Die Stimmung vor dem Spiel Werder-HSV

Friede in Zeiten des Derbykriegs

Es soll Leute geben, die ihr gesamtes Leben damit verbringen, den regionalen Fußballrivalen zu hassen. Werder-Fan Alex Raack und HSV-Anhänger Andreas Bock verstehen diese Sicht – und hatten doch einst einen schwachen Moment. Die Stimmung vor dem Spiel Werder-HSVimago

Als ich einmal vergaß, den HSV zu hassen
von Alex Raack

Ja, ich gestehe. Auch ich stand schon in der Bremer Ostkurve, oder in der lustigen V-Formation im Hamburger Auswärtsblock, um mit zitternden Stimmbändern zu krakelen: »Tod und Hass dem H-ES-VAU!« Aber ich war jung und brauchte den Kick. Dabei war es gar nicht so gemeint. Jedenfalls nicht von mir. Während in der S-Bahn, auf dem Bahnhof, am Bierstand oder im Stadion allein die Buchstabenfolge »HSV« bei den Menschen in meiner Umgebung pochende Stirnadern und vor Abneigung flackernde Augäpfel verursachten, musste und muss ich jedes Mal an ihn denken: Uwe Seeler. Uns Uwe. Mein Uwe. Der größte Held vom Hamburger SV war das Idol meiner Kindheit.

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Es begann in der dritten Klasse, mit einem Grabbeltisch voller Bücher. Die örtliche Bücherei wollte der jungen Nachwuchsintelligenz ihr papierenes Angebot schmackhaft machen, Werbung, die ich längst nicht mehr benötigte. Ich las eigentlich alles und ohne jedes System. Astrid Lindgren, Ernst Huberty. James Krüss, Hennes Weisweiler. Ferien auf Saltkrokan und eine zweiteilige Chronik über WM 1974 teilten sich artig die Plätze im Bücherregal. Übrigens eine herrliche Mischung, wenn man mal später einen Job wie den meinen machen möchte. Aber das nur am Rande. Wie schon gesagt: Ich las viel und vor allem jeden Scheiß, in dem auch nur entfernt ein Ball durch die Seiten rollte. Kein Wunder also, dass mich der senkrecht in der Luft liegende Uwe Seeler auf dem blau-grauen Buchcover seines Werkes »Alle meine Tore« gleich faszinierte.

Ich hätte mir »Alle meine Tore« einfach selbst angenäht

Ich las es einmal. Zweimal. Dreimal. Zehnmal. Und als meine Mutter mich nach drei Wochen noch immer mit diesem ranzigen Hardcover im Wohnzimmer hocken sah, kontaktierte sie meine Klassenlehrerin. Ob der Junge das Buch nicht behalten könne, auch wenn es formal der Stadtbücherei gehöre. Eine gute Wahl von Bücherei und Lehrerin, diesem Wunsch nachzukommen, ich hätte es mir wohl sonst in der Not selbst in meinen Oberschenkel eingenäht.

Fußball fand ich schon immer geil. Aber für die Bundesliga konnte ich mich nicht erwärmen, was auch daran lag, dass sich meine Familie so sehr für Fußball interessierte wie für Elefantenpolo. Außerdem wohnte ich in Celle, außerhalb des Dunstkreises Werder oder HSV. Zwar nah genug an Hannover 96, aber wer interessierte sich schon Ende der Neunziger für Hannover 96? Ich kannte jedenfalls niemanden. Natürlich, die großen Weltmeisterschaften waren mir aufgrund eingehender Studien (siehe Huberty, Weisweiler) ein Begriff. Ich kannte das »Wunder von Bern«, das »Wembley-Tor«, die »Schmach von Cordoba« – ich wusste sogar, mit welchem Freistoßtrick die Brasilianer 1974 die Nationalmannschaft der DDR besiegt hatten. Dass Werder Bremen, meine zukünftige Anvertraute, 1988 Deutscher Meister geworden war – Jacke wie Hose.

Burnley! Barcelona! Young Boys Bern!

Mit Uns Uwe lernte ich den deutschen Ligafußball dann endlich kennen. Wenn auch nur bis 1965, denn da riss bei Uwe die Achillessehne (kannte ich bis dahin auch noch nicht!) und nur deshalb hatte er überhaupt Zeit für dieses Buch. Vorher aber rauschte ich mit dem HSV durch die Jahre. Ich fror mit, wenn Uwe die langen Radfahrten zum Ochsenzoll antreten musste. Weinte unsichtbaren Tränen, als die Hamburger das nächste Endspiel um die Deutsche Meisterschaft vergeigten. Weinte unsichtbare Freudentränen, als es dann 1960 doch endlich klappte und staunte über Burnley, Barcelona und Siege gegen die Young Boys Bern (eine Mannschaft, die, wie ich dachte, als lauter kleinen Jungs zu bestehen schien). Ich will nicht protzen. Aber über die Jahre 1957 bis 1965 weiß ich vermutlich besser Bescheid, als die meisten Hardcore-HSVer.

So wurde ich groß und größer. Und irgendwann erwachsen. Ich entdeckte den ruhmreichen SV Werder Bremen für mich und gleich dazu ein Haufen Kumpels, mit denen ich später – dank beständiger Europapokalteilnahme – durch die Welt reisen konnte. Ich lernte, mich genauso diebisch über Siege gegen den HSV zu freuen, wie der Rest des Bremer Anhangs. Ich lachte über Ailton und über die Papierkugeln, und zwar zu einem nicht unerheblichen Teil aus Schadenfreude. Ich brüllte »Tod und Hass dem H-ES-VAU!« mit (aber niemals das widerliche »H-I-VAU«, soll an dieser Stelle mal gesagt sein). Ich wurde Werderaner. Und trug doch das größte HSV-Idol aller Zeiten im Herzen.

