Die schönsten Momente der Euro 2012

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Die Europameisterschaft 2012 ist beendet. Was wird bleiben, was hat uns bewegt, woran werden wir uns erinnern? Fünf Momente, die dieses Turnier geprägt haben. Von schweigenden Reportern bis zu wuchtigen Engländern.

Der lange Gang des Bruno Alves

von Benjamin Kuhlhoff

28. Juni 2012, kurz nach Mitternacht. In der Donbass-Arena von Donezk hat die Nationalmannschaft Portugals eine seltsam kraft- und ideenlose spanische Übermannschaft am Rande einer Niederlage. Die Sensation ist nah. Doch erst einmal folgt das ultimative Duell. Elfmeterschießen. Tod oder Gladiolen. Beim Stand von 2:1 für Spanien stapft Portugals Abwehrkühlschrank Bruno Alves festen Schrittes zum Elfmeterpunkt. Er visiert den Boden an, dann Spaniens Keeper Iker Casillas, der stocksteif auf der Linie verharrt. Alves gilt als Mann mit einem gefühlvollen Eisenfuß. Ein sicherer Elfmeterschütze.

Doch kurz bevor Portugals Nummer zwei sich den Ball schnappen kann, um ihn mit der Ruhe und Präzision eines Auftragskillers unter die Latte zu schieben, stürmt von hinten sein Teamkollege Nani heran. Es geschieht das Unglaubliche: Nani beordert den drei Köpfe größeren Alves wie einen Schuljungen zurück an seinen Platz. Denn Nani will übernehmen. Vielleicht hat der Trainer es gesagt. Egal. Nani will schießen. Er will bestimmen. Und Alves gehorcht.

Dies ist der Moment, an dem man erkennt, warum die portugiesische Mannschaft niemals groß genug für einen Titel sein wird. Denn: Sie sind keine Mannschaft. Nein, Portugals Elf ist eine Ansammlung hochveranlagter Superkicker, die in den entscheidenden Situationen aber dummerweise allesamt lieber auf ihrer eigene Leistung, ihre eigene Show, ihren eigenen Marktwert starren, anstatt das Gefühl für große Momente zu erahnen. Einen Schritt zurücktreten, dem anderen die Bühne überlassen, das hat diese Mannschaft nicht gelernt.

Nani trifft lockerlässig zum 2:2 und inszeniert danach natürlich noch eine kleine Jubelshow, doch der gehörnte Alves ist als Nächstes dran. Und als er zum Punkt geht, wirkt er längst nicht mehr so entschlossen. Der Kühlschrank taut auf. Es sind die längsten vierzig Meter seiner Karriere. Sein Elfmeter ist genial geschossen, hoch, unhaltbar – doch er klatscht an die Latte. Portugal ist raus. Am Ende steht Cristiano Ronaldo, die Leitfigur der portugiesischen Egotrips, allein im Mittelkreis. Er durfte keinen Elfmeter mehr schießen. Dabei hat er sich extra den fünften auserwählt. Den Heldenschuss. Aber das Spiel war bereits vorher vorbei. Nun steht er da, blickt gen Himmel und raunt: »Was für eine Ungerechtigkeit!« Dass er damit Nanis peinliche Degradierung des Kollegen Alves meint, ist unwahrscheinlich. Ganz bestimmt aber meinte er sich selbst.

Andy Carroll, oder: The sky's the limit

von Christoph Drescher

Die Zeit scheint still zu stehen, als Andy Carroll sich in die Lüfte schwingt und zum Kopfball ansetzt. Mit urgewaltiger Kraft stemmt sich der englische Stürmer im Vorrundenspiel gegen Schweden vom Boden ab, fixiert den lang geschlagenen Ball von Kapitän Steven Gerrard. Auf dem höchsten Punkt trifft er die Kugel optimal, bündelt die gesamte Energie in seinem Oberkörper und entlädt sie mit einer Schleuderbewegung, die seine Arme an den Rand des Splitterbruchs bringen.

