02.05.2007

Die Wiedergeburt des KSC

...und Frau Schmider lag daneben

Bei nur wenigen Vereinen im deutschen Profifußball sind Euphorie und Depression so eng verkettet wie beim Karlsruher SC. Sechs Jahre nach dem Abstieg in die Regionalliga ist der KSC nun zurück im Oberhaus. Wie konnte das gelingen?

Text:
Boris Herrmann
Bild:
Imago
Schütterle beginnt verhalten. So steht es auf Seite 18 der »Badischen Neuesten Nachrichten« vom 4. November 1993. Wenn nicht alles täuscht, ist das die am häufigsten ausgerissene Zeitungsseite im Raum Karlsruhe. In der Innenstadt-Kneipe »Titanic«, wo die Fans nach Heimspielen die Siege ihres KSC begießen, hängt sie natürlich auch an der Wand. Dort steht jetzt Rainer Schütterle und liest, was damals über ihn geschrieben wurde. Er muss lachen und krümmt sich ein wenig. Dabei hat die Zeitung ja recht gehabt. »Die hatten am Anfang echt gute Chancen. Der Kahn hat ein paar Mal richtig gut gehalten. Wir hätten auch locker 3:0 hinten liegen können.« Am Ende lagen die Karlsruher aber 7:0 vorne. Mittelfeldspieler Schütterle, der verhalten begonnen hatte, wurde in der 37. Minute vom Rausch ergriffen und lupfte den Ball über José Manuel Sempere im Tor des FC Valencia zum 3:0. Der KSC wurde übermütig. »Ab da hat man geglaubt, man kann bei den Großen mit schwimmen«, sagt Schütterle.



Dieser Glaube hat alsbald einen Namen bekommen: KSC 2000. Präsident Roland Schmider, seit 1974 Alleinherrscher in Karlsruhe, hatte vor, den Klub in ganz neue Sphären zu führen. Ein monumentales neues Stadion war in Planung, besser gesagt: ein Bürokomplex mit angeschlossener Rasenfläche. Über Nacht ließ er das traditionell schlichte blau-weiße Vereinswappen mit einer gelb-roten Pyramide unterlegen. Alles musste bunter, greller, verkaufsfördernder werden. Dem neuen Selbstverständnis entsprechend, wurde in Thomas Häßler der erste Weltmeister verpflichtet. Trainer Winfried Schäfer kündigte passend dazu den Gewinn der Deutsche Meisterschaft an. Im Jahr 2000 sollte es soweit sein. Am 26. Mai 2000 stieg der Karlsruher SC in die Regionalliga ab.

»Ich habe die ganze Achterbahnfahrt einmal mitgemacht«

Natürlich ist das Spiel gegen Valencia der Fixpunkt im kollektiven Gedächtnis der Karlsruher. Es wird aber keineswegs nur positiv reflektiert und das macht den Abend vom November 1993 bis heute so interessant. Wer die Vereinsseele dieses Klubs finden will, muss hier anfangen zu suchen. Kaum irgendwo im deutschen Profifußball liegen Erfolg und Niedergang, Aufstieg und Abgrund, Euphorie und Depression so nahe beieinander wie beim Karlsruher SC. Und kaum einer hat das so intensiv miterlebt wie Rainer Schütterle. Er hat den KSC 1987 in seinem ersten Profijahr in die 1. Liga geschossen und ist mit ihm 2000, in seinem letzten Profijahr, in die 3. Liga abgestiegen. Er hat 1993 im UEFA-Pokal gegen die europäischen Spitzenteams Valencia, Eindhoven und Bordeaux gewonnen, um dann im Halbfinale gegen das österreichische Team Casino Salzburg auszuscheiden. Inzwischen ist Schütterle Vizepräsident des KSC, und wenn nicht vorher noch die Welt untergeht, kehrt er zur kommenden Saison mit diesem Klub in die Bundesliga zurück. Er sagt: »Ich habe die ganze Achterbahnfahrt einmal mitgemacht. Deshalb bin ich auch jetzt nicht so euphorisch wie andere.«

