Die VDV startet das Camp für arbeitslose Profis

Eine Alternative zum Waldlauf

In Duisburg hat dieser Tage das Trainingslager für arbeitslose Fußballprofis begonnen. Die Teilnehmer haben zwölf Wochen Zeit, sich für neue Vereine zu empfehlen. Andernfalls droht der Gang zum Arbeitsamt. Wir waren beim Auftakttraining dabei. Die VDV startet das Camp für arbeitslose ProfisVDV, Imago, Karol Herrmann

September 2003: Länderspiel Deutschland gegen Russland. Zu den Spielern, die an diesem Abend auflaufen, gehören auch Nico Frommer und Roland Benschneider. Die beiden Bundesligaprofis zählen vielleicht nicht zu den talentiertesten Spielern der Bundesrepublik, doch sagt man ihnen verheißungsvolle Karrieren voraus. Erich Rutemöller hat sie für das »Team 2006« nominiert, eine Art Perspektivmannschaft, die der DFB installiert hat. Spieler mit Aussicht auf eine Nominierung für die A-Nationalmannschaft sollen so internationale Erfahrung sammeln, sich an den Adler auf der Brust gewöhnen. Bei der kommenden WM im eigenen Land will man schließlich nichts dem Zufall überlassen. Einige von ihnen – darunter Arne Friedrich, Tim Borowski oder Timo Hildebrand – werden drei Jahre später tatsächlich in Jürgen Klinsmanns WM-Kader stehen. Für andere läuft es nicht so gut. 

[ad]

Juli 2011: Frommer und Benschneider spielen wieder zusammen, doch die Perspektiven haben sich drastisch verändert. Der Sprung in die Nationalmannschaft blieb ihnen verwehrt und nach einigen Jahren im Profifußball sind sie inzwischen beim Arbeitsamt gemeldet. Sie sind die prominentesten Vertreter beim VDV-Camp für arbeitslose Profis. Die Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV) veranstaltet dieses zwölfwöchige Trainingslager alljährlich in Duisburg. Die 26 Teilnehmer, alle ohne laufenden Kontrakt, sollen fit gehalten und möglichst schnell an einen neuen Verein vermittelt werden. »Es ist nicht ganz einfach, sich als ehemaliger Profi hier einzufinden und sich zu gestehen, dass man arbeitslos ist. Aber das Camp ist professionell organisiert und ich muss nicht alleine Waldläufe machen«, sagt Frommer. Er weiß wovon er redet, schon vor zwei Jahren war er in Duisburg dabei. Damals wurde er erfolgreich an RB Leipzig vermittelt. Trotz einer guten Torquote wurde sein Vertrag dort nicht verlängert.  

Die Vermittlung wird immer schwieriger

Die Erfolgschancen für eine neue Anstellung sind recht gut. »Im letzten Jahr haben 85 Prozent der Teilnehmer noch während des Camps einen neuen Vertrag unterzeichnet«, sagt Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der VDV. Um die Spieler besser vermitteln können, setzt die Gewerkschaft vor allem auf Transparenz. Auf der Internetseite kann man sich durch die  Spielerprofile klicken, Vereine können sich einloggen, sich Informationen holen und die Testspiele werden per Videostream online gestellt. Die Vorteile für die Vereine liegen auf der Hand: Die Spieler sind fit, ablösefrei und können auch noch nach Ablauf der Transferperiode verpflichtet werden. Die Verantwortlichen räumen aber auch ein, dass es von Jahr zu Jahr schwieriger wird, die Profis unterzubringen. Der Trend in den Bundesligen geht zunehmend zur Ausdünnung der Kader. Bei Personalproblemen bedienen sich die Klubs außerdem immer öfter am eigenen Jugendpool, statt neue Spieler zu verpflichten.   

Erfahrene Bundesligaspieler wie Frommer, Benschneider, Moses Sichone und Thomas Kläsener werden keine Probleme haben, einen neuen Arbeitgeber zu finden. Wer finanzielle Rücklagen hat, kann es sich auch leisten, zu pokern und nicht gleich jedes Angebot aus der Regionalliga anzunehmen. Problematisch kann es für unterklassige Spieler werden. »Sie haben oft finanzielle Probleme und können mit ihrem Arbeitslosengeld die laufenden Verbindlichkeiten aus besseren Zeiten nicht mehr bezahlen«, sagt Baranowsky. Aus diesem Grund arbeitet der VDV mit einem Laufbahncoach. Er berät die Spieler über alternative Berufsmöglichkeiten und zeigt Bildungswege auf. Viele Spieler haben keine angemessene Ausbildung und tun sich vor allem nach der Karriere mit dem Berufseinstieg schwer. Medientraining gehört ebenfalls zum Programm. Die Teilnehmer sollen auch außerhalb des Platzes ausgelastet sein. Dann kann auch jeder die strengen Regeln einhalten. Um 23 Uhr ist nämlich Bettruhe angesagt. 

Auch die Trainer sind auf Arbeitssuche

Cheftrainer des diesjährigen Camps ist Christian Wück. Der ehemalige Bundesligaprofi ist nach seinen ersten Trainerstationen bei Rot Weiss Ahlen und Holstein Kiel selbst in der Arbeitslosigkeit gelandet. Er möchte wieder zurück ins Geschäft und genau wie bei den Spielern, kann auch er kurzfristig ein Angebot von einem Verein bekommen. Für einen solchen Fall ist man beim VDV vorbereitet. Der Trainerstab ist mit Markus Schroth, Steffen Baumgart, Markus Anfang, Dirk Langerbein und Markus Reiter zahlreich und prominent besetzt.

Nach dem Auftakttraining steht für den zweiten Tag Leistungsdiagnostik auf der Agenda. »Wer schlechte Laktatwerte hat, muss seine Defizite mit einem individuellen Trainingsplan alleine aufarbeiten und wird erstmal nach Hause geschickt«, sagt Wück. Für diesen Spieler rückt dann ein anderer Bewerber ins Camp. In diesem Jahr gab es 50 Bewerbungen, die Sportschule Wedau bietet aber nur Platz für 26 Spieler. Die langjährigen VDV-Mitglieder werden bevorzugt, danach entscheidet die Höhe der Spielklasse. Wenn jemand einen neuen Verein findet, kommt ein Spieler von der Warteliste hinzu.  

Manche Teilnehmer kennt Wück noch aus aktiven Zeiten, über andere hat er sich im Internet informiert. Beim ersten Training fällt ihm der junge Schwede Pehr Andersson auf, über den er sich am Spielfeldrand mit Baranowsky austauscht. Er hat noch nie in Deutschland gespielt und kann sich nur auf Englisch verständigen. Trotzdem zeigt er eine solide Leistung auf dem Platz. Beim schwedischen Erstligisten Halmstads BK plante der Trainer ohne ihn. Sein Berater meldete ihn frühzeitig beim VDV an, auch weil ein Trainingslager für arbeitslose Profis in dieser Intensität in Europa einzigartig ist. Andersson sieht seine Teilnahme als Chance, um von deutschen Vereinen entdeckt zu werden. So könnte ihm der große Sprung gelingen, aber nur, wenn sich bis zum Ende des Camps am 23. September ein Verein bei ihm meldet. Andernfalls könnte die Karriere des 21-Jährigen jäh beendet sein. 

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!