Die U-20-WM der Frauen als Sprungbrett

Mission Vorspeise

Die U-20-WM der Frauen ist nicht nur die Generalprobe für 2011, sondern auch das perfekte Sprungbrett für die Stars und Sternchen von morgen. In 11FREUNDINNEN berichten wir über das Turnier der Nachwuchskünstlerinnen. Die U-20-WM der Frauen als SprungbrettIllustration: Hedi Lusser
Heft#104 07/2010
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Man kann vom Fußballfunktionär und Kommentator Franz Beckenbauer halten, was man will – mit seiner entwaffnend direkten bayerischen Art bringt er die Dinge manchmal doch auf den Punkt. Die über 300 Gäste und Journalisten im edlen Dresdener Residenzschloss spitzten jedenfalls die Ohren, als der »Kaiser« an einem sonnigen Apriltag vor der mit Pomp zelebrierten Auslosung der U 20-WM 2010 eine kleine öffentliche Beichte ablegte. Beckenbauer hatte lange Jahre nie groß im Verdacht gestanden, ein Fan des Frauenfußballs zu sein. Als der Fußballweltverband FIFA ihm als Mitglied des Exekutiv-komitees vor nun mehr als zwei Jahren mitgeteilt habe, dass er zum neuen Vorsitzenden der Organisationskommission für die U 20- und U 17-Weltmeisterschaft der Frauen ernannt worden sei, »da habe ich mir gedacht«, sagte Beckenbauer, »oha, das kann ja was werden!«

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Seine wegwerfende Handbewegung machte klar: Viel erwartet hatte er sich von der Aufgabe nicht. Dann beugte sich Beckenbauer wieder näher ans Rednerpult und meinte: »Heute kann ich wirklich sagen: Es wird Fußball gespielt.« Und zwar »ein attraktiver«, technisch anspruchsvoll und flott in der Offensive. »Ich habe meine damalige Beurteilung revidiert«, schloss der »Kaiser«, nachdem er von seinen Erlebnissen bei der U 20-WM in Chile und der U 17-WM in Neuseeland erzählt hatte. Am Applaus, der im kleinen Schlosshof aufbrandete, war zu spüren: Da hatte einer ausgesprochen, was sich viele nicht zu fragen getraut hätten. Denn wer darf schon behaupten, sich im Juniorenbereich der Frauen auszukennen? Das Eingeständnis der anfänglichen Skepsis verstärkte nur das Gütesiegel, das Beckenbauer mit seinen Worten dem Weltturnier des weiblichen Fußballnachwuchses verliehen hatte. »Schauen S‘ sich’s selber an«, empfahl der Kaiser, bevor die Auslosung begann, »ich werd auch im Stadion sein.«

2006 ist ein gutes Omen

Da konnte Beckenbauer noch nicht ahnen, dass zumindest das Eröffnungsspiel der U 20-Weltmeisterschaft am 13. Juli in Bochum einem großen Vergleich standhalten muss: Deutschland gegen Costa Rica – war da nicht mal was? 4:2 gewannen Deutschlands Männer 2006, als sie gegen das kleine Fußballland aus Zentralamerika das Sommermärchen eröffneten. »Bei der Spielpaarung hat doch jeder noch vor Augen, wie Philipp Lahm von linksaußen nach innen zieht und dann mit diesem tollen Schuss das frühe 1:0 macht«, sagt Maren Meinert. »Damit ging 2006 alles los, das ist doch ein gutes Omen.« So einen fulminanten Start, ein Signal an Mitspielerinnen und Fans, wünscht sich Nationaltrainerin Meinert auch für ihre Juniorinnen, die es in der Vorrunde neben Costa Rica noch mit Kolumbien (16. Juli, Bochum) und den starken Französinnen (20. Juli, Augsburg) zu tun bekommen.