Man muss in diesen Tagen in Karlsruhe nicht lange suchen nach den anderen, den Euphorischen. Die Stadt hat sich blau-weiß eingekleidet. Zu Heimspielen gegen Essen oder Braunschweig kommen weit über 20.000 Zuschauer. Im VIP-Raum, sagt Schütterle, seien Leute, die man hier seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Erfolg macht verführerisch. Und erfolgreich sind sie wieder. Das junge Team des KSC dominiert die 2. Liga in dieser Saison nach Belieben. Es spielt begeisternden Offensivfußball und steht seit Saisonbeginn an der Tabellenspitze. Seine Torjäger Giovanni Federico und Edmond Kapllani haben gemeinsam mehr Treffer erzielt als Paderborn, Unterhaching oder Braunschweig. An manchen Tagen hat es den Anschein, als würde diese Mannschaft die Geschichte ihres Klubs nachspielen. Vom Rausch zum Wahnsinn sind es manchmal nur ein paar Spielminuten, am Ende steht es dann 4:4. Gerade deshalb bleibt einer wie Schütterle vorsichtig. »In der Euphorie wurden in diesem Klub schon sehr viele falsche Entscheidungen getroffen«, sagt er. »Und das ist auch das, was bei uns jetzt gefährlich wird. Da bin ich mir jetzt schon sicher. Weil wir eben auch alle Menschen sind.«

Die Glückseligkeit der 90er Jahre hat die meisten falschen Entscheidungen überblendet. Der KSC hat ja nicht nur gegen Valencia gewonnen. Er hat sechs Spielzeiten hintereinander unter den ersten Acht der Bundesliga beendet, stand dreimal im UEFA-Cup. Auch der AS Rom und Girondins Bordeaux mit Zinedine Zidane haben im Wildpark 3:0 verloren. Karlsruhe erlebte, vordergründig betrachtet, die erfolgreichsten Jahre der Vereinsgeschichte.

»Der KSC hat sich sehr verändert«


Einer, der die Geschichte dieses Klubs auswendig kennt, ist Willi Reimold. Er sitzt in seinem Wohnzimmer in Reichenbach und kramt in einem Stapel Schwarzweiß-Fotos. Es sind schöne Fotos. Man sieht, wie Reimold dem abgekämpften Verteidiger Rolf Dohmen nach einem Spiel eine Picknickdecke über die Schulter legt. Man sieht auch, wie Mittelfeldspieler Edmund Becker in Unterhosen auf seinem Bett sitzt und mit den Kollegen Karten spielt. Dohmen ist heute Manager beim KSC, Becker Trainer. Sie leben wie Schütterle mit diesem Verein in einer Schicksalsgemeinschaft. »Der KSC hat sich sehr verändert. Er hat jetzt einen guten Präsidenten. Auch das Management und der Trainer sind in Ordnung. Das war nicht immer so«, sagt Reimold.

Ab 1974 war er Mannschaftsbetreuer, später Leiter der Lizenzspielerabteilung. Er hat im Kontext seiner Zeit jenen Job gemacht, der heute Manager heißt. Unter der Woche hat Reimold die Busfahrt und das Hotel zu den Auswärtsspielen organisiert. Vor Heimspielen ist er zur Bank gefahren und hat Wechselgeld für die Kassenhäuschen geholt. »Wenn der VfB oder Bayern München kam, hatte ich manchmal 86.000 Mark im Kofferraum«, sagt Reimold. Manchmal. Und manchmal hat er auch gar kein Geld mehr bekommen. Der KSC war noch nie ein reicher Klub. »Ich bin überzeugt davon, dass der Schmider manche Nacht nicht geschlafen hat, wo es dem Verein saudreckig ging«, sagt Reimold. In den Nächten vor dem Bundesligaaufstieg 1980, zum Beispiel. »Damals ging es wie so oft um die Existenz des KSC.« Neben dem 7:0 gegen Valencia gehören die beiden Aufstiegsspiele gegen Rot-Weiss Essen zu den wichtigsten Erinnerungen des Vereins. Der KSC hatte das Hinspiel im Wildpark 5:1 gewonnen und hätte diesen komfortablen Vorsprung beim Rückspiel in Essen beinahe verspielt. Unter Mitwirkung von Dohmen und Becker verloren sie mit Glück 1:3, laut Augenzeugenberichten hätte es eigentlich 2:12 ausgehen müssen. Reimold sagt: »Da lag meine Frau nachher ohnmächtig im Gras vor lauter Aufregung. Und die Frau Schmider lag daneben.«


