Die unglaubliche Geschichte des Fußballers und Kriminellen Süleyman Koc

Schatten der Vergangenheit

Süleyman Koc vom Potsdamer Drittligisten Babelsberg 03 erlangte deutschlandweite Bekanntheit, als er im April 2011 als Mitglied einer kriminellen Bande verhaftet wurde. Jetzt ist Koc wieder auf freien Fuß. Im offenen Vollzug. Und spielt wieder Fußball.

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Sieben Quadratmeter Einzelzelle, 23 Stunden Einschluss pro Tag, einmal die Woche im Kraftraum auf einem altersschwachen Fahrrad. Das waren die Trainingsbedingungen des Profifußballers Süleyman Koc während der vergangenen elf Monate. Drei, vier Mal während dieser Zeit nahm ein Wärter den 22-Jährigen mit zum Fußballspielen auf einen kleinen Kunstrasenplatz. Du bist gut, sagte der Schließer, nutze deine zweite Chance, wenn du sie bekommst. Die hat er nun bekommen. Suleyman Koc spielt wieder für seinen alten Klub, Babelsberg 03.

Elf Monate Haft in Berlin-Moabit

Elf Monate saß Süleyman Koc in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Moabit in Untersuchungshaft. Im April 2011 wurde der Babelsberger verhaftet, im Dezember wegen seiner Beteiligung an insgesamt sieben Überfällen vom Landgericht Berlin zu einer Haftstrafe von drei Jahren und neun Monaten ohne Bewährung verurteilt. Im März 2012 kam er gegen Kaution frei.
 
Süleyman Koc wohnt jetzt wieder bei seinen Eltern, zwei Kilometer vom Untersuchungsgefängnis entfernt. In Moabit ist er aufgewachsen, in Moabit hat die Bande, deren Teil er war, Automaten-Casinos und Cafés überfallen. Dreißig Kilometer liegen zwischen Moabit und dem Trainingsgelände des SV Babelsberg 03. In den Straßen von Moabit spielte sich Süleyman Kocs erstes Leben ab, in Potsdam-Babelsberg sein zweites. Als diese beiden Leben miteinander kollidierten, wurde Koc verhaftet.

 »Es war eine schlimme Zeit, ich brauche den Sport, nur dann fühle ich mich gut«, klagt Koc. Der Bewegungsmangel setzte ihm schwer zu. Brustschmerzen quälten ihn, er bekämpfte sie mit Schlaftabletten, schlief zwölf bis 14 Stunden lang. Wenn er in den Spiegel schaute, sah er seine Augenringe. Er versuchte zu lächeln, es gelang ihm auch. Innen drin aber weinte er.

Süleyman Koc ist ein ruhiger, schüchterner junger Mann. Keiner, der sich im Knast leicht Respekt verschafft. Seine Mittäter kamen ins Jugendgefängnis, er war als Einziger zur Tatzeit schon 21 Jahre alt. Er saß bei den schweren Jungs. Wenn ihn jemand fragte, warum er sich an Überfällen beteiligt hat, er, der Fußballprofi am Anfang einer vielversprechenden Karriere, hat er auf hart gemacht, hat geknurrt: »Das geht dich gar nichts an.« Die Wahrheit wäre zerstörerisch gewesen da drinnen: weil er zu gutmütig war, weil er die falschen Freunde hatte. Weil er sich ausnutzen ließ. Weil er saublöd war.

Sie waren manchmal brutal einfach, manchmal einfach brutal

Bei Babelsberg 03 bekam der Mittelfeldakteur Süleyman Koc seinen ersten Profivertrag. Er absolvierte 26 Spiele und traf zweimal. Doch seine Saison endete abrupt: mit dem Zugriff eines mobilen Einsatzkommandos der Berliner Polizei in den frühen Morgenstunden des 18. April 2011. Die Beamten stürmten die Wohnung von Kocs jüngerem Bruder Sedat, verhafteten Süleyman und Sedat sowie vier weitere Moabiter Jugendliche. Die Überfälle waren brutal einfach, manchmal einfach brutal: schnell rein, schnell raus, schnell das Geld verprasst, für Koks und Hasch, für das, was Jungs ohne Zuhause und Perspektive für das Gangsterleben halten. Sie wurden observiert, es gab Kamera-Aufzeichnungen, der Fall war klar. Weniger klar war die Rolle von Süleyman Koc. »Der Kopf der Macheten-Bande«, so nannte ihn die Boulevardpresse.  Sie haben Spielautomaten mit der Brechstange aufgehebelt, die Angestellten mit einem Samuraischwert, einem Dolch oder eben einer Machete bedroht. Einmal haben sie einem Kellner einen Aschenbecher auf dem Kopf zerschlagen. Sie haben die Geldkassetten aus den Automaten und die Tageseinnahmen mitgenommen. Ein paar tausend Euro jedes Mal. Drei Monate ging das so.

