Die Tragödie des Frankfurter Abstiegs

Wie ein Tritt zwischen die Beine

Am Anfang war ein Strohhalm. Am Ende war der Abstieg. Unser Redakteur Alex Raack verfolgte die letzten 90 Minuten von Eintracht Frankfurt in einer Berliner Fankneipe. Ortsbesuch in einem Mikrokosmos zwischen roher Hoffnung und kalter Realität. Die Tragödie des Frankfurter Abstiegs

Der Weg ist das Ziel, aber selbst damit haben die Begleiter schon ihre Probleme. Das Ziel heißt »Café Royal«, eine Fankneipe für Eintracht-Frankfurt-Anhänger, Exilhessen und Liebhaber hessischer Gaumenfreuden. Das Projekt heißt Klassenerhalt, die Eintracht spielt gegen Borussia Dortmund und muss gewinnen, will sie der Bundesliga erhalten bleiben. Zweimal verlaufen wir uns zwischen den Bahngleisen an der Warschauer Straße, Berlin-Friedrichshain. Dann endlich taucht ein bulliger Kerl mit Frankfurt-T-Shirt und Bulldoggen-Gesicht auf, er bellt uns den Weg und wir finden das Ziel. Die erste Mission, sie ist erfolgreich abgeschlossen. Das Projekt Klassenerhalt beginnt mit einer mächtigen Rindswurst und dem hessischen Nationalgesöff Ebbelwoi. Wer einen »Apfelwein« bestellt, ist hier eigentlich falsch.

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»Fankneipen« sind eigentlich längst überreif für ausgiebige soziologische Studien. Hier vereinigen sich Menschen auf ein paar Quadratmeter, die a) keine Karte fürs Stadion bekommen haben, b) keine Lust aufs Stadion haben, c) einfach zu weit vom Stadion entfernt wohnen, d) Fußball alleine gucken langweilig finden, e) einfach mal wieder Bock haben, wüst rumzubrüllen, oder f) es lieben, sich all diese Menschen und ihre Beweggründe in die Fankneipe zu gehen, zu beobachten. Steht dann auch noch so viel auf dem Spiel wie heute (der Verbleib in der deutschen Eliteklasse) schmeckt die Luft im Kneipenbauch wie eine Mischung aus falscher Fröhlichkeit, aufkeimender Panik und durch den Wolf gedrehten Durchhalteparolen. So wie sich meine Begleiter, frisch zugezogene Mittelhessen, jetzt fühlen, unterscheiden sie sich nur wenig von pubertierenden Jungs vor dem ersten Date: Vorfreude, Angst, gespielte Überheblichkeit, ein Spritzer Geilheit – alles ist dabei.

Wie Charly Körbel nach Offenbach

Noch eine Stunde. Das »Café Royal« füllt sich mit Mitzwanzigern, die rein optisch zu handelsüblichen Frankurt-Fan-Kneipen (siehe: »Hessenstübchen«, »Hesseneck« o.ä.) so gut passen würden wie Charly Körbel zu Kickers Offenbach. Dit is Balin – immer eine Spur zu gut angezogen, die Brillen immer eine Spur zu groß, der Dreitagebart immer eine Spur zu gut getrimmt, ganz klar: Es fehlt der Dreck, der Schmutz, der im Klassenkampf nun einmal nötig ist. Wo ist der Fettsack mit der speckigen Kutte und der ehemalige Platzwart ohne Vorderzähne, der einem ungefragt Geschichten erzählt aus Zeiten, die mal besser waren? Damit konfrontiert, lächeln meine beiden Begleiter nur fahl, sie sind längst in ihrer eigenen Welt. In dieser rosaroten Erdbeerlandschaft schießt Halil Altintop heute zwei Tore (»Der Halil zahlt heute alles zurück!«), wird Christoph Daum doch noch zum Messias (»Der Daum zahlt heute alles zurück!«) und sind die Spieler von Borussia Dortmund eh noch total besoffen. Zaghafte Einwände, Dortmunds Meisterkicker hätten ihren Fans versprochen, ja sogar geschworen, sich mit einem Sieg aus der Saison zu verabschieden, werden mit irren Blicken abgestraft. Vernunft ist im Kampf gegen den Abstieg ein Schwachsinnsargument. Und Strohhälme werden gegriffen und fest umklammert, mögen sie noch so dünn und zerbrechlich sein.

Als das Spiel beginnt, ist das »Café Royal« längst voll und der dritte Bembel Ebbelwoi längst geleert. Das Frankfurter Hirn ist vor lauter Abstiegsangst, Strohhalmgreiferei und süßsaurem Alkohol aus der Heimat aufgeweicht und muss jetzt auch noch 90 Minuten überstehen. Ich, heimlich beobachtend von meinem geistigen Jägersitz, empfinde Mitleid. Natürlich drücke ich den Frankfurtern die Daumen, aber die Typen auf dem Rasen und der Typ im kackbraunen Sakko, der die Typen auf dem Rasen trainiert, sind mir eigentlich piepegal. Aber diesen Jungs und Mädels und natürlich auch den Jungs und Mädels im Stadion wünscht ihn diesem Augenblick nur ein schlechter oder ein Offenbacher/Kaiserslauterer/Mannheimer Mensch den Abstieg aus der Bundesliga. Um wieder den Vergleich mit dem ersten Date zu wagen: Das wäre so, als wünsche man dem Jüngling einen Tritt in die noch haarlosen Eier statt einen feuchten Zungenkuss.

Doch der Tritt in die Weichteile folgt schon nach gut zehn Minuten. Benjamin Köhler, ausgerechnet Köhler, der doch eigentlich auch »alles zurückzahlen« sollte, foult Dortmunds Jakub Blaszczykowski so blöde, dass Schiedsrichter Peter Gagelmann auf Elfmeter entscheiden muss. Entsetzen im »Café Royal«, Hasstiraden auf Köhler, den Schiedsrichter, die gemeine Welt, das fiese Schicksal. Dann schießt Barrios und Frankfurts Torwart Ralf Fährmann hält den Ball und aus schweigendem Wehklagen wird lautes Jubelgeheul. Der Fährmann! Der hält heute alles! Der Barrios – besoffen, hab ich doch gesagt! Die Eintracht: Kann heute gar nicht absteigen! Das Fernsehen zeigt die jubelnden Frankfurter im Westfalenstadion und die Menge im Berliner Kneipenbauch erkennt die Leidensgenossen durch die viel zu großen Brillen und gröhlt via Leinwand ein paar Stammesrufe in Richtung Dortmund. Frankfurter Fans, zwischen Berlin und Dortmund im Geiste und Leiden vereint, stricken verbale Freundschaftsbändchen und der Klassenerhalt hängt nach Fährmanns Parade plötzlich am selbst gewebten Faden. Immerhin: Vorher war da überhaupt kein Faden zu sehen.

Männerschweiß stinkt plötzlich nicht mehr nach Angst

Pause. Frische Luft. Ein neuer Bembel. Vielleicht zwei. Smalltalk, weil reden manchmal hilft. In Hamburg führt Mönchengladbach mit 1:0, Hoffenheim gegen Wolfsburg unentschieden. Im Moment ist die Eintracht abgestiegen. Aber der Moment kann alle mal, denn jetzt geht die zweite Halbzeit los.

Und wie sie losgeht! 1:0 durch Sebastian Rode! Der Kneipenbauch wackelt wie ein Pudding bei Erdbeben. Selbst der Kerl mit dem gebrochenen Bein vergisst bei lauter Euphorie den dicken Gips und wird erst von der Schwerkraft wieder an seine Behinderung erinnert. Hoffnung, Tanz und Tralalala, unsichtbare Strohhälme fliegen durch die Luft und der Männerschweiß stinkt plötzlich nicht mehr nach Angst. Alles wird gut. Wenn denn jetzt schon Schluss wäre. Und plötzlich klingeln ein paar Handys, aus unterschiedlichen Ecken der Kneipe wabert die Nachricht durchs Bembelsaufende Volk: Hoffenheim führt gegen Wolfsburg mit 1:0, die Eintracht auf dem Relegationsplatz. So ein Tag so wunderschön!

