Die neuen Talente in der Bundesliga

Mario Götzes Erben

Wer kannte vor zwei Jahren Thomas Müller? Wer vor einem Jahr Mario Götze? Beide brauchten nur eine Saison, um in der Bundesliga zum Star aufzusteigen. Neun Youngster im Porträt, die das Talent mitbringen, es ihnen in der neuen Spielzeit gleichzutun. Die neuen Talente in der Bundesliga

Moritz Leitner, 19, Borussia Dortmund

1,74 Meter Körpergröße und einen Körperbau, mit dem man im Ruhrgebiet »Schmachtlappen« genannt wird, sind nicht gerade die typischen Voraussetzungen für einen Fußballprofi, um sich einen Platz im defensiven Mittelfeld beim Deutschen Meister zu erkämpfen. In jedem Porträt über den jüngsten der jungen Dortmunder kommen die Adjektive »frech« und »mutig« vor, wahrscheinlich weil er sich den Ball schneller klaut, als es der Gegenspieler mitkriegt. Die Konkurrenz auf der Sechserposition ist bei allen Klubs groß, und eigentlich spielt Leitner, der jetzt deutscher U-21-Nationalspieler ist, noch lieber offensiv im zentralen Mittelfeld, wo er den Ball verteilen und das Spiel gestalten kann. Doch wer etwas draufhat und selbstbewusst ist, wird heutzutage Sechser – dabei sind inzwischen gute Außenverteidiger gefragter. Moritz Leitner würde das wahrscheinlich auch noch können.

[ad]

Yunus Malli, 19, FSV Mainz 05

Yunus Malli hat in der vorigen Saison noch zusammen mit Marc-André ter  Stegen in Gladbachs U 23 gepielt – und dass er das in dieser Saison nicht bei Borussias Profis tut, ist Sportdirektor Eberl schon häufiger als großes Versäumnis angelastet worden. Zu Recht, findet Eberl. Und zu Unrecht. »Wir wollten ihn unbedingt behalten«, sagt er. Malli besitze eine unglaubliche Spielintelligenz und warte mit einer großen Geschmeidigkeit auf. Eine weitere Zusammenarbeit  scheiterte jedoch an seiner Forderung, ausschließlich bei den Profis trainieren zu wollen. Und so darf sich nun Mainz 05 glücklich schätzen, einen echten Zehner verpflichtet zu haben, der laut Trainer Tuchel ein »Gespür für Torgefahr und für den Raum« besitzt. Für Manager Heidel ist Malli gar »die größte Überraschung unter unseren Neuzugängen«. Dass er in den ersten drei Pflichtspielen seines neuen Klubs nicht eine Minute gespielt hat, spricht angesichts der bisherigen Leistungen der Mainzer nicht unbedingt gegen Mallis Perspektive.

Jeffrey Bruma, 19, Hamburger SV

Jeffrey Bruma hat schon in jungen Jahren eine Karriere der zwei Geschwindigkeiten hinter sich. Während er in seiner Heimat Holland hymnisch gefeiert wird, hat er in England die normalen Startschwierigkeiten eines Nachwuchsspielers erlebt. Mit 15 wechselte er zum FC Chelsea, auf vier Einsätze in der Premier League hat er es seitdem gebracht, und zuletzt war er an den Zweitligisten Leicester ausgeliehen. Für Holland hingegen stand Bruma zwei mal in der A-Nationalmannschaft, sogar über eine Nominierung für die WM 2010 wurde in seiner Heimat diskutiert – da war Bruma gerade 18. Wer ihn einmal hat spielen sehen, kann das gut verstehen. Bruma bringt alles mit, was ein moderner Verteidiger benötigt: Es ist schnell und robust, besitzt ein gutes Spielverständnis, ein klares Passspiel und eine gute Spieleröffnung. Zu »Hollands Beckenbauer« wurde Bruma wegen seiner offensiven Spielweise schon erhoben und als »erster kreativer Innenverteidiger seit Frank de Boer« gefeiert. Es ist nicht so, dass Chelsea blind für seine Qualitäten gewesen wäre; aber man hält ihn dort noch für zu jung, um in der Innenverteidigung auf Top-Niveau zu spielen. Das könnte in zwei Jahren anders sein. Dann endet Brumas Leihvertrag mit dem HSV.