Die Köpfe der Bande aber waren andere. Tolga B. und Semih T., beide 20 Jahre alt, beide kennen die Koc-Brüder seit ihrer Jugend. Aus der Schule, von der Straße, vom Kicken. Sie brauchten immer Geld, dringend, sie lebten im Zeitraffer, so sagte es Tolga B. vor Gericht, »wir waren immer in Eile, immer zwischen Überfall und Drogen«. Süleyman Koc hat nicht geschlagen und nichts aufgebrochen, er war der Fahrer. Wenn Tolga B., Semih T. und die anderen zum Überfall loszogen, sieben Mal war das zwischen Februar und April 2011, brauchten sie einen Wagen. Sie fragten ihren Freund Sülo, Süleyman Koc. Er hatte einen Führerschein und sich einen Toyota Yaris gekauft, Listenpreis 11 000 Euro, mehr kann man sich nicht leisten in der dritten Liga. 2000 Euro im Monat plus Siegprämien hat Koc bei Babelsberg verdient. Genug Geld, um seinem Vater etwas davon abzugeben. Genug, um nichts von der Beute für sich selbst zu nehmen. Seinen Anteil hat er an seinen Bruder weitergeleitet, sagte er später aus. Drogen hat der Profisportler nie genommen, auch im Gefängnis nicht, er trinkt noch nicht einmal Alkohol oder Kaffee. Sedat, der Bruder, sitzt noch in Untersuchungshaft. Bevor ihre Urteile nicht rechtskräftig sind, darf Süleyman ihn nicht besuchen. »Ich würde so etwas zwar nie wieder tun«, sagt der Ältere, »aber mein Bruder und ich, wir lieben uns.« Auf Sedats Facebook-Profil sind Fotos zu sehen, die den Jüngeren mit schönen Mädchen, schnellen Autos, teuren Uhren und coolem Blick zeigen. Und es gibt Fotos von Süleyman im Dress von Babelsberg 03, wie er gegen zwei Spieler von HSV II den Ball behauptet. »Ein wahrer Moabiter hat es geschafft!«, hat Sedat dazu geschrieben.

Süleyman hat ihn geschafft, den Absprung aus seinem Kiez. Doch der Kiez hat ihn nicht losgelassen. »Wenn ich die heute auf der Straße sehen würde, ich würde mich noch nicht mal umdrehen«, sagt Süleyman Koc über seine alten, falschen Freunde Tolga und Semih. »Ich hab mit denen nichts mehr zu tun.« Sie hätten ihm leid getan, sagt er. Sie waren zu Hause rausgeflogen, hausten in der Einzimmerwohnung von Sedat. Süleyman Koc hatte eine eigene Wohnung in Babelsberg, er hatte Platz und nicht viele Freunde beim neuen Verein. Tolga und Semih zogen bei ihm ein, dann brauchten sie sein Auto, dann brauchten sie ihn. »Ich kann nicht nein sagen«, hat Süleyman Koc vor Gericht gesagt. Und sagt es jetzt wieder. Es ist der Satz, der sein Leben beschreiben soll. Ein Leben, in dem andere die Pläne für ihn gemacht haben.

