Die Spätaussiedler: Miro, Poldi und Co.

Schwarze Adler, weiße Adler

Wenn Lukas Podolski und Miroslav Klose heute gegen Polen auflaufen, spielen sie auch gegen ihre Heimat. Der Journalist Thomas Urban hat die Geschichten der beiden Nationalspieler und anderer Spätaussiedler nachgezeichnet. Die Spätaussiedler: Miro, Poldi und Co.imago

Der folgende Text stammt aus dem Buch »Schwarze Adler, weiße Adler – Deutsche und polnische Fußballer im Räderwerk der Politik« (Verlag Die Werkstatt) von Thomas Urban.

Klagenfurt, 8. Juni 2008: Im ersten Spiel der EM 2008 trifft Deutschland auf Polen. In der 20. Minute bekommt Lukas Podolski den Ball sieben Meter vor dem Tor von Miroslav Klose zugespielt – und lässt sich diese Chance nicht entgehen. Der Schütze wird von seinen Mitspielern beglückwünscht, er aber verzieht keine Miene. In der 72. Minute macht Podolski mit einem Gewaltschuss vom Strafraumrand den 2:0-Sieg der Deutschen perfekt – wiederum nach Vorarbeit Kloses. Und erneut bleibt der Torschütze ganz ernst, versagt sich jede Geste des Jubels. Nach dem Abpfiff kommt es zum obligatorischen Trikottausch. Podolski läuft im roten Hemd mit dem weißen Adler zum polnischen Fan-Block. Später sagt er dazu: »Ich war zufrieden, dass ich meine Aufgabe als Spieler gut gelöst hatte, und gleichzeitig war ich traurig.«

Mehrere polnische Kommentatoren meinten, die Deutschen hätten nur gewonnen, weil ein Pole für sie Tore geschossen und ein anderer Pole, nämlich Klose, dafür die Vorlagen geliefert habe. Auch in deutschen Blättern wurde darauf verwiesen, dass zwei »gebürtige Polen« die Niederlage der eigenen Landsleute in einem prestigeträchtigen Spiel besiegelt hätten. Bei der WM zwei Jahre zuvor, als Podolski im Achtelfinale gegen Schweden ebenfalls zwei Tore geschossen hatte, wiederum nach Vorarbeit von Klose, schrieb das Warschauer Boulevardblatt »Fakt«: »Das hat es noch nicht gegeben – Millionen Deutsche huldigten den polnischen Helden!«

In der Tat wurden Klose und Podolski als Staatsbürger der Volksrepublik Polen geboren, in Oppeln (Opole) und Gleiwitz (Gliwice). Da aber bei beiden die Vorfahren väterlicherseits Bürger des Deutschen Reiches waren, hatten sie von Anfang an nach Artikel 116 des Grundgesetzes das Recht auf den begehrten grünen »Bundespass«, wie man in Polen sagte. Demnach ist auch Deutscher, wer »als Flüchtling oder Vertriebener deutscher Volkszugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling in dem Gebiete des Deutschen Reiches nach dem Stande vom 31. Dezember 1937 Aufnahme gefunden hat.« Der Bezug auf die »Grenzen von 1937« fand sich erstmals im Potsdamer Protokoll von 1945; die Alliierten wollten damit klarstellen, dass die Erweiterung des Reichsgebietes durch den Anschluss Österreichs und des Sudetenlandes im folgenden Jahr als ungültig angesehen werde.

Die Familien Klose und Podolski gehörten zu den rund anderthalb Millionen Spätaussiedlern, die seit den fünfziger Jahren aus dem polnischen Hoheitsgebiet, vor allem aus Oberschlesien und Masuren, in die Bundesrepublik gekommen sind. Häufig aus politischen Gründen, weil sie nämlich als Deutsche Repressionen durch die kommunistischen Behörden ausgesetzt waren, oft auch aus wirtschaftlichen Gründen, weil der Alltag mit seinen krassen Versorgungsmängeln in der Planwirtschaft überaus mühsam war. Fast alle polnischen Medien ignorierten diese historischen Hintergründe. Nur die linksliberale Gazeta Wyborcza schrieb klar: »Klose und Podolski sind zwar in Polen geboren, doch ihre Eltern haben deutsche Wurzeln.« Dagegen hieß es in »Fakt«: Die »an der Weichsel« geborenen Polen, die nun in der Bundesliga spielten, könnten eine eigene Nationalmannschaft bilden. Doch sind die aufgeführten Spieler nicht an der Weichsel, sondern an der Oder geboren – in Oberschlesien.

Lojalka und Familienzusammenführung

Ein beträchtlicher Teil der Einwohner Oberschlesiens war in den ersten Nachkriegsjahren von der Vertreibung verschont geblieben. Zum einen wurden die deutschen Fachkräfte in der Industrie und in den kommunalen Versorgungseinrichtungen zurückgehalten, weil es für ihre Tätigkeiten noch keine polnischen Spezialisten gab. Zum anderen betrachteten die polnischen Behörden die zweisprachigen Oberschlesier und auch die Masuren schlicht als Landsleute, obwohl ein Großteil von ihnen sich selbst keineswegs als Polen ansah.

Die Zurückgebliebenen mussten sich allerdings einer »Verifizierung« unterziehen, in der ihre Kenntnisse des Polnischen überprüft wurden. Insgesamt waren es fast 900.000 Personen, die vor den Kommissionen erschienen. Mehrere Zehntausend Menschen, die als Deutsche galten oder die Verifizierung ablehnten, kamen in den ersten beiden Nachkriegsjahren in Arbeitslager. Tausende kamen dort um, Tausende unterzeichneten schließlich die »Lojalka« (Loyalitätserklärung) zum polnischen Staat, um aus dem Lager zu kommen.

Viele Oberschlesier blieben aus dem einfachen Grunde, weil sie nicht Haus und Hof aufgeben wollten; auch gab es westlich von Oder und Neiße nur zerbombte und von Flüchtlingen überfüllte Städte. Ein Großteil von ihnen war auch der Überzeugung, dass die polnische Verwaltung nur vorübergehend sei, dass die Deutschen zurückkämen. Im Potsdamer Protokoll war ja die Rede davon gewesen, dass die Ostgebiete »unter polnische Verwaltung« kommen sollten; die Frage der polnischen Westgrenze hatten die Siegermächte auf der Potsdamer Konferenz offengelassen.

Diese Erwartungen erfüllten sich jedoch nicht, das kommunistische Regime stabilisierte sich und betrachtete die bisherigen deutschen Ostgebiete als eigenes Staatsgebiet, wogegen die Westmächte zunächst protestierten. Die Oberschlesier, die bislang Bürger des Deutschen Reichs waren, bekamen indes keineswegs sofort die vollen Bürgerrechte zuerkannt. Vielmehr wurden sie auf vielerlei Weise von den Behörden diskriminiert. Der Gebrauch der deutschen Sprache wurde mit Bußgeld belegt, in oberschlesischen Schulen wurde kein Deutsch unterrichtet, deutsche Bücher wurden beschlagnahmt und meist vernichtet.

Da aber das »Deutschtum« auf diese Weise nicht auszurotten war, entschloss sich Warschau letztlich, die Abwanderung von ehemaligen Reichsbürgern und ihrer Angehörigen im Rahmen der »Familienzusammenführung« zuzulassen. Unter Parteichef Edward Gierek begriff die polnische Führung in den siebziger Jahren, dass sich mit den Ausreisewilligen ein Geschäft machen ließ: Sie sagte Bonn die Ausreise von 125.000 Deutschstämmigen aus ganz Oberschlesien zu, im Gegenzug vermittelte Bundeskanzler Helmut Schmidt einen Kredit über eine Milliarde Mark. Allerdings wurden Oberschlesier, die Ausreiseanträge stellten, meist von den Behörden schikaniert. Viele von ihnen verloren ihre Arbeit. Unter den Spätaussiedlern waren auch Oberschlesier, deren Eltern oder Großeltern nach dem Ersten Weltkrieg für Polen optiert hatten; manche waren sogar in polnischen Gesellschaften aktiv gewesen. Nun verließen ihre Nachkommen als deutsche Spätaussiedler das Land.

Sozialismus oder Kapitalismus

Mit der großen Aussiedlerwelle Ende der siebziger Jahre zog auch die Familie des damals noch jugendlichen Martin Max von Oberschlesien ins Ruhrgebiet. Talentsucher von Borussia Mönchengladbach wurden auf ihn aufmerksam; als er 21 Jahre alt war, bekam er 1989 dort seinen ersten Profivertrag. Mit dem Verein vom Niederrhein gewann er 1995 den DFB-Pokal, zwei Jahre später mit Schalke 04 sogar den UEFA-Cup.

Nach seinem Wechsel zu 1860 München wurde Max in den Jahren 2000 und 2002 Torschützenkönig der Bundesliga. In dieser Zeit kam er auch zu seinem einzigen Länderspieleinsatz: In einem Freundschaftsspiel gegen Argentinien wurde er acht Minuten vor Schluss eingewechselt. Seine Karriere beendete er bei Hansa Rostock. In fünfzehn Jahren war er auf 386 Bundesligapartien gekommen.

