Die Verwandlung des Felix Kroos

Letzte Ausfahrt: Innenverteidigung

Bremens Felix Kroos war ein talentierter Offensivspieler, kreativ am Ball und mit viel Zug zum Tor. Bis er vor fünf Monaten das Bewusstsein verlor. Jetzt ist er zurück – und hat gute Chancen am Samstag gegen seinen Bruder Toni antreten zu dürfen.

Felix Kroos kneift die Augen zusammen und zieht die Luft scharf durch die Zähne. Es ist nur eine kurze Reaktion, doch es scheint, als durchfahre der Schmerz noch einmal seinen Körper. In der Aufnahme für den virtuellen Videokanal von Werder Bremen erinnert er sich an jenen Moment im April zurück, der zum Wendepunkt seiner Karriere werden könnte.

Kroos hat schwere Tage hinter sich gebracht, damals vor fünf Monaten. Er stand im Kader für das Heimspiel gegen Bayern München und hoffte, erstmals gegen seinen Bruder Toni antreten zu können. Im Mannschaftshotel dann der Schock: Kroos wurde ohnmächtig, hatte Blut im Bauch und musste umgehend an der Milz operiert werden.

Platz der Traum, vom Fußball leben zu können?

Mit einem Mal stand der 21-Jährige vor dem Dilemma, das den Albtraum einer jeden Nachwuchshoffnung bildet: Ruiniert eine Verletzung die Karriere? Platzt der Traum, vom Fußball leben zu können, doch noch auf der Zielgeraden? Mittlerweile hat Kroos sein Lachen wiedergefunden, aber bis dahin war es ein harter Weg.

Aufgewachsen ist Kroos in Greifswald. Dort, an der Ostseeküste, nahm Vater Roland die sportliche Früherziehung seiner Söhne bald selbst in die Hand. 1997 bestritten Felix und der ein Jahr ältere Toni ihre ersten Spiele für den Greifswalder SC, trainiert vom Vater. Als der 2002 zu Hansa Rostock wechselte, nahm er den eigenen Nachwuchs gleich mit.

Welcher der Brüder zum Star werden sollte, war da noch lange nicht abzusehen. Toni, heute arrivierter Nationalspieler, soll sogar einmal gesagt haben, sein Bruder Felix sei der talentierte von beiden. Diese Veranlagung brachte den Angreifer immerhin früh in Hansas Zweitligamannschaft. Zu der Zeit, 2009 war das, beschrieb ihn sein Trainer Dieter Eilts als »kreativen Spieler mit viel Drang zum Tor.« Und der damals 17-Jährige ergänzte: »Ich bin ein spielstarker Stürmer mit gutem Abschluss.«

Dann klopfte Werder Bremen an. Über die 3. Liga sollte der Weg ins Fußball-Oberhaus angepeilt werden – ein Schritt zurück für zwei nach vorn. In der Mannschaft fühlte sich Kroos wohl, doch sein Aufstieg geriet zusehends ins Stocken. Der Riss der Arterie im April kam dem endgültigen Einschnitt gleich.

Die Erleichterung, endlich wieder Fußball spielen zu dürfen

Während die anderen Profis in die Sommerpause gingen, schuftete Kroos, mittlerweile Mittelfeldspieler, für die Rückkehr. Bis auf ein paar Tage Auszeit stand er so regelmäßig auf dem Trainingsplatz wie während der Saison auch. Klar, er hatte etwas aufzuholen, doch noch darüber stand die Erleichterung, überhaupt wieder aktiv sein zu können: »Da machen dann auch die anstrengendsten Übungen Spaß.«

Mit der Saisonvorbereitung bot sich eine unverhoffte Chance. Durch die Olympia-Teilnahme des Schweizers François Affolter war im Bäumchen-wechsle-dich der Testspiele ein Platz in der Innenverteidigung frei geworden. Thomas Schaaf beorderte testweise den überraschten Kroos dorthin. Jetzt ist er bereit für die neue Rolle: »Ich kann mir diese Position auch auf Sicht gut vorstellen«, sagte er jüngst den Redakteuren der Bremer Vereinshomepage.

Seine Maxime lautet seither »Tore verhindern« statt »Tore kreieren«. Diese Veränderung ist für ihn eine willkommene Gelegenheit, denn im Profibereich präsentierte sich Kroos bislang zwar stets solide, ohne aber dem Gegner so richtig gefährlich zu werden. Selbst von seinen zehn Toren für die zweite Mannschaft erzielte er acht per Elfmeter.

Am Samstag steht er wohl im Kader – gegen die Bayern und Bruder Toni

Mit der neuen Aufgabe übernimmt Kroos, zurzeit sogar Kapitän der U23, nun auch mehr Verantwortung. In den Wochen des Aufbautrainings ist er ins Grübeln gekommen und daran gereift: »Nach der OP war ich vier, fünf Tage auf fremde Hilfe angewiesen. Da merkt man erst, was es bedeutet, normal durchs Leben laufen zu können.«

Am Samstag trifft Bremen das nächste Mal auf die Bayern – und Felix auf seinen Bruder Toni? Die Erinnerung an das geplatzte Geschwisterduell im April ist verarbeitet, jetzt könnte es endlich die Premiere geben. Denn für den gesperrten Lukimya wird wohl nicht Affolter in den Kader rücken, sondern Kroos – wie schon gegen Hannover und Freiburg.

Ob sich Felix Kroos, das große Talent, als Innenverteidiger endlich im Profifußball etabliert, wird diese Saison zeigen. Es wird ein Schlüsseljahr für ihn, schließlich läuft sein Vertrag im Sommer aus. Die Abwehr ist womöglich Kroos’ letzte Ausfahrt zur Bundesliga: Den Blinker hat er bereits gesetzt.

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