Seine Gegenspieler Olof Mellberg und Adreas Granqvist können nur ungläubig in den Himmel staunen, dahin, wo Andy Carroll Messias gleich für eine Ewigkeit steht, erleuchtet von den Flutlichtstrahlen im Olympiastadion von Kiew. Eigentlich fehlt in diesem Moment nur noch ein italienischer Tenor, der im Hintergrund Nessun Dorma schmettert. Unhaltbar schlägt der Kopfstoß im Tor von Andreas Isaksson ein. Die Erde bebt bei der Landung der des 1,91-Meter-Brechers.

Es ist das einzige Tor von Andy Carroll bei der EM. Dafür ist es umso schöner.


Turnover an der Weltspitze – Italiens 1:1 gegen Spanien
von Christoph Erbelding

Und plötzlich: Grätschen. Überall, immer wieder. Keine gewöhnlichen. Grätschen, die man nicht lernen kann, die den Eindruck erwecken, als wären menschgewordene Hächselmaschinen am Werk. Grätschen, die dennoch kein Schiedsrichter der Welt unterbindet. Weil sie fair sind. Die Italiener holten sie am dritten Tag dieser EM aus ihrem Repertoire. Sie spielten gegen Spanien. Sie schafften es auf diese Weise, das Spiel des Favoriten empfindlich zu stören.

Doch Grätschen alleine sind bestenfalls der halbe Triumph. Das italienische Spiel definiert sich seit Urzeiten über Körpereinsatz, die Zweikämpfe machten diesen Auftritt nicht zu etwas Besonderem. Wie es die Italiener schafften, Kämpfertugenden der Marke de Rossi mit der Finesse eines Andrea Pirlo zu vermischen, machten mich sprachlos. Spanien musste dagegenhalten, war gefordert. Es entwickelte sich das qualitativ hochwertigste Spiel dieses Turniers.

Zwei Quälgeister vorne (Balotelli, Cassano), ein Dirigent dahinter (Pirlo)

Da steht das Team mit der Allmacht auf dem Platz, Spanien, der amtierende Weltmeister. Und was machen die Italiener? Spielen mit Dreierkette, rennen sich den Herzbändel ab, grätschen, wo es die Not verlangt und kreieren nichtsdestotrotz völlig unitalienisch mehr Chancen als der Gegner. Mit einer Truppe, die kaum unhomogener zusammengestellt sein kann. Zwei Quälgeister vorne (Balotelli, Cassano), ein Dirigent dahinter (Pirlo), der Libero der Neuzeit im Abwehrzentrum (de Rossi), dazu Wasserträger an allen Ecken und Enden. Noch bei der WM 2010 war Italien mit einer Altherrentruppe in der Vorrunde gescheitert. Das Spiel gegen Spanien zeigte all jenen, die es entweder nicht wussten oder aber wahrhaben wollten, dass die Mannschaft von Cesare Prandelli den Turnover geschafft hat. In zwei Jahren raus aus der Krise, mit einer Partie zurück in die Weltspitze – ich gehörte nach 2006 lange Zeit zur Italien-Verflucher-Fraktion an, doch das beeindruckte mich zutiefst. Es war mein persönlicher EM-Moment.

Schweigen ist Gold

von Alex Raack

Tom Bartels kommt aus Celle. Genau wie ich. Ich würde jetzt gerne schreiben: Celle ist ein Ort, dessen Bewohner auch mal zum richtigen Zeitpunkt die Klappe halten können. Aber das geht nicht. Celle ist vielleicht bekannt für den Wasalauf, das schicke Schloss, seine Justiz und das ehemalige Playmate Mirja Becker, die 2000 im Celler Standesamt dem Schauspieler Sky du Mont das Ja-Wort gab und deshalb heute Mirja du Mont heißt. Aber nicht für fähige Schweiger.