Ein guter Start würde befreiend wirken, schließlich weiß die 36-jährige ehemalige Nationalspielerin um den Erwartungsdruck, der auf ihr und der Mannschaft lastet. »Bei einer WM, dazu im eigenen Land, will man immer gewinnen. Ohne diesen Anspruch bräuchten wir nicht anzutreten. Uns ist auch klar, dass jeder auf uns sieht, doch ich glaube, dass meine Mannschaft das ganz gut wegstecken wird«, sagt Meinert, »da sind ja teilweise schon gestandene Fußballerinnen darunter.«

Spielerinnen wie Mittelfeldakteurin Kim Kulig vom Hamburger SV, Verteidigerin Bianca Schmidt von Turbine Potsdam oder Stürmerin Alexandra Popp vom FCR Duisburg etwa, die trotz ihrer Jugend bereits in der A-Nationalmannschaft spielen, in diesem Turnier aber noch einmal ihrer eigenen Altersklasse helfen sollen. Erst kurzfristig gab der DFB diese Entscheidung – die intern längst besprochen war – bekannt, um nicht schon zu früh in der Öffentlichkeit Druck aufzubauen. Denn der ist ohnehin groß genug. Ob die Spielstärke der jungen Hoffnungsträgerinnen unter den Erwartungen leiden wird? »Das hoffe ich nicht«, sagt Meinert, »aber die drei, die von der A-Elf herunterkommen, sind sicher Schlüsselspielerinnen für uns.«

»Sie geht dorthin wo es weh tut«

Bei der U 20-WM 2008 in Chile gehörte Kulig noch zu jener deutschen Mannschaft, die Platz drei hinter Weltmeister USA und Kanada belegte. 2009 dann überzeugte sie bereits beim EM-Sieg der Frauen in Finnland, wo auch Schmidt schon zum Kader gehörte. Jüngste Senkrechtstarterin ist Alexandra Popp, die zu Jahresbeginn noch allein an die U 20-WM dachte. In Duisburg, wo sie in der Vorsaison als Stammspielerin den UEFA-Cup-Titel holte, läuft die 19-Jährige meist als Defensivspielerin auf. Beim DFB spielt sie bislang da, wo sie einst angefangen hat, und wo sie sich auch am liebsten sieht: im Sturm. Dort zeichnet sie »eine Eigenschaft aus, die nicht viele Frauen im Fußball haben: Sie geht im Spiel dorthin, wo es weh tut«, lobt Bundestrainerin Silvia Neid. »Sie zieht nicht zurück und scheut keine Situation, auch nicht bei Kopfbällen. So jemand«, schließt Neid, »hat uns noch gefehlt.« Deshalb hat sie die großgewachsene Popp 2010 bereits für sechs A-Länderspiele aufgestellt.

Auch Maren Meinert würde nur ungern auf jemanden wie Popp verzichten. Schließlich geht es bei einer WM nicht nur um körperliche und technische Fähigkeiten, sondern auch um Selbstbewusstsein und Ausstrahlung. Die eigene Mannschaft soll vom Start weg Vertrauen haben und der Gegner schnell wissen, dass er Respekt haben muss. »Um bei einer WM gut auftreten zu können, muss man im Verein regelmäßig spielen und auch schon Verantwortung übernehmen«, sagt Meinert. In ihrem Kader, der aus den Besten der Jahrgänge U 20 und U 19 zusammengestellt wird, können das einige von sich behaupten. U 20-Spielführerin Marina Hegering vom FCR Duisburg etwa war schon 2008 in Chile bei der U 20-WM dabei und ist in der Bundesilga ebenfalls Stammspielerin – wie auch Verteidigerin Stefanie Mirlach vom FC Bayern München. Sie sind »Spielerinnen, die diese Mannschaft führen sollen«, sagt Meinert, sowie Tabea Kemme (Turbine Potsdam), Svenja Huth und Dzsenifer Marozsán (beide 1. FFC Frankfurt), die Ende Mai, Anfang Juni allesamt noch zur U 19-EM nach Mazedonien hätten fahren können, sich aber bereits auf die WM konzen-trieren sollten.