Gökhan Töre, 19, Hamburger SV


Gleich vier junge Spieler aus der zweiten Reihe des FC Chelsea hat der HSV unter Vertrag, trotzdem reden alle von Heung Min Son. Der 19 Jahre alte Südkoreaner besitzt unübersehbares Talent, spielte zwei Jahre in der HSV-Jugend und schaffte bereits in der vergangenen Saison den Sprung in die erste Mannschaft. Sein Durchbruch wird nun von jedem erwartet. Noch schneller geht es bei Gökhan Töre. Er ist die Überraschung unter den Talenten. Töre überzeugte in der Vorbereitung vor allem mit seiner physischen Präsenz und guter Technik. Er bewegt sich auf dem Platz stets in den richtigen Raum, egal ob dort noch einer mehr sein sollte oder noch niemand ist. Töre, der auch beim HSV zunächst für die Regionalliga- Mannschaft vorgesehen war, wurde bei Bayer Leverkusen ausgebildet, bevor er 2008 zu Chelsea wechselte. Jetzt scheint er nicht mehr aufzuhalten zu sein. In der vergangenen Woche wurde er in die türkische A-Nationalmannschaft berufen.

Pierre-Michel Lasogga, 19, Hertha BSC Berlin

Der Berliner neigt dazu, sich und seine Stadt für den Nabel der Welt zu halten. Deshalb wird es ihn erstaunen, dass Pierre-Michel Lasogga an dieser Stelle auftaucht: Lasogga? Der ist doch längst ein Star! Ja, in der Zweiten Liga war er das, mit 13 Toren in seiner ersten Saison als Profi. Aber die nationale Aufmerksamkeit für die Zweite Liga sollte man nicht überschätzen. Für den Rest der Republik ist Herthas Stürmer noch ein nahezu Unbekannter, und es gibt Kritiker, die der Meinung sind, dass sich das nicht grundsätzlich ändern wird. An Lasogga scheiden sich die Geister: Die einen fürchten, dass die Bundesliga eine Nummer zu groß für ihn ist; die anderen sehen den 19-Jährigen perspektivisch schon in der Nationalmannschaft. Markus Babbel, sein Trainer, findet, es liegt allein an Lasogga selbst, wer recht behalten wird. »Er muss sich auf das besinnen, was ihn letztes Jahr stark gemacht hat«, sagt er. »Dann habe ich überhaupt keine Sorge.« Lasogga ist nicht mit Talent im Übermaß gesegnet. Dafür bringt er Willen im Übermaß mit. Für eine stabile Karriere ist das schon mal nicht die schlechteste Voraussetzung.

Karim Bellarabi, 21, Bayer Leverkusen

Die Geschichte kennen sie schon in Leverkusen: junger Mann mit Migrationshintergrund, der in einem Problemviertel einer norddeutschen Großstadt aufgewachsen ist und im Jugendinternat eines Traditionsklubs das Fußballspielen gelernt hat. Was auf den gebürtigen Hamburger Sidney Sam zutrifft, gilt eins zu eins auch für Karim Bellarabi, den Bayer in diesem Sommer ablösefrei von Eintracht Braunschweig verpflichtet hat. Und die Gemeinsamkeiten sind damit noch nicht zu Ende. Auch in ihrem Spiel ähneln sich beide. »Karim ist ein Tempo-Dribbler mit einem brutalen Antritt«, sagt sein bisheriger Braunschweiger Trainer Torsten Lieberknecht. Neben Bayer waren auch Dortmund, Wolfsburg und Hoffenheim an Bellarabi interessiert. Trotzdem glauben viele, dass der Deutsch-Marokkaner es schwer haben könnte, sich in Leverkusen zu behaupten. Bellarabi ist da optimistischer. Er verweist auf Sidney Sam. Bei dem waren auch viele skeptisch, trotzdem hat er es gleich in seiner ersten Saison zum Stammspieler gebracht.

