Die Stadion-Katastrophe von Moskau

Luschniki

Es war eine der schlimmsten Katastrophen in der Geschichte des Fußballs. Mehr als 300 Menschen starben vor 27 Jahren im Moskauer Luschniki-Stadion. Eine Tragödie ohnegleichen. Und von der sowjetischen Führung totgeschwiegen. Die Stadion-Katastrophe von Moskau

Die Frauen und Männer verteilen Eierkuchen und Wodka. Der kalte Ostwind brennt im Gesicht, doch die Menschen, die hier vor dem Luschniki-Sportkomplex am Rande der russischen Hauptstadt Moskau vor einem Denkmal stehen, spüren die Kälte nicht. Zwei alte Damen teilen sich ein belegtes Brot mit Käse. Vor 27 Jahren haben sie an dieser Stelle ihre Söhne, Männer, Freunde und Verwandte verloren. Mehr als 300 Menschen starben am 20. Oktober 1982, knapp 100 Meter von diesem Denkmal entfernt, zwischen Eis und Metall. Bei einem Fußballspiel.

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Es war eine der schlimmsten Stadionkatastrophen, die die Welt je gesehen hat. Bloß: Lange Zeit wussten nur die Angehörigen davon, dass während des Spiels zwischen Spartak Moskau und dem HFC Haarlem mehr als 300 Menschen zu Tode gequetscht wurden. Die sowjetische Vertuschungsmaschinerie war bestens geölt. Ein furchtbares Desaster, blanker Horror aus Blut, Stahl und zermalmten Knochen – einfach totgeschwiegen. Drei Zeilen erschienen tags darauf in der Zeitung »Vechernyaya Moskva«: »Während des Fußballspiels gestern im Luschniki-Stadion hat es einen Unfall gegeben. Unter den Zuschauer gab es einige Verletzte.«

Ein furchtbares Desaster, blanker Horror

Alexander Klimenko ist an diesem 20. Oktober 1982 schon früh vor dem Stadion, Freunde aus dem Technikum hatten Karten für den 17-Jährigen und seine vier Kumpels besorgt. Im UEFA-Cup spielt Spartak gegen die Holländer aus Haarlem. Seinen rot-weißen Schal hat der junge Fußball-Fan elegant um den Hals geschlungen. Zwei Stunden später ist Alexander Klimenko tot. Begraben unter seinen Freunden und dutzenden leblosen Körpern.

Nur 10.000 Karten hatte der Klub im Vorverkauf losschlagen können, die Ordnungskräfte hatten sich für die Partie im internationalen Wettbewerb eine einfache Rechnung aufgestellt. Um im 80.000-Mann-Stadion Luschniki die Übersicht über die »subversiven Kräfte Fußball-Fans« zu behalten, drängte man das zahlende Volk auf eine einzige Tribüne. Zehn Grad Minus werden kurz vor dem Anpfiff im zugigen Rund gemessen, die Stufen und Geländer sind vereist, bei jedem Schritt müssen die Menschen aufpassen, nicht auf dem Hosenboden zu landen. Die ersten Kinder nutzen die Chance und rutschen zwischen den Wellenbrechern über die voll besetzte Tribüne. Die Kassenwarte zählen 16.000 Menschen.

Bald fällt das erste Tor für die Gastgeber, das Publikum auf der Tribüne nimmt das dankbar zur Kenntnis, das kollektive Klatschen lässt wieder Blut durch die Glieder strömen. Danach: Warten und frieren. Kurz vor dem Ende verlassen die ersten Zuschauer die Tribüne. Es ist kalt, und das träge Spiel deutet nicht wirklich darauf hin, dass hier noch etwas passiert. Zwei Minuten sind über die reguläre Spielzeit bereits hinaus gespielt, der Strom an Menschen, die nach Hause wollen, schwillt an. Die Ordnungskräfte klappern mit den Zähnen. Wann ist dieser Arbeitstag endlich vorbei? Nur zu gerne dirigieren sie die abwandernden Massen zum einzigen Ausgang. Dann gelingt Sergej Schwetsow das 2:0 für Spartak. Später wird er sagen: »Ich wünschte, ich hätte dieses Tor nie geschossen.«

»Ich wünschte, ich hätte dieses Tor nicht geschossen.«

Von der Tribüne führt nur eine schmale Treppe ins Freie. Die Zuschauer, die bereits den Ausgang erreicht haben, eilen zurück. Was ist da auf dem Rasen passiert? Auf den vereisten Stufen ist bald jeder Quadratzentimeter mit drängelnden Menschen besetzt.

Die, die tapfer ausgeharrt haben, ballen kurz die Fäuste. Ein schönes Tor. Jetzt wollen sie nach Hause. »Raus mit euch, ihr könnt euch auf der Straße freuen!«, rufen die Ersten und stoßen von oben Menschen auf die überfüllte Treppe. Schrauben brechen, Metall verbiegt sich, Schweißnähte reißen auf. Das Geländer bricht in sich zusammen. Die Unglückseligen auf den Treppenstufen haben keine Chance mehr. Eine brüllende Masse aus Menschen und Metall kracht auf grauen Beton. Auf der Tribüne greift nackte Panik um sich. Mittendrin: Der 16-jährige Andrei Tschesnokow. Jahre später wird er als Nummer neun der Tennis-Weltrangliste geführt. Jetzt kämpft er um sein Leben.

»Als das 2:0 fiel, lief alles falsch«, gibt der Tennisprofi später zu Protokoll. »Auf den glatten Treppen gab es Stürze; jeder fiel über jeden. Es war ein Domino-Effekt. Man kam nicht weg, das Stahlgeländer bog sich unter dem Gewicht der Menschen. Sie wurden einfach zu Tode gequetscht. Ich war auch eingeklemmt, aber ich schaffte es wegzukommen, indem ich über das Geländer sprang. Ich gelang in Sicherheit mitten durch eine Reihe von Körpern. Die meisten waren tot, einige streckten mir ihre Hände entgegen, um gerettet zu werden, aber sie steckten unter einem Menschenhaufen fest. Ich schaffte es, einen Jungen rauszukriegen und ihn zu einem Krankenwagen zu bringen. Aber sie konnten nichts mehr für ihn tun, er war tot. Unten sah ich Reihen von Körpern. Ich alleine sah mehr als hundert in dieser Nacht.«

»Die meisten waren tot, einige streckten mir ihre Hände entgegen.«

Die ersten Krankenwagen treffen ein. 40 Minuten nachdem das erste Herz zwischen Beton und verbogenem Stahl aufhörte zu schlagen. Die Sicherheitskräfte legen die Leichen vor dem Lenin-Denkmal ab. In eine Reihe, wie Streichhölzer. Die Moskauer Miliz hat das Stadion abgeriegelt, niemand kommt raus, niemand kommt rein.

Bei den Klimenkos klingelt das Telefon. Swetlana hebt ab. Am anderen Ende der Leitung: Ein Freund ihres Sohnes. »Er hat nur gestottert. Es sei etwas passiert.« Am nächsten Tag finden Alexanders Eltern ihren Sohn in einem Leichenschauhaus.

In Moskau geht der Alltag weiter. Außer den Opfern – mehr als 500 Fans werden zum Teil schwer verletzt – und deren Angehörigen, weiß niemand von der Katastrophe im Luschniki. Erst 1989 erscheint ein Artikel in der Zeitung »Sowetskij Sport« mit dem Titel »Das dunkle Geheimnis von Luschniki«. 1992 wird ein bescheidenes Denkmal vor dem Sportkomplex errichtet.

Die Leichen liegen vor dem Lenin-Denkmal

Dort stehen an diesem 20. Oktober 2009 schweigend Menschen, sie tragen Kerzen in den behandschuhten Händen. Und machen sich Mut. Der Eierkuchen ist aufgegessen, der Wodka wärmt den Magen. Swetlana Klimenko packt die belegten Brote wieder ein. Nächstes Jahr wird sie wieder hier sein.

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