Der Galgen ist gebrochen. Aber die Henker haben Zeit

Doch, herrje, es kommt ja alles anders. Nach 68 Minuten schießt Barrios, stocknüchtern, erst das 1:1, vier Minuten später stochert Frankfurts Marko Russ den Ball ins eigene Tor und was fünf Minuten vorher noch ein Tag so wunderschön wie heute war, ist plötzlich so widerlich wie ein Eimer frischer Kotze. Es kommt noch schlimmer: Christoph Daum pfeift ganz offensichtlich darauf, dem Frankfurter Anhang auch nur irgendwas zurückzuzahlen und schickt zehn Minuten vor dem Ende einen schüchternen Milchbubi namens Marcel Titsch-Rivero auf den Platz, statt endlich den stürmenden Routinier und 54-fachen Bundesligatorschützen Ioannis Amanatidis zu bringen.

Zwei Minuten später stolpert Titsch-Rivero Marcel Schmelzer in die Beine, fliegt vom Platz und Dortmund bekommt wieder einen Elfmeter. Im »Café Royal« schaffen es die bedauernswerten Geschöpfe nicht mal mehr wütend zu werden. Einer beginnt wie irre zu lachen und eigentlich fehlt hier jetzt nur noch ein Kleinkind, dass herzergreifend anfängt zu heulen. Kluge Eltern: Dieses Spiel haben sie ihrem Nachwuchs erspart. Die grausame Welt werden sie ohnehin noch früh genug kennenlernen. Wieder hält Fährmann den Ball und wieder wird gejubelt, aber eigentlich weiß jeder, dass die Hinrichtung der eigenen Mannschaft nur verzögert wurde, nicht verhindert. Der Galgen ist gebrochen, aber die Henker haben die Zeit auf ihrer Seite.

Dortmund ist grausam, wie es nur ein Deutscher Meister sein darf. Erst in der 90. Minute köpft Barrios das 3:1 und zerschmettert endlich jeden letzten Rest an Hoffnung, den sich der treue Eintracht-Fan der eigenen Würde wegen bis zum bitteren Ende bewahrt hat. Es ist vorbei und nicht zu fassen: Eintracht Frankfurt ist abgestiegen. Das »Café Royal« in Berlin-Friedrichshain leert sich schnell und draußen vor der Tür beginnen die Ersten schon wieder lachenden Klönschnack. Sie waren offenbar nur als Frankfurt-Fans verkleidete Schaulustige hier. Ein Drama mehr oder weniger fällt in dieser Stadt ohnehin nicht ins Gewicht.

Um 22 Uhr: »DJ Scheißegal und seine Schwester«

Meine Begleiter aber sind auch nach 15 Minuten Wartezeit noch immer nicht dem letzte Rauchreste aushustenden Kneipenbauch entstiegen. Sorgenvoll mache ich mich auf die Suche und finde zwei einsame Häufchen Elend vor einer stummen Großbildleinwand. Besoffen, sämtlichen Strohhalmen und Hoffnungsschimmern beraubt, betroffen – jetzt heißt es angemessen sein Mitgefühl auszudrücken. Ich entscheide mich für den guten alten Hinterkopf-Tätschler, zwei Hände erheben sich zum schlaffen Gruß. Es ist der 14. Mai 2011, 17:30 Uhr und Eintracht Frankfurt ist abgestiegen. Das Kneipenprogramm verrät: Um 22 Uhr legen heute »DJ Scheißegal und seine Schwester« auf. Für diese Wahl kann man den Wirt nur gratulieren.

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