Uwes 16 Jahre alte Unterschrift

Vor einigen Monaten hatte ich das große Glück Uns Uwe das zweite Mal in meinem Leben zu treffen. Beim ersten Mal war ich noch ein kleiner Hosenscheißer, der vor einer Turnhalle in der niedersächsischen Provinz drauf wartete, dass »Herr Seeler« nach einem Auftritt mit seiner Traditionsmannschaft noch Zeit für ein schnelles Autogramm fand. Beim zweiten Mal war ich ein ausgewachsener Hosenscheißer, der seinem Helden fast zwei Stunden in einem Hamburger Hotelfoyer gegenüber saß, um ihn mit Interviewfragen einzudecken. Ich hatte wieder mein Buch mit. Als Uwe es signieren wollte und seine gut 16 Jahre alte Unterschrift erkannte, musste er lächeln.



Als ich einmal vergaß, den SV Werder zu hassen
von Andreas Bock

Wie man Werder hasst, weiß jeder HSV-Fan. Wie man im Diercke-Schulatlas mit einem Edding 800 die Stadt Bremen von der Landkarte streicht oder vor Wut Fernsehtische zerlegt, weil die eigene Mannschaft innerhalb weniger Wochen dreimal gegen die Unaussprechlichen verliert. Ich habe »Tod und Hass dem SVW« gesungen. Ich habe mir von Mutti einen Flicken mit dem Slogan »Was ist grün und stinkt nach Fisch« auf die Kutte nähen lassen. Ich kenne die Diskussionen, dass man keine grünen Shirts trägt oder kein verdammtes Beck’s trinkt, auch wenn das eigene Bier nach abgestandenem Regenwasser schmeckt. Dann sogar lieber ein Prosecco. Oder eine Weißweinschorle!

Doch manchmal, wenn wieder einmal ein Spieler mit blondierten Strähnchen im Haar seine neueste Tätowierung auf Twitter präsentiert, wenn in Hamburg wieder einmal alle nach Titeln krächzen und gerade der siebzehnte Trainer seit 1983 entlassen wurde, wenn irgendwo eine ganz neue und extrem bunte TV-Show in 300 Bildern pro Sekunde erklären will, was Fußball ist, dann würde ich gerne Thomas Schaaf treffen. An der Bushaltestelle, auf einer Parkbank, meinetwegen auf einem Plakat. Ich treffe ihn – und er sagt nichts. Er guckt. Ich gucke. Wir rauchen, vielleicht. Trinken, vielleicht. In der Hauptsache schweigt er. Und ich versuche es ihm gleichzutun.

Als HSV-Fan hat man viel zu hassen

Vor über 25 Jahren, am 22. April 1986, lernte ich Thomas Schaaf kennen. Er war Teil der Werder-Mannschaft, die sich am 33. Spieltag gegen den FC Bayern die Meisterschaft hätte sichern können. Mir war es im Grunde gänzlich egal, wer dieses Spiel gewinnt. Werder, Bayern – beide doof. Dazu noch der FC St. Pauli, 1860 München, der 1. FC Köln und Celtic Glasgow – als HSV-Fan muss man seit jeher sehr viel hassen.

Das Spiel wird live in der ARD übertragen. 88 Minuten passiert nichts. 0:0. Dann sieht Schiedsrichter Volker Roth ein Handspiel von Sören Lerby im eigenen Strafraum. Egon Cordes schießt den Ball wütend Richtung Weser und der ur-bayrische Co-Kommentator Paul Breitner posaunt: »Nichts. Gesicht war das!« Und: »Nur ins Gesicht ist er ihm gegangen!« Und: »Da verstehe ich nicht, wofür wir den Linienrichter haben, wenn er besser steht! Der Schiedsrichter konnte das ja gar nicht sehen, er stand mit dem Rücken zum Geschehen.« Und: »Tatsache ist, dass er ins Gesicht gegangen ist! Tatsache ist nicht, dass er an die Hand gegangen ist!« Und: »!«

Keine Eigentumswohnung für Jonny Otten

Paul Breitner hätte noch weitere 20 Minuten über das Hand- beziehungsweise Gesichtsspiel schwadroniert, wäre der Ball nicht nach etwa zehn Minuten wieder aufs Spielfeld gerollt. Dann liegt er auf dem Punkt. Michael Kutzop, der in seiner Karriere um die 200 bis 700 Elfmeter versenkt hat, nimmt Anlauf. Jean-Marie Pfaff taucht ab, in die falsche Ecke. Doch statt einem Torschrei folgt das Geräusch von Aluminium. Hartes, hässliches Aluminium. Thomas Schaaf guckt ins Nichts. Einige Spieler laufen los, Michael Kutzop auch. Irgendwohin. Natürlich sagt Paul Breitner wieder irgendetwas. Zum Beispiel das: »Ich nenne das ausgleichende Gerechtigkeit!« Und das: »Für die Werder-Fans tut es mir leid!« Drei Schritte vom Abgrund entfernt – und dann solche Worte. Der joviale Unterton sapscht förmlich aus dem Fernseher auf den Teppichboden. Selten hörte man so eine unangehme und klebrige Kumpanei.  

Am 34. Spieltag gewann der FC Bayern 6:0 gegen Borussia Mönchengladbach, Werder verlor mit Blei an den Füßen 1:2 in Stuttgart. Jonny Otten sagte, Michael Kutzop hätte ihn um eine Eigentumswohnung gebracht. Paul Breitner sagte sicherlich auch wieder irgendwas. Und Thomas Schaaf? Rauchte, vielleicht. Trank, vielleicht. Sicherlich aber schwieg er dabei. Es muss sich verdammt gut angehört haben.

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