Die Mannschaft im Kopf umschmeißen

»Wenn zwei Großereignisse dicht aufeinanderfolgen, ist das schwierig für die mentale Anspannung der Spielerinnen«, sagt Meinert. Der Fokus liegt 2010 auf der Juniorinnen-WM im eigenen Land. Wer genau dort auflaufen wird, weiß Meinert noch nicht. Aus der aktuellen U 19, dem U 20-Kader und den drei von der A-Nationalelf kommenden Spielerinnen muss sie beim letzten Vorbereitungslehrgang im Juni einen 21-köpfigen WM-Kader zusammenstellen, der auch als Team harmoniert. »Da schmeißt man die Mannschaft im Kopf schon immer wieder mal um«, sagt Meinert.

Auch in den anderen Nationen blicken sie gespannt auf das, was diesen Sommer in Deutschland zu sehen sein wird. »Die Stadt ist wundervoll und das Stadion beeindruckend«, meinte US-Trainerin Jillian Ellis bei der Auslosung in Dresden, von wo aus der Titelverteidiger in seine mit der Schweiz, Südkorea und Ghana besetzte Vorrunde startet. US-Stürmerin Sydney Leroux, die bereits zum A-Nationalteam der USA gehört und bei der U 20-WM 2008 die Auszeichnung als beste Spielerin und beste Torjägerin erhielt, gilt als eine der vielversprechendsten Persönlichkeiten dieses Turniers. Bei spektakulären Offensivaktionen wird ihr die Schweizerin Ramona Bachmann allerdings ebenbürtig sein: Die 19-Jährige spielt nach Jahren im schwedischen Umea inzwischen für Atlanta Beat in der amerikanischen Profiliga und hat sich und ihrem Team das Halbfinale zum Ziel gesetzt.

Die Flickflack-Einwerferin ist der Star des Teams

Auch Brasilien (mit Nordkorea, Schweden und Neuseeland in einer Gruppe) gehört zu den Nationen, die als Favoriten gehandelt werden. Eine Spielerin jedenfalls sorgte schon in der WM-Qualifikation für Furore: Leah Lynn Gabriela Fortune lebt zwar in den USA, kam aber in Sao Paulo zur Welt, als ihre Eltern dort für zwei Jahre lebten. Mittlerweile ist die 19-jährige Flügelspielerin mit der doppelten Staatsbürgerschaft der Star des brasilianischen Teams: Ihre katapultartigen Flickflack-Einwürfe wurden nicht nur in jeder brasilianischen Sportsendung gezeigt, sondern »machen Einwürfe für uns zur Torchance«, sagt U 20-Nationaltrainer Kleiton Lima. Im immer professioneller organisierten England, das es in der Vorrunde mit Nigeria, Mexiko und Japan aufnehmen muss, gilt die sprungstarke Rebecca Spencer als kommende A-Nationaltorhüterin.

Vier Arenen des Profifußballs hat das WM-Organisationskomitee für die Juniorinnen ausgesucht, um in den zweieinhalb Wochen vom 13. Juli bis zum 1. August schon mal die Bedingungen und das Flair für die große WM im kommenden Jahr zu testen: In Augsburg (28 000 Plätze), Bielefeld (28 000), Bochum (23 000) und Dresden (27 000) befinden sich die bewusst nicht ganz so riesig gewählten Stadien, von denen zwei (Bochum und Augsburg) auch 2011 Spielstätten der Frauen-WM sein werden. Schon jetzt soll das Turnier als Generalprobe den teilnehmenden Fußballverbänden und Zuschauern klar machen, was nicht nur Steffi Jones erwartet: »Wir setzen den Stellenwert dieser von einem starken Offensivdrang geprägten U 20-WM sehr hoch an. Es gilt, die tolle Stimmung um unsere Nationalteams zu erhalten und den höchst positiven Trend im weltweiten Frauenfußball fortzusetzen und zu steigern.«

U 20-Nationaltrainerin Maren Meinert indes weiß, wie sehr das deutsche Team darauf angewiesen sein wird, die positive Neugier der Zuschauer zu erregen. »Um unseren Traum vom Endspiel zu erfüllen, benötigen wir die Unterstützung der Fans. Eine Weltmeisterschaft im eigenen Land ist für meine Mannschaft eine einzigartige Gelegenheit, uns als Spitzenteam zu präsentieren. Diese Chance dürfen wir nicht verpassen.« Wie hat Franz Beckenbauer einmal gesagt? »Lasst sie endlich spielen.«


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