Bei Google steht »Tom Bartels nervt«

Auch Tom Bartels wird normalerweise nicht fürs Schweigen bezahlt. Im Gegenteil. Er verdient sein Geld als ARD-Livekommentator, Fachgebiet: Fußball. Auch während der EM redete und redete und redete Tom Bartels so vor sich hin. Man muss das nicht mögen. Tatsächlich scheint es vielen Zuschauern sogar auf den Senkel zu gehen (aber dieses Schicksal muss eigentlich jeder Fußball-Kommentator ertragen). Wenn man bei Google nach »Tom Bartels« sucht, erscheinen drei weitere Suchvorschläge. An erster Stelle steht: »Tom Bartels nervt«.

Auch am 14. Juni tat Bartels das, was er am besten kann: Er sprach mit sonorer Stimme über das, was auf dem Fußballplatz passierte. Spanien spielte gegen Irland, nach gut 87 Minuten stand es 4:0. Ein dankbarer Job für den Mann am Mikro. Er durfte die Spanier in den Himmel loben und den tapferen Iren verbal auf die Schulter klopfen. Alles wie immer. Dann begannen die irischen Fans plötzlich zu singen.

Sie sangen »Fields of Athenry«, ein unter irischen Sportfans beliebter Stadionohrwurm. Erst sangen 100, dann 500, dann etwa 10.000 Zuschauer den Klassiker über Hungersnot und tapfere Iren. Hungern musste bei diesem Spiel glücklicherweise niemand, tapfer mussten sie allerdings sein. Es passte also. So halb.

Aber Tom Bartels schwieg. Minutenlang. Es war fantastisch.

Nun ist es nicht so, dass man als Fußballfan noch nie 10.000 Fans hat singen hören. In Dortmund, Glasgow, Liverpool und überall anderswo machen sie das jedes zweite Wochenende. Aber das bei dieser zur kreischbunten Verkleidungsparty hocheventeten Europameisterschaft 10.000 Fans ein Lied anstimmten, das nichts mit Oceana oder anderen Pop-Pappnasen zu tun hatte, das war schon beeindruckend.

Als auch wirklich alle mitsangen, hätte nur noch einer das Klangerlebnis kaputtmachen können: Tom Bartels, der Mann, in dessen Jobprofil unter anderem steht: »Reden, bis der Arzt kommt«. Aber Tom Bartels schwieg. Minutenlang. Es war fantastisch.

Und Celle ist um eine Attraktion reicher.

Neuer Libero

von Moritz Herrmann

Wie ein wildes Warnsignal flog er durch den Mittelkreis. Das Trikot mahnte Neonrot: Achtung, hier komme ich. Ich kämpfe noch, ich glaube noch. Eigentlich durfte er da nicht sein, sollte er da nicht sein – nicht sein müssen. Gegnerische Hälfte, Torwartfehlerland. Eine Zone, in der nicht mehr die Hoffnung, sondern nur noch Verzweiflung regiert. Aber seine Kollegen hatten es nunmal gründlich verbockt. Deutschland lag mit 1:2 gegen Italien zurück, und Manuel Neuer hatte seinen Christian Nestell Bovee gelesen (»Wenn alles verloren ist, bleibt uns die Zukunft«) oder vielleicht erinnerte er sich auch des Mannes, dem er einst nachgefolgt war und der nun auf einem aberwitzigen Eiland an der Grenze zu Polen eben dieses Halbfinale expertig begleitete. Weiter, immer weiter. Die Oliver-Kahn-Doktrin.

Also sprintete Manuel Neuer nach vorne und kehrte auch nicht in heimische Gefilde zurück, als die Ecke von Bastian Schweinsteiger abgewehrt wurde. Diese Unbedingtheit hätte man in den vorangegangen 91 Minuten einem Mesut Özil oder Toni Kroos gewünscht. Der deutsche Torwart lief Andrea Pirlo an der Seitenauslinie ab, schlug den Ball vor Buffons Tor. Sekunden später flugkopfballte er sich in einen Konter der Squadra Azzurri, der das sichere 3:1 bedeutet hätte. Die Kamera fing di Natale ein, dessen Gesicht irgendwo zwischen amüsiertem Lächeln, Unglauben und Respekt pendelte. Dann war Schluss.

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