Die Tops und Flops der EM-Vorrunde
Irland in der Superzeitlupe
Die Vorrunde ist beendet, Zeit für eine Zwischenbilanz bei dieser EM. Was gefiel, was nicht? Mit dabei: Das deutsche Fernsehen, irische Fans, die Balljungen, die Torrichter, der Ball und die Trikots.
Was bislang gefiel
Die Trikots
Die Augen eines normalen Fußballfans sind einiges gewöhnt. Werder Bremen scheint beispielsweise seit Jahren Platz im Weserstadion schaffen zu wollen und beschäftigt deshalb offenbar untalentierte und/oder zugedröhnte Designer, die regelmäßig urhässliche Leibchen »kreieren«, um potentielle Käufer und Fans abzuschrecken. Bislang glücklicherweise noch erfolglos. Die Europameisterschaft 2012 bietet dagegen pure Erholung. Es ist, als ob man aus der Großstadthölle ein paar Wochen ins Grüne fährt, um mal wieder die Seele baumeln zu lassen. Länderübergreifend sehen wir schlichtes weiß oder rot oder blau oder gelb. Störende Muster, großflächige Anzeigen? Fehlanzeige. Da spielt dann Rot gegen Blau und vielleicht gewinnt Blau, vielleicht auch Rot. Inmitten des ständig neu angekurbelten Laut-lauter-am-lautesten-Kommerz (siehe »Was bislang nicht gefiel«) eine wunderbare Sache. Wenn jetzt noch Baumwolle auf die Kicker-Körper zurückkehrt, steigen uns gleich Tränen in die Äuglein.
Der Ball
Ist in einem Atemzug mit den Trikots zu nennen. Allein der Name: »Tango 12«. Das wärmt unsere Herzen. Und dann noch dieser Look! Schwarz. Und weiß. Hinfort mit all diesen gruseligen Farb- und Musterkollektionen der vergangenen Turniere, das waren Bälle, die optisch so viel hergaben wie ein verrostetes Mofa, das nach 20 Jahren aus der Donau gezogen wird. Vergessen wir für einen Moment das plastik-klebrige Material von »Tango 12«, und schauen ihn einfach nur, vielleicht ein wenig angegeilt, an. Hat was von einem schnellen Gang durch die »Herbertstraße« auf St. Pauli. Nur gucken, nicht anfassen.
Die Superzeitlupe
Wir hatten die Spidercam, den Videowürfel, Kameramänner, die 90 Minuten lang nur einen Spieler filmen. Aber auf was die Fußballwelt wirklich gewartet hat, ist die Superzeitlupe, die nicht nur in Tierdokumentationen für sensationelle Bilder sorgt. Zeitlupe ist schon eine prima Erfindung, aber die Superzeitlupe: Schleck! Und da ist es auch ganz gleich, ob die Kameras das schmerzverzerrte Gesicht von Andres Iniesta, oder den zitternden Oberschenkel von Lukas Podolski ins Visier nehmen – faszinierend ist das allemal. Bleibt nur zu hoffen, das wir verwöhnten Bälger uns nicht allzu schnell an diese technische Neuerung gewöhnen. Oder jubelt noch jemand über die Spidercam?
Die Tore
Balotelli, Welbeck, Ibrahimovic – selten so viele artistisch anspruchsvolle Tore in der Vorrunde gesehen. Während Wellbeck den Ball sanft ins Tor hackelte, Balotelli schwungvoll und quasi blind die Flugbahn des Balles errechnete, bewies Schwedens Zlatan Ibrahimovic gestern, was für ein sagenhafter Athlet er doch, trotz Pferdeschwanz, ist. Früher nannten das die Experten eine »astreine Beinschere«, heute sagen wir einfach »Seitfallzieher«. Klingt beides super. Balotelli, Wellbeck und Ibrahimovic sind auch der Grund dafür, warum wir die bislang noch ausstehenden Weitschusstoren (noch) nicht vermissen.
Die Iren
Klar, wer mehr Ahnung von irischen Fans hat, vielleicht sogar selber irischer Fußballfan ist, dem sind die lustig-grünen Iren in den vergangenen Tagen wahrscheinlich auf den Sack gegangen. »Modefans« lautet in Fachkreisen das knallharte Urteil. Nicht so bei uns. Wir lieben die Iren! Sie saufen die Theken leer, sie sind grün, sie singen kitschige Lieder von Hungersnöten und sie haben scheinbar überhaupt keine Lust, anderen Fans die Fressen zu polieren. Der minutenlange Singsang im Spiel gegen Spanien wird das Turnier überdauern und noch in 20 Jahren für Gänsehäute sorgen. Ganz sicher.