»Meine Freiheit ist hier, zu Hause«

Sein Vater Yasar vor allem. Der 43-Jährige hat die Entscheidungen für seinen Ältesten getroffen und er trifft sie immer noch. Auf dem rechten Unterarm hat Süleyman den Vornamen seines Vaters eintätowiert. »Meine Freiheit ist hier, zu Hause«, sagt der frisch Entlassene, »meine Familie, mein Vater, meine Mutter.« Sedat, den ein Jahr Jüngeren, hat Yasar Koc mit 16 aus der Wohnung geworfen, weil der zu Hause kiffte und damit prahlte, wie er Jüngeren das Handy klaut. Nachdem er bei Sedat keine Hoffnung mehr hatte, nahm der Vater seinen Ältesten noch mehr an die kurze Leine. »Ich habe meine Söhne geschlagen«, sagte Yasar Koc zerknirscht, als er sie im Herbst beide nebeneinander auf der Anklagebank sitzen sah. Sedat und Süleyman, in einem Glaskasten, von Wärtern bewacht. Danach glaubte Yasar Koc, dass er als Vater versagt habe, dass er der Schuldige ist. Nun kämpft er zusammen mit seinem Ältesten um dessen zweite Chance, er hat die Kaution hinterlegt, er will, dass es wieder weitergeht mit Süleymans Fußballkarriere. Sein Talent reicht möglicherweise für mehr als für die dritte Liga. Für die U 21-Nationalmannschaft der Türkei war er im Gespräch, Scouts von Mannschaften aus der zweiten Bundesliga waren an ihm interessiert, bevor die Polizei zugriff.

In der zweiten Liga, bei Erzgebirge Aue, spielt Guido Kocer. Auch er war bei Babelsberg 03, auch er saß mit auf der Anklagebank. Bei einem Überfall war Kocer dabei, aus naiver Abenteuerlust, wie er im Prozess ausgesagt hat. Kocer war während des Verfahrens auf freiem Fuß, er wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, er ist Stammspieler bei Aue geworden. Seine Karriere hat keinen Knick bekommen. Guido Kocer hat geredet, direkt nach der Verhaftung. Süleyman Koc hat der Polizei nichts gesagt. »Wir wurden so erzogen«, sagt er. »Niemals mit der Polizei reden, niemals die Freunde verraten, das ist eine Frage der Ehre.«

Elf Monate saß Süleyman Koc wegen seiner Schweigsamkeit. Im Prozess redet er, spricht überlegt und ausführlich, bittet die Opfer der Überfälle um Entschuldigung und kommt immer wieder auf seine Gutmütigkeit zu sprechen. Im Gefängnis hat er angefangen, sich davon zu lösen. Ganz langsam. »Fünf bis sechs Jogginganzüge mussten wir ihm reinschicken«, erzählt Vater Yasar. »Dann haben wir gesagt: Sülo, es reicht!« Er hat die Klamotten verschenkt, weil ihm Mithäftlinge leid taten, die nichts hatten. Die Einzelzelle war seine einzige Möglichkeit, die Haft zu überstehen. Und die Häftlinge, die ihn unter seine Fittiche nahmen, Leute mit Knast-Respekt, die Yasar Koc kannten.

»Verkackst du es oder ziehst du es durch?«

Jetzt, nach der Freilassung, geht Süleyman Koc zum Psychotherapeuten. »Ich soll lernen, mich abzugrenzen.« Der offene Vollzug in Berlin-Hakenfelde wird eine Zeit voller Regeln und Unsicherheit, eine Therapiezeit, ein Selbsttest. Koc fragt sich jetzt jeden Tag: »Verkackst du es oder ziehst du es durch?« Ende offen.

Die gute Nachricht lautet: Inzwischen darf Süleyman Koc wieder beim SV Babelsberg 03 mittrainieren. »Ich bin gern bereit, einem jungen Mann wie ihm die Chance zu geben, wieder Fuß in unserer Gesellschaft zu fassen«, sagte vor wenigen Wochen Dietmar Demuth, damals noch Trainer des Drittligisten (Ende Mai 2012 trennt sich Babelsberg von Demuth). Im Vereinsvorstand hatten einige gezögert, aber schließlich zugestimmt. »Wenn er seine Taten ehrlich bereut, hat er eine zweite Chance verdient. Das entspricht auch den Prinzipien unseres Vereins«, sagte Thomas Bastian, der Klubpräsident.

»Das ist für mich mehr als ein Sechser im Lotto«, jubelte Koc am Telefon. Er freut sich, wieder bei Demuth trainieren zu können, wieder mit seinen Mannschaftskameraden Anton Makarenko und Almedin Civa zusammenzutreffen, die ihm immer wieder aufmunternde Briefe ins Gefängnis geschrieben haben. »Du fehlst uns«, haben sie geschrieben. Ein guter Fußballer sei er, und auf keinen Fall ein Gangster.

Drei Jahre, neun Monate lautete das Urteil. Danach wartet nicht nur seine Karriere. Es wartet etwas ganz Ungewohntes auf Süleyman Koc: ein Leben, über das er selbst bestimmen kann.

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