Reimold lässt bis heute nicht wirklich was auf Roland Schmider kommen, schließlich hat der ihm neulich persönlich zum 80. Geburtstag gratuliert. Reimold gibt aber auch zu, dass der Karlsruher SC bis heute unter der Ära des ehemaligen FDP-Politikers zu leiden hat, die mit dem Bundesligaabstieg von 1998 ein plötzliches Ende fand. Acht Millionen Euro Schulden hat er dem Klub als Abschiedsgeschenk hinterlassen. »Wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, werden Dinge gemacht, die oft nicht zu vertreten sind«, sagt Reimold, diplomatisch wie er ist. Er sagt nicht, dass Schmider gerade zu jener Zeit den größten Schuldenberg anhäufte, als der Wildpark seine glücklichsten Tage erlebte.

Die Toiletten dürften der Genfer Menschenrechtskonvention widersprechen


Das städtische Wildparkstadion am Adenauering ist nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Wer kein Auto hat, muss 20 Minuten durch den Schlosspark gehen. Es ist eines jener Stadien, die es eigentlich gar nicht mehr gibt – ein Denkmal der wechselhaften Geschichte seines Hauptmieters. Zur Straße hin steht noch die alte Gegengerade von 1955, handgemachte Werbetafeln erinnern an das nächste Heimspiel. Die Haupttribüne aus den 90er Jahren sieht dagegen aus wie ein Weltraumbahnhof. Die Kurven sind damit überfordert, vermittelnd einzuwirken, sie sind nicht einmal überdacht. Insgesamt sieht alles mehr nach Sportplatz als nach Arena aus. Auf der Tartanbahn wird wegen Sicherheitsmängeln längst nicht mehr gelaufen, die Toiletten dürften der Genfer Menschenrechtskonvention widersprechen, die Glühbirnen für die Flutlichter werden längst nicht mehr hergestellt. Die Zukunft des KSC hängt an einem neuen Stadion. Tom Beck sagt trotzdem: »Das jetzige ist auch schön.« Es vermittelt ihm etwas Heimeliges. Das Gefühl, Teil eines Vereins zu sein und nicht nur Kunde. Aber für dieses Gefühl hat er auch lange genug kämpfen müssen.

Beck ist Vorstandsmitglied der Supporters, des Dachverbandes aller KSC-Fanclubs. Die Supporters sind weit mehr als Zuschauer mit einer Dauerkarte. Sie sind eine politische Bewegung. Mittlerweile entscheiden sie im Verwaltungsrat und im Vereinsrat mit. Sie betreiben Basisdemokratie. Und die ist bitter nötig nach den Jahren des Sonnenkönigs Schmider und der ebenso glücklosen wie planlosen Amtszeit seines Nachfolgers, des Steuerberaters Detlef Dietrich. »Da tauchen immer noch irgendwelche Leichen auf«, sagt Beck. Mit den Leichen sind vor allem jene ungewöhnlichen Finanzposten gemeint, die weiterhin den dringend notwendigen Stadionneubau behindern. Knebelverträge mit dem Kinounternehmer Michael Kölmel und jenem Architekturbüro, das den Stadionausbau für das Projekt KSC 2000 geplant hatte, gehören dazu. Aber auch jene 1,5 Millionen, die Heike Drechsler dafür bekam, dass sie den KSC repräsentierte. Für einige Zeit war die Weitspringerin wohl die bestbezahlte Angestellte bei den Karlsruher Fußballern, obwohl niemand so genau wusste, was eigentlich ihr Aufgabenprofil war. Dafür stand der KSC im Februar 2002 wieder mal vor der Insolvenz. Dass der Klub überhaupt noch existiert, ist den Supporters zu verdanken. In einer turbulenten Mitgliederversammlung zwangen sie Dietrich zum sofortigen Rücktritt. »Es war klar, dass sich alle Sponsoren zurückziehen, wenn er bleibt«, sagt Beck.

