14.06.2013

Die Rolle der Beşiktaş-Ultras bei den Protesten von Istanbul

Die besten Fans der Welt

In der Türkei prügelt die Polizei friedliche Demonstranten nieder - doch die Ultras von Beşiktaş Istanbul stellen sich ihr in den Weg. Streitschlichter, Eingreiftruppe, Umweltschützer: Unser Autor Felix Dachsel erlebte vor Ort, wie sich Fans für die Freiheit ihres Landes einsetzen.

Text:
Felix Dachsel
Bild:
Felix Dachsel

Was ich über die Fans von Beşiktaş Istanbul wusste, war, dass sie lauter sein können als alle anderen Fans der Welt. Vor ein paar Jahren hatten sie im Inönü-Stadion den Lautstärkerekord aufgestellt: 132  Dezibel.

Was ich in den letzten zwei Wochen über diese Fans gelernt habe, ist, dass sie nicht nur laut sind. Nein: Sie sind die mutigsten Fans der Welt - und wahrscheinlich die besten.

Ausgebrannt Busse, Brandflecken im Asphalt

Als ich in Istanbul lande, es ist Montag, sieht der Taksimplatz aus, als habe hier ein Bürgerkrieg getobt. Ausgebrannte Busse stehen quer, Fensterscheiben sind zerschlagen, Brandflecken auf dem Asphalt, zertretene Werbetafeln und manchmal: Pfeffergasgranaten, die wie Hülsen einer ausgehölten Frucht am Wegesrand liegen. Die Polizei hat sich zurückgezogen, sie wartet in Bussen am Bosporusufer, teetrinkend, rauchend. Der Taksimplatz ist von Demonstranten kontrolliert: Ich lerne, dass hier eine andere Macht herrscht, sie ist schwarz und weiß. Der Spielstand: Bullen 0, Beşiktaş 1.
 
Es gibt ein Heer an Verletzten, sie sind überall, ein Gefühl von Nachkriegszeit: Ich treffe Deniz, eine Pfeffergasgranate schlug in seinem rechten Unterarm ein. Ich treffe Arif, ihn traf ein Gummigeschoß an der linken Schulter, seine Haut ist jetzt braun, grün und blau.

Zwei Tage zuvor hatte die türkische Polizei 24 Stunden lang mit Wasserwerfern und Pfeffergasgranaten auf alles geschossen, was demonstriert, sich gewehrt, sich quergestellt hatte. Der Beginn der türkischen Protestbewegung.

Vom Taskimplatz zum Gezipark

Dienstag, ich gehe über den Taksimplatz, durch den besetzten Gezipark, am Eingang formieren sich Politgruppen, linke Splitterparteien, die Frauenbewegung, türkische Nationalisten, die Partei der Kurden. Im Herzen des Camps tanzen Schüler zu türkischer Folklore. Sie haben keine Schule und stattdessen die Party ihres Lebens. Weiter hinten, der Park erstreckt sich über einen Abhang, im Schatten großer Bäume, sehe ich einen Banner, zwei auf fünf Meter, mit roter Farbe beschrieben: Çarşı. Hier zelten die Ultras von Beşiktaş Istanbul.

Ich lerne, dass Çarşı nicht mit Journalisten spricht, Çarşı verteilt Pressemitteilungen. Ich lerne, dass man stundenlang hüpfen kann, nur um zwei Worte zu schreien: »BEYAZ! SIYAH! WEISS! SCHWARZ!« Am Rand stehen ein paar Fans von Galatasaray und Fenerbahce. Sie dürfen mitfeiern: sie hüpfen auch, ein kleines bisschen. Sie sehen aus, als seien sie neidisch.

Ultras als Streitschlichter

Ich spreche mit einem jungen Türken, er engagiert sich in der Oppositionspartei CHP: Wie geht das überhaupt, dass sich hier alle vertragen? Die Kurden hängen im Camp eine Fahne von Abdullah Öcalan auf, der von den Türken für über 30.000 Tote verantwortlich gemacht wird. Ein Freiheitskämpfer für die einen, ein Massenmörder für die anderen. Warum bleibt es so still? Dann sagt er: »If there are trouble, we call Çarşı.« Die Ultras als Streitschlichter.
 
Ich sitze mit einem Mann im Camp, dessen Unterarm verletzt ist. Ich frage ihn, ob er Angst hat, dass Anhänger der Regierungspartei AKP das Camp überfallen. Nein, sagt er. »Wir haben eine große Macht dort unten, die auf uns aufpasst.« Er zeigt Richtung Osten, Richtung Beşiktaş, vom Gezipark führen steile Straßen hinunter zum Bosporus, auf halber Strecke steht das Inönü-Stadion. In den Straßen hat Çarşı das Sagen. Ich höre von einem Deal zwischen den Ultras und der Polizei: Wir bauen keine Straßenbarrikaden, dafür verpisst ihr euch aus unserem Viertel. Ich höre von Bussen, die von Istanbul nach Ankara fahren: Çarşı unterstützt die Regierungsgegner in der Hauptstadt, die Ultras schicken ein paar Truppen.

 
 
 
 
 
12
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden