Die Überraschungsmannschaft der WM: Costa Rica

Tico Taka

Vor der WM haderte Costa Rica mit der Auslosung. Jetzt steht das Team im Viertelfinale und glaubt an mehr – obwohl die Bedingungen in der Heimat alles andere als optimal sind.

imago

Vor der Auslosung hatte in Costa Rica fröhlicher Optimismus geherrscht, danach regierte die Skepsis. »Die größtmögliche Herausforderung, gegen drei Weltmeister mit insgesamt sieben Titeln«, schrieb »La Nación«, die größte Zeitung des Landes. »Das hat es in der Geschichte des costaricanischen Fußballs bisher nicht gegeben.« Uruguay, Italien, England – die Gegner in der WM-Gruppe D wurden im ganzen Land als schier unlösliche Aufgabe wahrgenommen. Nur Trainer Jorge Luis Pinto verkündete trotzig, dass er nicht nach Brasilien fahre, um nach der Vorrunde wieder die Heimreise antreten zu müssen. Wirklich glauben wollte ihm niemand.

Moderne Methoden und Spielsysteme

Heute weiß die Welt, dass der kolumbianische Trainer das ernst meinte. Costa Rica ist die größte Überraschung der bisherigen WM in Brasilien, am Samstag trifft Pintos Mannschaft im Viertelfinale in Salvador da Bahia auf die Niederlande. Schon der Einzug in die Runde der letzten acht Mannschaften darf als Sensation gelten, auch wenn sich in Costa Rica in den letzten Jahren rund um den Fußball viel getan hat. Der Hauptgrund dafür ist sicherlich, dass die Generation der WM-Teilnehmer von 1990 und 2002 jetzt die entscheidenden Manager- und Trainerposten im Land besetzt hat und moderne Methoden und Spielsysteme einführte. Vereine wie der Hauptstadtklub Deportivo Sarprissa unterhalten Jugendakademien, in denen junge Talente systematisch gefördert werden.

Ihr Potenzial hatten die Ticos bei drei WM-Teilnahmen schon zuvor bewiesen. Bei der Premiere 1990 zog der Außenseiter gleich sensationell ins Achtelfinale ein, wo er der Tschechoslowakei allerdings mit 1:4 unterlag. 2002 verhinderte nur das schlechtere Torverhältnis gegenüber den punktgleichen Türken, dass Costa Rica die Vorrunde überstand. Im Eröffnungsspiel 2006 gegen Deutschland zog man sich trotz der 2:4-Niederlage gegen den übermächtigen Gegner achtbar aus der Affäre. Danach folgten allerdings vermeidbare Niederlagen gegen Ecuador und Polen.

Für die WM in Brasilien hatte sich Costa Rica in der nord- und mittelamerikanischen Concacaf-Gruppe souverän qualifiziert. Klinsmanns US-Amerikaner wurden im Nationalstadion von San José 3:1 abgefertigt; nachdem dort auch die starken Mexikaner mit 2:1 niedergerungen wurden, stand die vierte WM-Teilnahme vorzeitig fest. In der Silvester-Ausgabe des vergangenen Jahres widmete »La Nacíon« dem kolumbianischen Trainer Jorge Luis Pinto in ihrer Wochenendbeilage ein sechsseitiges Feature. Der Stolz der 4,8 Millionen Ticos kannte keine Grenzen.

Nur das Nationalstadion entspricht europäischen Standards

Trotzdem ist der Erfolg überraschend. Denn die Infrastruktur in dem tropischen Land ist alles andere als Weltklasse. Fußball- und Bolzplätze sind in der Trockenzeit von Dezember bis April ausgedörrte, staubige Fleckchen Erde, die erst in den Abendstunden aufgesucht werden. Und die Stadien der Primera División sind für deutsche Verhältnisse allenfalls drittklassig und fassen kaum mehr als zehntausend Zuschauer. Nur das neue Nationalstadion, das von China erbaut und 2011 dem costaricanischen Volk »geschenkt« wurde (mit der stillschweigenden Auflage, die diplomatischen Beziehungen zu Taiwan abzubrechen), entspricht europäischen Standards.

Die großen Klubs sind in den Händen von Industrieunternehmen oder Mäzenen. Da die Besoldung jedoch weit unter europäischem Niveau liegt, ist das Ziel eines jeden Spitzenfußballers der Sprung ins Ausland. Und sei es nur zu zweitklassigen Vereinen. So stehen zurzeit vierzehn WM-Teilnehmer bei europäischen oder nordamerikanischen Klubs unter Vertrag. Nach den bisherigen überzeugenden Vorstellungen träumen nun viele Spieler von einem Karrieresprung zu einem europäischen Spitzenklub.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nichts akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!