Auf eine Bundesligasaison weniger als Max kam sein oberschlesischer Landsmann Dariusz Wosz, dessen internationale Karriere dagegen ungleich erfolgreicher war: Er bestritt 24 Länderspiele, sieben für die DDR, 17 für die DFB-Elf. Die Familie Wosz hatte sich nämlich nicht dem großen Aussiedlerzug in den Westen angeschlossen, sondern war von Oberschlesien nach Halle in der DDR gezogen. Dort betrieb der Onkel des späteren Nationalspielers eine Gärtnerei. Er hatte eine Hallenserin geheiratet und war in die DDR gezogen.

Sein Schwager und seine Schwester Dorota, Dariuszs Eltern, sahen für sich keine Perspektiven mehr in der Volksrepublik Polen. Dorota Wosz berichtete, dass ihr Vater wiederholt Ärger mit den Behörden gehabt habe, da sie als Kind in der Öffentlichkeit Deutsch gesprochen habe. Sie sei deshalb sogar von ihrem Lehrer geschlagen worden.

Als ihr Mann und sie später den Ausreiseantrag stellten, habe ihr eine Lehrerin gestanden, dass der Direktor der Schule sie angewiesen habe, Dariusz schlechte Schulnoten zu geben. Die Woszs waren vor der Übersiedlung überzeugt, sie könnten ihre polnischen Pässe behalten. Die Polen durften damals vorübergehend in den Westen und nach West-Berlin reisen; dort lebte damals ein Teil der Familie Wosz. Doch nach der Ankunft in Halle mussten sie ihre polnischen Pässe abgeben und bekamen stattdessen DDR-Ausweise. »So waren wir vom Sozialismus in den Sozialismus gekommen«, sagte Dorota Wosz im Rückblick.

Der damals zehn Jahre alte Darek, wie er in der Familie genannt wurde, sprach fast kein Deutsch. Wie viele andere Übersiedlerkinder kompensierte er seine anfänglichen schulischen Probleme mit sportlichem Ehrgeiz. Sein Feld wurde zunächst der Eisschnelllauf, er wurde siebenmal in die Jugendauswahl der DDR berufen. Doch letztlich gewann der Fußball die Oberhand.

Der beste der örtlichen Clubs, Chemie Halle, wurde auf ihn aufmerksam, dann auch der Trainerstab der DDR-Auswahl; als 16-Jähriger nahm er an einer Reise einer Jugendmannschaft nach Südamerika teil. Beim Rückflug hat er nach dem Bericht der Mutter den Abwerbeversuch eines offenbar westdeutschen Passagiers zurückgewiesen, der ihm eine Fußballkarriere im Westen in Aussicht gestellt haben soll, falls er bei einer Zwischenlandung das Flugzeug verlasse.

1988, gerade 18 Jahre alt, spielte Wosz bereits in der ersten Mannschaft von Chemie Halle. Schon kurz darauf folgte die Einladung zu seinem ersten Länderspiel für die DDR. Wenige Monate später fiel die Berliner Mauer. Seine Mutter Dorota hatte drei Tage zuvor nach langen Kämpfen mit der DDR-Bürokratie endlich zu ihren Verwandten nach West-Berlin reisen dürfen. Ein Jahr nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 unterzeichnete Wosz einen Vertrag beim VfL Bochum, wo er bald einer der zentralen Spieler und Mannschaftskapitän wurde. Von einem dreijährigen Zwischenspiel bei Hertha BSC abgesehen, hielt er Bochum bis zum Ende seiner Karriere im Jahr 2005 die Treue.

Eine Zeitlang spielte Wosz beim VfL Bochum mit Paul Freier zusammen, der 1979 im oberschlesischen Beuthen auf den Namen Sławomir Paweł getauft worden war. Als er sieben Jahre alt war, siedelte seine Familie an den Rand des Ruhrgebietes über. Mittlerweile auf den Namen Paul hörend, kam er bereits als Jugendlicher zum VfL Bochum. Nach vier Jahren des Aufs und Abs zwischen Erster und Zweiter Bundesliga wechselte er zu Bayer 04 Leverkusen, um nach weiteren vier Jahren nach Bochum zurückzukehren.

Zurückweisung weiß-roter Offerten

Der erste Oberschlesier, dem in der Bundesliga und der Nationalmannschaft der große Durchbruch gelang, war Miroslav Klose aus Oppeln, dem Zentrum der deutschen Minderheit in Polen. Sein Vater Josef berichtete, dass seine Eltern Deutsch gesprochen haben. Er selbst wuchs indes zu einer Zeit auf, als die Parteiführung den öffentlichen Gebrauch der deutschen Sprache unter Strafe gestellt hatte und auch kein Deutschunterricht in den Schulen Oberschlesiens stattfand.

Die Familie Klose hat allerdings nicht bei den polnischen Behörden die Ausreise in die Bundesrepublik beantragt, sondern ist von einer offiziell genehmigten Urlaubsreise nach Frankreich 1985 nicht zurückgekehrt. Josef Klose hatte nämlich mit Erlaubnis der polnischen Behörden zuletzt in französischen Clubs in Auxerre und Châlons-sur-Saône gespielt, nachdem er zuvor viele Jahre lang Stürmer bei Odra Oppeln gewesen war.

Die Kloses meldeten sich bei den bundesdeutschen Behörden und wurden erst einmal in ein Heim für Spätaussiedler eingewiesen. Miroslav Klose schilderte seine Eindrücke von dieser Zeit, er war damals acht Jahre alt: »Für mich war es ein brutaler Schock. In dem Aussiedlerheim weinte ständig irgendjemand. Die Kinder waren oft krank. Es herrschte ein großes Chaos. Wir waren der Überzeugung, dass wir schnell den Marsch nach oben antreten mussten.«

Wegen seiner fehlenden Deutschkenntnisse war der Einstieg in die Schule nicht gerade einfach für ihn: »Am ersten Tag mussten wir ein Diktat schreiben, ich kannte auf Deutsch aber nur die Wörter ,ja‘, ,nein‘ und ,danke‘.« Später wurde er um zwei Klassen zurückgesetzt, von der vierten in die zweite Klasse. Auch er kompensierte seine Startschwierigkeiten in der deutschen Schule mit Sport: »Dort hätte ich mich ausgeschlossen gefühlt, wenn wir nicht in jeder freien Minute nach dem Unterricht hinter dem Ball hergejagt wären. (...) Ich erinnere mich, dass ich jedes Mal als Erster gewählt wurde, wenn die Mannschaften aufgestellt wurden. Jeder wollte, dass ich in seiner Mannschaft spielte. Das gab mir Selbstsicherheit und half mir, mich in der neuen Lage zurechtzufinden. Schließlich hat mir diese Erfahrung auch erlaubt, mich bei den Deutschen zu integrieren.«

Klose spielte als Jugendlicher beim FC Homburg, bis zu dem Moment, als Stefan Majewski, der polnische Bundesligaprofi des 1. FC Kaiserslautern, ihn unter die Lupe nahm. Majewski hatte gemeinsam mit dem früheren Nationalstürmer Andrzej Szarmach die Familie Klose in ihrem Haus in Rheinland-Pfalz besucht.9 Szarmach hatte Josef Klose in Auxerre kennengelernt und war seitdem mit ihm befreundet. Majewski holte Miroslav Klose zu den Amateuren des 1. FC Kaiserslautern, die er trainierte. Als Majewski als Trainer zum polnischen Club Amica Wronki wechselte, wollte er Klose dorthin mitnehmen. Doch dieser zog es vor, in Kaiserslautern zu bleiben. Er überzeugte den damaligen Trainer Otto Rehhagel von seinen Fähigkeiten und schaffte so den Sprung in die Bundesligamannschaft.

Auf Empfehlung Majewskis kam der polnische Nationaltrainer Jerzy Engel im Februar 2001 nach Kaiserslautern, um persönlich Klose zu einem Länderspiel für die Weiß-Roten einzuladen. Dieser schlug das Angebot dankend aus: »Ich fühle mich als Deutscher, und wenn ich jemals in einer Nationalmannschaft spielen werde, so wird es die deutsche sein.« Vier Wochen später bestritt er sein erstes Länderspiel, Gegner war Albanien.

Für die deutsche Nationalhymne

Als polnische Reporter Josef Klose vor seinem Haus fragten, wie er sich als Pole fühle, wenn sein Sohn nun für die Deutschen spiele, antwortete dieser: »Ich bin Schlesier und Europäer. Mirek verdankt alles, was er erreicht hat, den deutschen Vereinen und meiner Person.«

Die polnische Presse hat ihren Lesern vorenthalten, dass Josef Klose im WM-Jahr 2006 zum Oppelner Heimattreffen der Landsmannschaft Schlesien kam; dort hat er sich gemeinsam mit Herbert Hupka, dem langjährigen Vorsitzenden der Landsmannschaft, fotografieren lassen.

Sein Sohn Miroslav hat ebenfalls wiederholt gegenüber polnischen Journalisten unterstrichen, dass er Deutscher sei. Gelegentlich enervierte er sie, indem er ihre Fragen auf Deutsch beantwortete. Als er vor dem Spiel gegen Polen bei der WM 2006 gefragt wurde, ob er vor dem Anpfiff beide Nationalhymnen mitsingen werde, sagte er: »Nur die deutsche. Die polnische kenne ich überhaupt nicht.« Auch gegenüber deutschen Medien bekannte er sich zur Nationalhymne. Dem »Playboy« sagte er: »Ich singe auch immer lauter mit als jeder andere. Ich bin keiner, der nur die Lippen aufspannt, und dann kommt kein Ton raus!«

Doch betonte er auch wiederholt, dass er gern nach Polen fahre: »Dort wohnen meine Verwandten, eine Tante und ein Onkel. Ich mag die Polen sehr gern, die ich dort treffe.« Gegenüber dem »Playboy« schwärmte er von der Herzlichkeit und Offenheit der Menschen in Oberschlesien: »Davon können wir hier noch viel lernen.« Seine Ehefrau ist Polin, mit ihr spricht er Polnisch, ihre Zwillinge werden zweisprachig erzogen.

Nach den Erfolgen Kloses bei den Weltmeisterschaften warfen polnische Sportkommentatoren immer wieder den PZPN-Offiziellen und auch den Klubpräsidenten vor, sie hätten nicht genügend Anstrengungen unternommen, um Klose für Polen zu gewinnen. Der frühere Nationalspieler Jan Furtok, der erfolgreichste Pole in der Bundesliga, meinte allerdings während der WM 2010 dazu, dass Klose in Polen auf keinen Fall eine Weltkarriere gemacht hätte: »Bei einigem Glück hätte er zwei polnische Meistertitel mit Wisła Krakau oder Lech Posen erreicht, und jetzt würde er noch für die Rente dazuverdienen, indem er auf Zypern oder in einer der niedrigeren griechischen Ligen spielte.« Der Boxer Dariusz Michalczewski sagte bei derselben Gelegenheit: »Wenn Klose in Polen geblieben wäre, würde er heute sicherlich verdienen – indem er Spiele verkauft.«

Gegen die deutsche Nationalhymne

Auch im Falle Podolskis verwiesen polnische Fußballexperten darauf, dass er sich kaum in dieser Weise entwickelt hätte, wenn die Familie ihre Heimat nicht verlassen hätte. Unter den ehemaligen Nachbarn der Familie herrschte ebenfalls Einigkeit darüber: »Wenn er hiergeblieben wäre, würde er nicht solche Tore schießen.«

Lukas Podolski selbst erklärte in den polnischen Medien, dass der PZPN ihm keine Perspektive geboten habe: »Ich kann es schon nicht mehr hören, dass ich angeblich wegen des Geldes für die Deutschen spiele, dass ich keine Ehre habe, dass die Vertreter des polnischen Verbandes mich angefleht hätten, dass ich mit dem weißen Adler auf der Brust spiele. (...) Die Wahrheit ist eine andere: Niemand hat mir vorgeschlagen, für Polen zu spielen, als dies noch möglich war. Die Offiziellen haben den günstigen Moment verschlafen.«

Erst als er bereits beim 1. FC Köln in der Bundesliga Furore machte, schickte ihm der PZPN ein Trikot mit dem weißen Adler, der Rückennummer 10 und seinem Namen. »Bild« schrieb daraufhin, die Polen wollten Podolski »klauen«. Sein Vater Waldemar sagte im Rückblick: »Lukas könnte für Polen spielen, wenn die Herren vom PZPN sich rechtzeitig orientiert hätten, dass mein Sohn Fußballspieler ist.«

Waldemar Podolski hatte ebenfalls eine Fußballkarriere angestrebt. Er spielte in zweitund drittklassigen Clubs in Oberschlesien, bis ihm der Ligaverein Szombierki Bytom (Beuthen) einen Vertrag gab. Doch bestritt er nur eine einzige Partie in der obersten Spielklasse Polens.

