Die neuen Busby-Babes

Die Suche nach dem heiligen Gral

1968, zehn Jahre nach der Katastrophe von München, gewann ManU den Landesmeister-Pokal. Damit hatte eine neue Generation dem Tod ihrer Ahnen einen Sinn gegeben. Wir erinnern an diese „New Busby-Babes“. Imago
Heft #75 02 / 2008
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Bill Foulkes

So wie einst sein Großvater beim Rugby die Gegenspieler rüde zu Fall brachte, schnitt auch Bill Foulkes den gegnerischen Stürmern mit seiner scharfen Beinschere den Weg zum Tor ab. Als ein Vorstopper und Innenverteidiger der alten Schule genoss er es, den dribbelstarken Angreifern das Leben schwer zu machen. In 688 Spielen war der robuste Abwehrmann das wichtigste Element einer stabilen Hintermannschaft bei Manchester United. Für Busby war er so gut wie unersetzlich – hingegen in der englischen Nationalmannschaft nie wirklich eine Alternative. Ein einziges Länderspiel, 1954 gegen Nordirland, durfte der Verteidiger absolvieren.

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Nichtsdestotrotz vertraute man ihm in Old Trafford. Dieses Vertrauen zahlte er spätestens mit dem wichtigsten Treffer seiner Karriere zurück. Foulkes war es, der 1968 im Halbfinale des Europapokals gegen Real Madrid die Reds ins Endspiel schoss. Nach einer maßgeschneiderten Flanke von George Best schlenzte der Defensivspezialist kurz vor Schluss den Ball zum 3:4 ins Netz. Im Finale triumphierte Manchester bekanntermaßen gegen Benfica Lissabon. Für den inzwischen 36-jährigen Foulkes sollte dieser Pokal-Erfolg viel mehr als ein weiterer Titel in seiner Fußballerlaufbahn sein. Der Sieg bedeutete für den ehemaligen Kohlebergwerk-Arbeiter endlich Licht am Ende des Tunnels. Als einer der Überlebenden des Flugzeugunglücks von München, so Foulkes in einem Interview, habe ihm der Pokal-Gewinn über die Katastrophe hinweg geholfen.





Alex Stepney


Es waren die Pranken von Big Al, die den Europapokalsieg 1968 gegen Benfica festhielten. Der Keeper wehrte in den letzten Spielminuten einen harten Schuss von Lissabons Edelstürmer Eusebio ab und rettete die Red Devils mit dieser spektakulären Parade in die Verlängerung. Spätestens nach diesem Spiel stellte sich Stepney, der Manchester eine Torhüter-Rekordablösesumme von 55000 englischen Pfund gekostet hatte, als beste Investition seit Jahren heraus.

In der englischen Nationalmannschaft konnte sich der Goalie, der in 500 Spielen für Manchester stolze 175 Mal eine weiße Weste behielt, allerdings nie so richtig in Szene setzen. Mit Gordon Banks, Peter Bonetti, