15.05.2014

Die Taktiktrends der Saison

Wer braucht schon Ballbesitz?

Seite 2/3: Stirbt der Ballbesitzfußball?
Text:
Tobias Escher
Bild:
imago

Nachdem in der vergangenen Saison vor allem das Münchener und Dortmunder Gegenpressing dominierte, liegt der Fokus in dieser Saison wieder stärker auf dem Verschieben im Mannschaftsverbund. In den Champions-League-Halbfinals triumphierten am Ende nicht der extreme Defensivfokus von Jose Mourinho oder die Ballbesitzmanie des Pep Guardiolas, sondern der ausgewogene, pfeilschnelle Fußball von Atletico und Real Madrid.

Der Ballbesitzfußball stirbt? Keineswegs

Einige Kritiker des Ballbesitzfußballs nahmen den Triumph Reals gegen die Bayern zum Anlass, mit dem Ballbesitzspiel abzurechnen. Zu fixiert sei Guardiola auf sein »tiki taka«, zu selten ziehe sein Team das Tempo an. Allerdings macht ein Spiel noch nicht den Untergang eines Systems aus – schließlich waren die Bayern noch wenige Wochen zuvor ungeschlagen in der Liga.

Die Lehre des Spiels könnte viel eher eine andere sein: Real Madrid war perfekt auf die Bayern eingestellt, vom Trippeln gegen Franck Ribery bis hin zu den schnellen Konter über die Flügel. Ancelotti scheute sich nicht einmal, sein eigentliches 4-3-3-System zugunsten eines stabileren 4-4-2 aufzugeben. Den Bayern hingegen fehlte über 180 Minuten hinweg die zündende Idee, wie sie die angepasste Defensive der Madrilenen bezwingen können.

Das ist vielleicht der größte Trend der Saison: Kein Team der Welt kann sich auf eine feste Formation verlassen. Spätestens auf internationalem Top-Niveau ist es notwendig, sein Team an den Gegner anzupassen. Ironischerweise war gerade Guardiola jener Coach, dem dies über weite Strecken der Saison am besten gelang. Selten nutzte er in zwei Spielen hintereinander dieselbe Formation, ständig wechselte er zwischen einem 4-3-3 und einem 4-2-3-1 und passte sein Team an den Gegner an; selbst wenn dieser nur Eintracht Braunschweig hieß. Nur in den entscheidenden Partien der Saison verpokerte er sich.

Peps Bayern als Taktiklabor

Die vergangene Saison zeigte auch, dass die meisten Trainer lieber bekannte Systeme perfektionieren, anstatt innovative Ideen zu entwickeln. Sacchis Fußball ist nicht neu, und doch ist er noch die grundlegende Blaupause für die meisten Teams, insbesondere in der Bundesliga. Das 4-2-3-1 bleibt die meist verwendete Formation im europäischen Fußball, auch wenn die Formation in den meisten Fällen als ein Mix aus 4-4-1-1 und 3-5-1-1 interpretiert wird. Abkippende Sechser, inverse Flügelspieler und falsche Neuner gehören weiterhin zum Vokabular eines jeden Fußballhipsters, werden aber immer mehr zur Normalität und verlieren ihren innovativen Klang.

 
 
 
 
 
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