»Wenn ihr absteigt, ­schlagen wir euch tot«


Die Identität des KSC speist sich zweifellos aus diesem immerwährenden Existenzkampf. Die Anhänger verwenden Wörter wie »verkarlsruhern« und singen auf der Gegengerade das »Achterbahnlied«. Beck sagt: »KSC-Fan sein bedeutet, seine Hoffnungen gegen Null zu schrauben und trotzdem zu wissen, dass man noch enttäuscht wird.« Nicht immer hat sich diese Enttäuschung konstruktiv artikuliert. Als sich die Mannschaft im Frühjahr 2000 unter dem heutigen Bundestrainer Joachim Löw der Regionalliga näherte, sangen die Fans: »Wenn ihr absteigt, ­schlagen wir euch tot.« Als es dann doch passierte, zogen sie mit Särgen durch die Kaiserstraße und trugen den Verein symbolisch zu Grabe. Rückblickend, sagt Beck, sei die Regionalligasaison aber so etwas wie die Wiedergeburt gewesen. »Je schwächer der Verein an sich ist, desto stärker rücken die Leute, die es ernst meinen, zusammen.«

Mittwochabend, 17.30 Uhr, Platz 2. Die KSC-Amateure spielen in der Regionalliga Süd gegen den VfR Aalen. Auch die Profispieler Giovanni Federico, Massimilian Porcello und Maik Franz sind dabei – sie sitzen zwischen den Zuschauern. Manager Dohmen steht am Bratwurststand und gibt eine Sammelbestellung auf, Trainer Becker wartet unweit der Eckfahne. So sieht es wohl aus, wenn ein kleiner Verein zusammenrückt. Seine jüngere Geschichte klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Der Klub, der jahrelang alles vermasselt hat, wird gerettet von dem Trainer aus dem eigenen Verein und Talenten aus dem eigenen Nachwuchs. Und natürlich ist es auch nur die halbe Wahrheit. In den 90er Jahren haben die Karlsruher versucht, Borussia Dortmund zu kopieren, dann wollten sie der FC Bayern der 2. Liga werden – auch das ging daneben. Nun hat der KSC wieder gelernt, der KSC zu sein. Er hatte gar keine andere Wahl. Edmund Becker wurde noch im Jahr 2000 als Assistent von Joachim Löw beurlaubt, weil er nicht glamourös genug erschien. Heute ist er nicht zuletzt deshalb Cheftrainer, weil er ins Budget gepasst hat.
Mit dem Fokus auf den eigenen Nachwuchs verhält es sich ähnlich. Er ist aus der Not geboren, aber es gibt ihn. Es gibt aber auch genügend Gegenbeispiele. Die Leistungsträger Federico, Porcello und Franz sind nicht aus der Region. Was sie mit dem KSC verbindet, ist, dass sie schon einmal gescheitert sind: Federico in Köln, Porcello in Bielefeld. Maik Franz spielte fünf Jahre beim VfL Wolfsburg, am Ende nicht mehr sehr oft. Er fühlte sich unwohl. Dann ging er nach Karlsruhe. Inzwischen ist er nicht nur einer der besten Verteidiger der 2. Liga, er ist auch einer der beliebtesten Spieler beim KSC. Franz sagt: »Das ist schon alles sehr familiär hier. Hier kennt jeder jeden.« Der Trainer die Jugendspieler, der Manager den Bratwurstmann, die Profis ihre Fans. Neulich haben sich Franz und Porcello mit einigen Anhängern zum Billard verabredet. »Wenn wir verloren hätten, hätten wir ihre Autos putzen müssen. Aber natürlich haben wir gewonnen«, sagt Franz. Er glaubt fest daran, dass sie dieses Familiengefühl irgendwie mit in die 1. Liga retten können. »Wir haben ein Präsidium, einen Trainer und einen Manager, die sehr menschlich sind, was in diesem Geschäft eher selten ist«, sagt er. Die Fans sagen über Maik Franz ungefähr dasselbe. Deshalb sind sich auch alle miteinander sicher, dass beim KSC nicht wieder der Größenwahn ausbrechen wird.

Der Trainer des VfR Aalen muss nach dem Spiel die meisten Autogrammwünsche erfüllen. Er heißt Edgar Schmitt und hat im November 1993 gegen Valencia vier Tore für den KSC erzielt. Euro-Eddy haben sie ihn dafür getauft. Er hört den Namen heute nicht mehr so gerne. Er sagt, er habe damals einfach nur seinen Job gemacht. »Ich habe die Tragweite dieses Spiels gar nicht so mitbekommen.« Ach ja, die Tragweite dieses Spiels: Ganz allmählich scheint sich der Karlsruher SC auch von ihr zu erholen.

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Hier findet Ihr ein Interview mit KSC-Coach Ede Becker www.11freunde.de/bundesligen/19078 .
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