Nach einer Saison verließ er den Club und trat wieder für Vereine der Bezirksliga an. Nebenbei schloss er das Lehramtsstudium im Fach Englisch ab. Er wuchs zu der Zeit auf, als der aus Kattowitz nach Warschau gekommene Parteichef Edward Gierek die oberschlesische Industrieregion besonders subventionieren ließ. Waldemar Podolskis Frau entstammt einer polnischen Familie ohne deutsche Vorfahren; wie die Mutter von Miroslav Klose war sie Handballnationalspielerin. Es gibt keine Hinweise darauf, dass ihre Familie von Repressalien der polnischen Behörden betroffen waren, wie sie Verwandte und Freunde der Kloses erfahren haben.

Als ihr Sohn Lukas zwei Jahre alt war, zog die Familie nach Bergheim/Erft bei Köln um, wohin bereits die Eltern Waldemar Podolskis als ehemalige Reichsbürger übergesiedelt waren. Lukas Podolski sagte den polnischen Medien über die Ausreise der Familie: »Die Lebensbedingungen im Lande wurden immer schwieriger. Es ist meinen Eltern nicht leichtgefallen, sich für Deutschland zu entscheiden.«

Ganz anders als Miroslav Klose erklärte er immer wieder gegenüber polnischen Journalisten, dass er sich entweder fast oder sogar ganz als deren Landsmann fühle: »Ich habe zwei Herzen, ein deutsches und ein polnisches. (...) Ein wenig fühle ich mich als Pole.« – »Ich unterstreiche immer, dass ich Pole bin.« – »Mein Herz schlägt auf Polnisch.«

Befriedigt nahmen die polnischen Medien zur Kenntnis, dass Podolski mit seinem breiten oberschlesischen Akzent erklärte, er werde – wiederum im Gegensatz zu Klose – die deutsche Nationalhymne nicht mitsingen.

Volksdeutsches Meisterstück und polnischer Rap

Aus den Bekenntnissen Podolskis zu Polen leiteten die Warschauer Boulevardmedien vor jeder Begegnung der Weiß-Roten gegen die DFB-Elf ab, dass dieser nicht mit vollem Einsatz gegen seine Landsleute spielen werde, dass er sogar das deutsche Spiel sabotieren könnte. So lautete der Bildtext zu einem Podolski-Foto während der WM 2006: »Unser Mann in der deutschen Nationalmannschaft.« Er selbst wurde von »Fakt« mit den Worten zitiert: »Sollte ich allein vor dem Torhüter sein, so könnte es sein, dass ich mit dem Schuss zögern werde.«

Doch ein Teil der polnischen Sportkommentatoren und viele Fans halten diese Bekenntnisse für unglaubwürdig. Das linksliberale Magazin »Polityka« schrieb zu seinem Auftritt bei der EM 2008: »Nach dem Spiel, in dem er zwei Tore gegen die polnische Mannschaft erzielt hat, wurde er (neben Miroslav Klose) zum wichtigsten ,Volksdeutschen‘ der polnischen Internetforen.« Der vom NS-Regime geprägte Begriff »volksdeutsch« bedeutet in Polen (in der Schreibweise »folksdojcz«) den Verrat an der polnischen Nation.

Die nationalkonservative »Rzeczpospolita« unterstellte ihm und seinen Beratern gar eine Marketingstrategie: »Das war ein geradezu geniales Meisterstück der PR – erst zweimal den Ball im polnischen Tor zu versenken, dann aber die Herzen der polnischen Fans zu erobern.«

Das nationalpatriotische Lager an der Weichsel empörte der »Unterschied zwischen seinen Worten und Taten«. Der frühere stellvertretende Bildungsminister Mirosław Orzechowski, Vorstandsmitglied der nationalkatholischen Liga polnischer Familien (LPR), forderte während der EM 2008, Podolski die polnische Staatsbürgerschaft zu entziehen. Fast alle anderen Parteien wiesen diese Forderung allerdings zurück; die polnische Verfassung sieht den Entzug der Staatsbürgerschaft nicht vor. Podolski verwies indes darauf, dass er gar keinen polnischen Pass besitze.

Ungeachtet dieser Attacken auf ihn überwog bei Umfragen zu Podolski in Polen stets eindeutig die Sympathie. Er selbst äußerte sich bei vielen Gelegenheiten positiv über das Land. Er treffe in Polen »vor allem sympathische Menschen«. Seine Lieblingsmusik stamme von polnischen Gruppen, mit einem bekannten Rapper ließ er sich fotografieren. Und er lobte die Polinnen im Vergleich zu den deutschen Frauen: »Die polnischen Mädchen sind liebevoller, empfindsamer, legen auf Freundschaft größeren Wert. Sie haben auch mehr Erotik in sich.«

