Die Trauer um Dantes (Ex)-Frisur

Das Glied von der Castroper

Am Mittwochabend machte Gladbachs Dante sein Versprechen wahr und ließ sich die Prachtlocken abrasieren. 11FREUNDE-Mann Benjamin Kuhlhoff ist geschockt und weint fortan schwarzes Kraushaar in sein Kissen. Die Trauer um Dantes (Ex)-Frisur

Jugendliche machen manchmal dumme Sachen. Und weil das so ist, gibt es Musik von Scooter, Plateauschuhe von Buffalo, Bierbongs und einen Tanzstil namens Jumspstyle. Jugendliche sind so. Sie machen das, um ihre Eltern mit ihren extremen Auswüchsen der Freizeitgestaltung zu schocken. Das ist der Reiz der Pubertät. Die Rebellion im Kleinen.

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Auch ich war ein dummer Jugendlicher. Obwohl in jenem südniedersächsischen Landstrich, in dem ich aufwachsen durfte, schon das Schwänzen des örtlichen Schützenfestes eine Welle der Aufruhr auslösen konnte, wollte ich am ganz großen Rad drehen: Ich rasierte mir eine Glatze. Eine Schnapsidee – leider ohne Schnaps. 

Wo sind nur all die hübschen Mädchen hin?

Es war ein Sonntagmorgen und als ich nach getaner Arbeit mit Scherkamm und Nassrasierer in den Spiegel sah, hielt ich mich für so rebellisch wie Ché Guevara, Andreas Baader und Bart Simpson zugleich. Wenn ich heute Fotos aus dieser Zeit sehe, merke ich, was ich da eigentlich angestellt hatte. Mein Gesicht war bereits von den ersten Sonnenstrahlen gebräunt, doch die Kopfhaut blieb weiß wie der Po eines Albinoäffchens. Binnen Minuten hatte ich aus einem verruchten Dorfschönling einen wandelnden Penis geschoren. Die kommenden Tage waren ein Spießrutenlauf. Die hübschen Mädchen, die mir sonst immer kess zugewunken hatten, die mich nervös im Eiscafé anlächelten, die für mich die protzenden Tennisjungs aus der Nachbarschaft ignorierten, sahen nun beschämt weg. Meine Eltern sprachen nur das Nötigste mit mir und meine Freunde, denen sogar das Abrülpsen des Alphabets nicht zu blöd war, lachten mich lauthals aus. Es waren dunkle und einsame Wochen. Eine Zeit, die ich in die hinterletzte Ecke meiner Vita verdrängen wollte. Das funktioniert sehr gut, bis zum gestrigen Abend.

Das wuschelige Kraushaar war ein sanftes Zeichen der Hoffnung

In einem Gefühl der Trostlosigkeit ließ sich Gladbachs Abwehrbrasilianer Dante im Frühjahr ein leichtsinniges Versprechen abringen. Seine Mannschaft lag hoffnungslos abgeschlagen auf dem letzten Tabellenplatz und Dante posaunte: »Wenn wir drin bleiben, dann schneide ich mir meine Haare ab.« Allein dieses Zitat zeigt, wie hoffnungslos Borussia Mönchengladbach noch vor wenigen Wochen war. Dante ohne seinen Afro? Das käme einem Frevel gleich, war das Haupthaar des 28-Jährigen doch das Schönste, was die Liga seit dem Abgang von Mike Werners legendärem Vokuhila gesehen hatte. Das wuschelige Kraushaar wurde zur Stil-Messlatte des deutschen Profifußballs. Kein Gel, keine Föhnwelle, kein Haarband, kein gottverdammter Irokesenschnitt, nein, einzig die schlichte Naturkrause des Schlakses aus Salvador da Bahia war der Beweis, dass man keine herausragender Fußballer sein muss, um zum Vorbild für Jung und Alt zu werden. 

Dantes Schopf blitzte aus dem weichgespülten, hellgrellen, dummdidumm Ligaalltag wie ein sanftes Zeichen der Hoffnung auf bessere, weil weniger aufgetackelte Zeiten. Und in gewisser Weise diente seine Frisur als Schutzschild der krisengeschüttelten Fohlenelf, denn selbst nach der heftigsten Niederlage mochte man dem grinsenden Sideshow-Bob nicht böse sein. »Bleib positiv, das wird schon werden«, jenes Dogma der Love, Peace and Happines-Bewegung schien sein fluffiger Haarhelm immerzu zu flüstern. Manche sagten gar, Dante trage sein Haar nur deswegen so hochgeschossen, um daran erinnert zu werden, dass noch etwas über ihm ist. Wie ein lockiger Heiligenschein umgab den beinharten Verteidiger seine Haarpracht. Kurzum: Er war der hübscheste Kerl der Liga. Einer, dem die Mädchen kess hinterher winkten, den sie auf ein Eis treffen wollten. Dante war der Dorfschönling unter all den Golf I fahrenden Prolls.

Die Rebellion von der Castroper Straße

Nun hat Borussia Mönchengladbach den Klassenerhalt tatsächlich geschafft und im trostlosen Rund des halbleeren Ruhrstadions ließ Dante seine Mitspieler tatsächlich über sein Haar herfallen. Anschließend tollte er euphorisch über den Rasen, verspritze Kaltschale, grinste bis über beide Ohren. Es schien, als ahne er nicht, was er da getan hatte. Als ich die Bilder sah, stieg ein Gemisch aus Wut und Tränen in mir auf. Dantes Haarinferno ist ein Schock, die Rebellion von der Castroper Straße macht betroffen.

Was bleibt, ist die Sommerpause und damit die Hoffnung, dass es dem Verteidiger beim nächsten Blick in den Spiegel wie Locken von den Augen fällt: Er sieht aus wie ein Penis, den es im wohlverdienten Urlaub wieder zu verdecken gilt. Alles andere wäre nun wirklich pubertär.

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