Marc-André ter Stegen, 19, Borussia Mönchengladbach

Über Marc-André ter Stegen sind ein paar Geschichten im Umlauf, die bestens ins Klischee passen, dass Torhüter ein bisschen bekloppt sind. Ter Stegen, so war zu lesen, sortiere seine Handschuhe aus, sobald jemand sie nur berührt habe. Das ist Blödsinn. Der Torhüter von Borussia Mönchengladbach will nur nicht, dass andere Leute seine Handschuhe tragen, und überhaupt ist er alles andere als ein Spinner. »Er hat einen klar strukturierten Charakter und weiß genau, worauf es ankommt«, sagt Borussias Sportdirektor Max Eberl. Andreas Köpke sieht in ter Stegen sogar den »Prototyp der neuen, glänzend ausgebildeten Torhütergeneration«. Der Bundestorwarttrainer hat zuletzt so geschwärmt, dass manche den 19-Jährigen schon auf dem Weg in die Nationalmannschaft sehen. Auf jeden Fall hatte der Torhüter erheblichen Anteil daran, dass sein Klub noch der Bundesliga angehört. Ter Stegen ist reaktionsschnell, sicher in der Strafraumbeherrschung, er besitzt eine positive Ausstrahlung und kann den Ball mit beiden Füßen verarbeiten. Wie Manuel Neuer, so interpretiert auch ter Stegen seine Rolle sehr offensiv. Aber  anders als bei Neuer hat man bei ihm nie das Gefühl, dass es ums Prinzip geht.

Roberto Firmino, 19, TSG Hoffenheim

Drei Jahre spielt Hoffenheim jetzt in der Bundesliga, die große Zahl der hochtalentierten Nachwuchsprofis, die dort den Durchbruch nicht geschafft haben oder noch immer auf ihn warten, ist inzwischen schwierig zu überschauen. Bereits im vergangenen Winter kam Roberto Firmino aus Brasilien nach Baden, und es wäre nicht weiter aufgefallen, wenn man nicht mehr viel von ihm gehört hätte. Doch schon bei seinen ersten Einsätzen war zu sehen, dass die Hoffenheimer mal wieder einen haben, der etwas mehr heraussticht als die anderen. Roberto Firmino ist am Ball äußerst versiert, kann schießen, köpfen und tolle Pässe spielen, ein klein wenig besser als die meisten anderen. Vor allem aber verfügt er über Fähigkeiten, die eher selten sind bei brasilianischen Fußballern: Er erobert oft den Ball vom Gegner. Das macht ihn schon jetzt zu einem kompletten Fußballer, der nur noch wenig Neues erlernen muss, sondern sich darauf konzentrieren kann, seine vorhandenen Fertigkeiten zu verbessern.

Takashi Usami, 19, Bayern München

So gut wie Lionel Messi will er laut eigener Ankündigung werden, und in München sind sie durchaus angetan von dem »Schnelllerner«, der seit ein paar Wochen in Deutschland ist. Seine Verabschiedung in Japan bei Gamba Osaka war eine große Show, bei welcher der populäre Usami auch mit dem Mikrofon eine gute Figur abgab. Das wird ihm auch in Deutschland gelingen. So wie auf dem Platz in der Vorbereitung gegen den FC Barcelona, zumindest teilweise. Über weite Strecken des Spiels war Usami in das Pressing der Münchner nicht eingebunden – bis er den körperlichen Anforderungen der Bundesliga genügt, mag es noch etwas dauern. In einigen Szenen deutete er mit verblüffenden Dribbeltricks und überraschenden Pässen aber bereits an, dass er Arjen Robben und Franck Ribéry gegebenenfalls vertreten kann – die Gelegenheit dazu wird kommen. Der FC Bayern hat in jedem Fall einen Spieler geholt, der mehr kann, als den Klub auf dem asiatischen Markt zu präsentieren.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!