Während Podolski, von seinen deutschen Fans »Poldi« genannt, in der Bundesrepublik längst ein Akteur der Popkultur geworden ist, kommt ihm unter den Polen nach Meinung von Soziologen eine wichtige gesellschaftspolitische Funktion zu. In einem Essay über das »Phänomen Podolski« heißt es: »Sein Bild im Trikot mit dem weißen Adler macht einen starken Eindruck. (...) Sein Beispiel verweist auf die Abschwächung eines starken Identitätskriteriums in der gegenwärtigen Welt, was bewirkt, das immer mehr Menschen vor dem Problem stehen, die eigene nationale Zugehörigkeit klar zu definieren. (...) Zweifellos dachte die Mehrheit derjenigen, die das Bild des Jungen aus Gleiwitz sahen: Kann man gleichzeitig Pole und Deutscher sein?«

Podolski selbst ist sich offenbar seiner Rolle als Mittler zwischen beiden Gesellschaften bewusst geworden. So nahm er 2010 an den Feiern zum dreißigjährigen Bestehen des aus Bundesmitteln finanzierten Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt teil. Er posierte dabei zum Foto zwischen den beiden Präsidenten Christian Wulff und Bronisław Komorowski.

Ein Herz für Polen

Wie Podolski ist auch der gleichaltrige Lukas Sinkiewicz in Bergheim/Erft aufgewachsen und hat beim 1. FC Köln seine Bundesligakarriere begonnen. Noch eindeutiger als Podolski bekannte er sich gegenüber den Warschauer Medien zu Polen: »Mein Herz ist in Polen, aber alles habe ich in Deutschland gelernt.« Schon als Schüler kam er zum 1. FC Köln. Mit 19 Jahren bekam er den ersten Profivertrag, im Jahr 2005 berief ihn Bundestrainer Jürgen Klinsmann erstmals in die Nationalmannschaft. Nach dem erneuten Abstieg des 1. FC Köln wechselte er zu Bayer 04 Leverkusen.

Doch warfen ihn dort mehrere Verletzungen zurück, er konnte sich keinen Stammplatz erkämpfen und wurde nicht mehr in die Nationalmannschaft berufen. 2010 wechselte er zum FC Augsburg in die Zweite Bundesliga. Ähnlich wie Sinkiewicz äußerte sich auch der trickreiche Hamburger Stürmer Piotr Trochowski gegenüber der Warschauer Presse: »Mein Herz ist näher an Polen!« Seine Mutter schrieb sogar Briefe an den PZPN, als er als Jugendlicher zunächst bei Concordia Hamburg, dann beim FC St. Pauli brillierte: »Ich habe daran erinnert, dass die Deutschen ihn ohne Unterlass loben. Niemand hat sich jedoch dafür interessiert. (...) Im Grunde meines Herzens bedauere ich, dass er nicht für Polen spielt.«

Wie bei Podolski waren Trochowskis Vorfahren väterlicherseits deutsche Staatsbürger, während die Vorfahren der Mutter Polen waren. Die Familie siedelte im Wendejahr 1989 aus Danzig nach Hamburg über, als Piotr fünf Jahre alt war. Sein Vater berichtete: »Wir sind um des täglichen Brots willen gekommen, weil in Polen damals alle Arbeit umsonst war. Ich bin von Beruf Fliesenleger, in Deutschland konnte man mit diesem Beruf anständig leben und eine Familie unterhalten.«

Die polnische Presse rechnete Trochowski hoch an, dass er in Deutschland das Polentum hochhalte. So habe er es im Gegensatz zu anderen Übersiedlern, wie Freier oder Podolski, abgelehnt, seinen slawischen Vornamen durch die deutsche Form zu ersetzen. Er möge es, zitierte ihn »Fakt«, wenn um ihn herum Polnisch gesprochen werde. Bei der EM 2008 habe er sich immer wieder mit Klose und Podolski auf Polnisch ausgetauscht, »wodurch er die Mitspieler irritiert hat«.

Angesichts der Erfolge vor allem Kloses, Podolskis und Trochowskis in der Bundesliga und der DFB-Elf verlangten immer mehr Kommentatoren und auch Politiker, der PZPN müsse seine Kaderpolitik grundsätzlich umstellen. Es habe sich als falscher Weg erwiesen, ausländischen Spielern, die in der polnischen Liga Erfolg haben, die Staatsangehörigkeit zu verleihen. So war es mit dem Nigerianer Emmanuel Olisadebe vor der WM 2002 geschehen und mit dem Brasilianer Roger Guerreiro, der ebenfalls kein Polnisch sprach, vor der EM 2008. International durchgesetzt haben sich beide allerdings nicht.

