Die schlimmste Phrase des Fußballs

»...aber das ist Fußball!«

Ein Trainer wird entlassen. Er sagt: »Das ist Fußball.« Ein Stürmer trifft den Pfosten. Er sagt: »Das ist Fußball.« Einem Torwart rutscht in der 90. Minute ein Ball durch die Beine. Er sagt: »Das ist Fußball.« Gibt es denn keine echte Enttäuschung mehr?

Was ist Fußball? Irgendwann mal, in der Fußballprämoderne, genügten ein paar wenige Parameter für eine akzeptable Definition: 90 Minuten, 22 Männer, zwei Tore, ein Ball. Dazu ein bisschen Schweiß, Jubel, Tränen. Das war Fußball!

Wenn heute jemand »Das ist Fußball« sagt, schwingt da ein ganzes Heer an Subtexten mit. Ein Trainer wird entlassen. Er sagt: »Ich hätte die Wende gerne geschafft, aber das ist Fußball!« Einem Torwart rutscht in der 90. Minute ein Ball durch die Beine. Er sagt: »So was darf mir nicht passieren, aber das ist Fußball!« Ein Stürmer trifft aus zwei Metern nur den Pfosten. Er sagt: »Normalerweise mache ich den, aber das ist Fußball!« Eine Mannschaft verliert durch ein Gegentor in der 118. Minute. Ein Spieler sagt: »Das ist bitter, aber das ist Fußball!« Der Satz wurde in den vergangenen Jahren zur Universalschleuder des Fußballs. Als tröste sie über irgendetwas hinweg. Man ist geneigt zu fragen: Muss man sich immer ergeben? Und: Darf man nicht mehr richtig trauern?

Es gibt den sportlichen Gegner – und es gibt den Fußball 

Scheinbar nicht, denn »Das ist Fußball« vereint in drei Worten alle Unwägbarkeiten, Fußnoten, Ungerechtigkeiten und Nebenschauplätze des Fußballs in sich, die als unumstößlich akzeptiert werden. Das Schicksal oder der Zufall ist demnach größer als das Spiel selbst. Es gibt den sportlichen Gegner – und es gibt: den Fußball. Und dieser ist unbezwingbar. 

»Das ist Fußball« ist das Satz gewordene Achselzucken des deutschen Fußballs. Es impliziert Resignation und Kälte. Was nützt denn schon Wut? Trauer? Enttäuschung? »Das ist Fußball« ist außerdem eine äußerst stabile Aussage. Ein Anker. Zumal sie auch auf sämtliche Reporterfragen passt. Könnte man selbst auch immer so antworten: »Ich habe mir mit dem Küchenmesser aus Versehen den Daumen abgeschnitten, aber das ist Fußball!«, »Dein Laptop ist mir leider aus der Hand gefallen, aber das ist Fußball!«, »Ich bin mit Zigarette im Mundwinkel eingeschlafen und habe das Haus abgefackelt, aber das ist Fußball!«

Je dramatischer ein Fußballspiel, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit eben diesen Satz aus dem Mund eines Spielers zu hören. Greuther Fürths Gerald Asamoah sprach ihn nach der Pokalniederlage gegen Borussia Dortmund (»Das ist bitter, aber das ist Fußball!«), Lucien Favre äußerte sich nach dem Pokalspiel gegen Bayern (»Das Pokalspiel ist abgehakt. Das ist Fußball.«), Franck Ribery sagte diesen Satz kürzlich über seinen Mannschaftskollegen Arjen Robben (»Er hat nicht gespielt, aber das ist Fußball.«) und Fabio Capello diktierte ihn nach dem WM-Achtelfinale 2010 gegen Deutschland in die Mikrofone der Reporter (»Wir haben Fehler gemacht, aber der Schiedsrichter hat einen noch größeren gemacht. Aber das ist Fußball.«).

»Das ist Fußball. Das ist kein Ponyhof.«

HSV-Trainer Thorsten Fink gab ihn auch einmal zum Besten, noch zu Zeiten, als er Trainer des FC Basel war und mit einigen Widrigkeiten zu kämpfen hatte. Er sagte: »Das ist Fußball. Das ist kein Ponyhof.« Vor seinem Amtsantritt beim HSV beschrieb er sich allerdings so: »Ich bin kein Mann, der im Mittelmaß herumdümpelt.« 

Man könnte nun böse kontern, er habe recht behalten, schließlich dümpelt sein HSV momentan nicht im Mittelmaß herum – er steckt knietief im Abstiegskampf. Doch was, wenn der Verein wirklich absteigt? Die Spieler werden weiterziehen, der Trainer wird irgendwo neu anfangen. Vielleicht im Mittelmaß. Und sie werden auch dann wieder sagen: »Das ist Fußball!« Doch ist das Fußball? Tasächlich wäre es das Schlimmste, was dem HSV in seiner Vereinsgeschichte jemals passiert ist.

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