Die U17-Nationalmannschaft bei der WM in Mexiko

»Ein Freund, ein guter Freund...«

Bei der U17-WM in Mexiko trifft die deutsche Nationalmannschaft heute im Viertelfinale (22 Uhr) auf England. Das DFB-Team spazierte bisher durch das Turnier – auch weil der Trainer Steffen Freund nur noch bedingt an den Spieler Steffen Freund erinnert. Die U17-Nationalmannschaft bei der WM in Mexiko

Das Achtelfinale geriet zu einer Demonstration. Die deutsche Mannschaft berauschte sich am eigenen Spiel. Sie kombinierte, trickste, spielte direkt. One-touch, schnell, schneller und am Ende dieses Geschwindigkeitsrausches stand ein 4:0, das den Unterschied zum Gegner aus den USA sehr exakt widerspiegelte. Das war aber noch nicht alles. Immer wenn der Ball den Weg ins Netz gefunden hatte, sammelte sich der deutsche Nachwuchs vor der nächsten Kamera. Beim zweiten Treffer imitierte er mit Luftgitarre und Mikro eine Rockband, drei Minuten später, Samed Yesils Schuss lag hinter der Linie, wurde im Schneidersitz die eigene Playstationmanie parodiert. Die Mannschaft feierte, wie sie spielte: schön und kreativ.

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Dass die deutsche U17-Nationalmannschaft im fernen Mexiko so stark auftrumpft, überrascht manche – weil der Trainer Steffen Freund heißt. Natürlich hatte auch er als aktiver Fußballer etliche starke Spiele. Nur meinte stark bei ihm immer stark im Wortsinn. Freund war ein physischer Spieler, der über Kampfgeist, Pferdelunge und den Mut zur Grätsche ausglich, was ihm an Witz und Finesse fehlte. Einer, den Reporter reflexartig solide nannten und auch emsig, ein Arbeiter. YouTube-Zusammenschnitte über Steffen Freund sucht man vergeblich. Als Sechser räumte er für Schalke 04, Borussia Dortmund und die Tottenham Hotspurs auf. Es waren die grauen Neunziger und dies Vereine, bei denen sein Malochertum geschätzt wurde. Nach seinem Spielerkarriere hätte man Steffen Freund deshalb durchaus eine emsige Trainerlaufbahn zugetraut, in der Regionalliga vielleicht, bei einem kleinen Klub. Solide eben. Freund aber unterlief diese Erwartungen und fixierte sich auf den Nachwuchs. Da hat er Erfolg, weil sich der Trainer Steffen Freund vom Spieler Steffen Freund einerseits emanzipiert hat, ihm aber auch treu geblieben ist.

Kein Widerspruch, nur ein Spagat

Was wie ein Widerspruch anmutet, ist tatsächlich ein Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Zukunft. Die Entwicklung nahm ihren Ursprung im Lehrgang bei Ausbilder Frank Wormuth. Hier war Freund einer von 24 Teilnehmern, die 2009 ihre Trainerlizenz bekamen. »Steffen war sehr engagiert im Bereich der Athletik und er wollte und will technisch versierten Fußball spielen lassen«, erinnert sich Sascha Eickel, heutiger Junioren-Trainer bei Borussia Dortmund, an die gemeinsamen Einheiten. Auch deshalb wurde Freund mit seiner U17 in Serbien Vize-Europameister und überstand die WM-Vorrunde schadlos: Vier Siege und 15:1 Tore weist die Bilanz bis ins Viertelfinale aus. Die deutsche Elf brilliert technisch, Fehlpässe gibt es kaum. Die Verteidiger schalten sich mit perfekter Ballbehandlung immer wieder in den Angriff ein. Es ist ein Team, in dessen Reihen für den Spieler Steffen Freund kein Platz wäre. Der zweifache deutsche Meister lässt so spielen, wie er es selbst nicht konnte. Weg von den eigenen Wurzeln.

Natürlich hat Freund als Coach aber nicht alles über Bord geworfen, was ihn auf dem Platz einst auszeichnete. »Steffen ist ein absoluter Typ, der den Fußball lebt und mit sehr viel Emotionalität bei der Sache ist«, sagt Sasche Eickel, und wieder speisen sich diese Worte auch aus den Erinnerungen an den Lehrgang: »Sowas treibt junge Spieler ungemein an, wenn sie merken, dass da jemand an der Linie total mitfiebert.« Wer Freund gesehen bei der WM in Mexiko hat, weiß, was Eickel meint. Man sieht den Brandenburger oft an der Kante seiner Coaching Zone, sieht ihn, wie er auf den Rasen schreit, in die Knie geht, die Fäuste geballt, er geht mit, geht ab – selbst dann noch, wenn seine Elf längst bequem führt wie gegen die USA oder auch beim 6:1 im Auftaktmatch gegen Ecuador. In diesen Momenten gibt sich Freund so emotional, wie er es auch als Spieler war. Es ist dies dann wieder die Rückkehr zu den eigenen Wurzeln. 

»Ein Freund, ein guter Freund ...«

Über sich selbst sagt Freund: »Mein Vorteil ist, dass ich die Jungs als Typ erreiche.« Er weiß, was eine Playstation ist und wie wichtig Facebook. Die Mannschaft dankt ihm den Mix aus Kumpelei, Leidenschaft und Expertise auf dem Platz mit Punkten und nach jedem Schlusspfiff mit einem Ständchen der Comedian Harmonists: »Ein Freund, ein guter Freund ...« Vielleicht darf sich ihr Übungsleiter ja bald wirklich als besten, den es gibt auf der Welt, bezeichnen lassen. Zwei Siege trennen die deutsche U17 noch vom Finale im Aztekenstadion. Die bisherigen Leistungen sind Indiz dafür, dass der Titel keine Utopie sein muss. Es wäre ein Triumph, den sich der Trainer Steffen Freund mit dem Spieler Steffen Freund teilen müsste.

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