Der nationalpatriotische Europa-Abgeordnete Sylwester Chruszcz fand mit einer politischen Kampagne zur »Heimholung der polnischen Talente« ein starkes Echo bei einem Teil der polnischen Medien. Er schrieb: »Die polnischen Fußballer, die sich nicht von ihrem Vaterland losgesagt haben, von dem Land, in dem sie und ihre Eltern groß geworden sind, sind in Deutschland Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt. Es heißt, es seien spezielle Methoden ausgearbeitet worden, um ihnen Auftritte für die polnische Auswahl zu verleiden, es handelt sich dabei um skrupulös vorbereitete Aktionen des deutschen Fußballmilieus. (...) Die Diskiminierung wegen der Nationalität, wegen der Treue zum Vaterland, durch die Oberen des deutschen Fußballs ist eine Tatsache.«

Deutsche Disziplin und polnischer Papst

Der PZPN beschloss schließlich ein umfassendes Programm zum Aufbau einer schlagkräftigen Nationalmannschaft, das neben der Förderung des Nachwuchses im Lande die Suche nach Talenten unter den Kindern der polnischsprachigen Aussiedler vorsieht. Einer der Verantwortlichen wurde Stefan Majewski, aus seiner Zeit in der Bundesliga mit der deutschen Nachwuchsförderung bestens vertraut.

Der 2009 ins Amt gekommene Nationaltrainer Franciszek (Franz) Smuda nahm sich persönlich einiger Talente an, die bei Bundesligavereinen unter Vertrag standen. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern gelang es ihm, die ersten Söhne von Spätaussiedlern aus Oberschlesien für die Weiß-Roten zu verpflichten. Eine entscheidende Rolle spielte dabei offensichtlich, dass Smuda mit deren Lebenswegen und auch ihren Identitätsproblemen zwischen Polen und Deutschland bestens vertraut ist. Er stammt nämlich aus Ratibor unweit des oberschlesischen Industriegebietes, als Sohn von Reichsdeutschen siedelte er 1980 nach Franken über und bekam einen deutschen Pass. Er spielte erst in Coburg, dann machte er dort den Trainerschein. Sein Sohn ist in Franken geblieben, Smuda selbst sagt, er habe dort sehr viele Freunde gefunden.

Doch kehrte Smuda nach Polen zurück, wo er einer der erfolgreichsten Trainer in der Liga wurde. Mit Widzew Lodz und Wisła Krakau wurde er Meister, Lech Posen spielte unter ihm im Uefa-Pokal. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit irritierte er allerdings viele seiner polnischen Landsleute, als er verkündete, die Weiß-Roten sollten sich die Disziplin und Berufsauffassung der Deutschen zum Vorbild nehmen: »Die deutschen Spieler feiern keine Feten. Der Deutsche gestattet es sich nicht, sich irgendwo zu verlieren. Bei uns ist noch aus der kommunistischen Zeit die Auffassung sehr verbreitet, dass einem ein hohes Gehalt zusteht, egal ob man steht oder liegt. Allerdings ist eine Tendenz zum Besseren zu erkennen, besonders bei den jungen Spielern, die im Westen spielen.«

Smuda gewann wenige Monate nach seinem Amtsantritt drei aus Oberschlesien stammende Fußballer, die bereits in die Jugendund Juniorenmannschaften des DFB berufen worden waren, für die polnische Elf: den Bremer Verteidiger Sebastian Boenisch, der zwar in Gleiwitz geboren wurde, aber das Polnische fast völlig verlernt hat, Adam Matuschyk vom 1. FC Köln, der daraufhin zur Schreibweise »Matuszczyk« zurückkehrte, und den zunächst bei Borussia Dortmund eingesetzten, dann aber zum VfL Osnabrück abgewanderten Sebastian Tyrała, der ein Armband mit dem Bildnis des polnischen Papstes Johannes Paul II. trägt und nach eigenem Bekunden schon immer von Einsätzen für die Weißen Adler geträumt hat. »Fakt« schrieb dazu: »Die Deutschen haben uns so viele Spieler geklaut, dass nun die Zeit für die Revanche gekommen ist. Endlich haben wir die Deutschen über den Tisch gezogen und nicht sie uns, wie es bei Miroslav Klose oder Lukas Podolski der Fall war.«

Der frühere polnische Nationalspieler Andrzej Rudy, der die Ligen beider Länder sehr gut kennt, sagte allerdings dazu: »Machen wir uns nichts vor: Polen wählen nur diejenigen, die es nicht in eine bessere Nationalmannschaft schaffen!«

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!