. Eigens dafür geschulte Fachleute vereinfachen die Kernaussage des Reporters, sofern vorhanden, und sprechen sie laut und deutlich in ein Mikrofon. Ein Sprachcomputer übersetzt das Gesamtwerk dann Satz für Satz in Untertitel.

Abenteuerreise der literarischen Dekonstruktion

Soweit also das literarische Setting am erwähnten Mittwochabend, an dem das Achtelfinale des DFB-Pokals ausgespielt wird. Unter anderem gastiert der FC Schalke 04 bei Borussia Mönchengladbach, was von der ARD notgedrungen übertragen wird, weil noch weniger Leute Hertha BSC gegen den 1. FC Kaiserslautern sehen wollen. Gerd Gottlob kommentiert, am Spielfeldrand lauern Claus Lufen und Jürgen Bergener, vor allem aber ist die Untertitel-Redaktion topmotiviert. Was sich rasch zeigt, als die ersten Tafeln in grüner Schrift auf schwarzem Balken auf dem Bildschirm auftauchen. Denn wer sich nun frei macht von kleingeistigen Ansprüchen an Inhalt, Sinn und Form wird mitgenommen auf eine Abenteuerreise der literarischen Dekonstruktion. Spieler, Trainer, Verben und Nomen werden herausgelöst aus der klassischen Formensprache der Sportreportage.

Und der Betrachter ist eingeladen, sich selbst seinen Reim auf all das zu machen.
»Matip, wann ich richtig herangekommen«, textet die Redaktion. Stellt sich diese existentielle Frage nicht jeder, der schon mal eine Stunde in der Warteschlange am Bahnschalter verbracht hat, weil ein älteres Ehepaar vom Schalterbeamten eine Pauschalreise nach Rumänien geplant haben möchte? Es folgt eine Hommage an das etwas nachlässige Idiom, das bis heute an Gelsenkirchener Trinkhallen nach dem üblichen Mindestverzehr gesprochen wird: »Da kam er sehr frei an den bei.« Und schließlich wird nonchalant und frei von grammatikalischen Zwängen die Schuldfrage am Gladbacher Tor geklärt: »In der sich allerdings selbst zuzuschreiben hat.«


Unbekannt die Zahl der begeisterten Mails, die die Redaktion ob ihrer Freude am literarischen Experiment erreicht haben müssen. Denn nun fallen die letzten Tabus, etwa Straßenprostitution (»Gladbach ist billig und willig«) und rohe Gewalt (»Marco Reus hatte zweimal getreten«). Dann, wie aus heiterem Himmel, die verstörende Frage: »Kann Borussia jetzt die Nerven behalt? A.« Verstörend deshalb, weil der Betrachter natürlich sofort die Nerven verliert, angesichts der Frage: Wer ist der ominöse A.?

Das Spiel ist zu Ände

Doch dessen Identität wird ebenso wenig gelüftet wie die der ebenfalls in den Untertiteln erwähnten Spieler »Euch Zsengeller« und des offenbar exhibitionistisch veranlagten »Jan Klass Runderlass«. Bevor der sich allerdings in schamverletzender Weise zeigen kann, ist das Spiel zu Ende. »Raul führt seine Schalker Mannschaft in die Kobe zu«, was unschön nach dem letzten Tag einer Rinderherde in Tönnies Fleischfabrik klingt, während Gladbachs Mike Hanke laut Untertitel zu Protokoll gibt: »Wir haben nicht anwenden lassen.« Derweil stellt Seppo Eichkorn, Co-Trainer der Schalker, angeblich fest: »Matip agiert und glücklich«, und Gladbachs Coach Lucien Favre wird zitiert: »Ich dachte, das Spiel ist sowieso gleich zu ändern.« Das Spiel ist in der Tat zu Ände, und während der ewige Krombacher-Waldsee über den Bildschirm schwappt, feiert die Untertitel-Redaktion ihr ganz privates Oktoberfest. Denn nach der Werbepause ist Hertha dran. Oder mit den Worten der Tafel 150: »Michael Brezln Marcus Babbel haben sich bei Hertha BSC sehr gestritten.« Mjam. Später wird Torschütze Pierre-Michel Lasogga jede Beteiligung an Toren abstreiten (»Aber man hat mir Treffer gemacht«) und HSV-Stürmer Paolo Guerrero auf eine Unterleibsproblematik hingewiesen: »Paulo Guerrero mit dem Schoß.« Was andererseits schon wieder an den Lehrer Schnauz aus Rühmanns Feuerzangenbowle gemahnt: »Jeder nor ein wönzigen Schoß.«

Dann ist die literarische Soiree urplötzlich vorbei. Ein tollkühnes Experiment zur besten Sendezeit, schonungslos gegen sich und andere. Wegweisend in seiner Radikalität, zugleich nichts für sensible Gemüter. Aber wir haben gottlob nichts anwenden lassen und die Nerven behalt.

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