08.07.2011

Die vergebensten Chancen aller Zeiten

Wenn Gott »Nein« sagt

Der Stürmer muss den Ball nur noch über die Linie drücken – doch er zieht es vor, den i-Punkt auf der 40 Meter entfernten Bande zu treffen. Die Nerven! Wir haben die erbärmlichsten Fehlschüsse zusammengetragen.

Text:
Christoph Ries
Bild:
imago

Paul Gascoigne (England), EM-Halbfinale 1996
Nutznießer: Deutschland


Es war ein Moment, der den Verlauf einer ganzen Ära hätte auf den Kopf stellen können. Nach 90 erbittert umkämpften Minuten ging das EM-Halbfinale 1996 zwischen Deutschland und England in die Verlängerung. Nichts hielt die Fans im Londoner Wembleystadion mehr auf ihren Sitzen, die Abwehr der Deutschen wankte, drohte gar zu fallen. Angeführt vom 29-jährigen Paul Gascoigne feuerte England einen Angriff nach dem anderen auf das Tor von DFB-Keeper Köpke ab. Dieser hat alle Hände voll zu tun, doch in der neunten Minute der Nachspielzeit scheint der Deutsche bereits geschlagen. Der Engländer Alan Shearer hat sich auf rechts durch den Strafraum der Deutschen gedribbelt und zwirbelt nun eine passgenaue Flanke auf den langen Pfosten. Köpke, Eilts, Babbel – alle verpassen den Befreiungsschlag. Gascoigne hingegen hat ganz genau aufgepasst. Mit einem langen Stechschritt schießt er aus dem Fünfmeterraum in Richtung Pfosten. Es scheint, als hätte er die Flugbahn des Balles akribisch genau berechnet, denn es wird knapp – sehr knapp. Ein Abwehrspieler grätscht ihm entgegen, der Engländer streckt den großen Fußzeh aus - und jagt Millimeter an der Flanke vorbei. Die Fans toben. Einige hatten den Ball schon im Netz zappeln sehen. Gascoigne dagegen blickt mit weit aufgerissenen Augen in den Londoner Nachthimmel und kann es nicht fassen. Das Golden-Goal war gerade eingeführt, Deutschland wäre geschlagen gewesen. Doch der alte Lineker-Spruch »...und am Ende gewinnen immer die Deutschen,« er behielt Recht. Danke, Gazza!

Andrij Shewtschenko (AC Mailand), Champions League Finale 2005.
Nutznießer: FC Liverpool


Die Macht des Schicksals hatte es sich fest vorgenommen: Champions League Sieger 2005 sollte der FC Liverpool werden. Anders ist es kaum zu erklären, dass das in Halbzeit eins scheunenweit offen stehende Tor von Liverpool-Keeper Dudek für Mailands Stürmer plötzlich wie vernagelt schien. Aber weil zum Gewinner immer auch ein passender Verlierer gehört und der meistens mit dieser Rollenverteilung wenig glücklich ist, entschied das Schicksal, dem AC Mailand eine allerletzte Chance zu gewähren, den Karren doch noch aus dem Dreck zu ziehen. Für einen finalen Augenblick erhob der Allmächtige den Finger und berührte Mailands Stürmer Andrij Schewtschenko am Kopf, als selbst das nichts half, ein weiteres Mal am Spann. Umsonst. In der 118. Minute der Verlängerung wuchtete der Ukrainer einen jener Kopfbälle auf das Tor des FC Liverpool, denen man es vorbehaltlos gönnen würde, wenn sie ein Finale entschieden. Nur Reds-Keeper Dudek war vom Gegenteil überzeugt und kratzte den Ball von der Linie, ohne aber zu verhindern, dass das Leder ein zweites Mal dem Stürmer vor die Füße fiel. Mit dem unteren Weichteil des linken Ohrläppchens hätte er ihn reinmachen können, auch mit jeder einzelnen Schlaufe seiner Fußballstiefel. Stattdessen hämmerte Schewtschenko die Kugel aus zwei Metern aufs Tor. Blindwütig, leichtsinnig und ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, welch Tragweite sein Handeln für den weiteren Fortgang des Finales haben könnte. Herzlos sprang Dudek dazwischen und klärte zur Ecke. In diesem Moment blieb dem Allmächtigen nichts anderes übrig, als fortan zum FC Liverpool halten. Eine letzte Strafe hatte sich Gott noch für das anschließende Elfmeterschießen allerdings aufgehoben. Den entscheidenden Strafstoß sollte einer versemmeln, der es auch verdient hatte: Andrij Schewtschenko.

Dabrowski, Takahara, Helmer

 
 
 
 
 
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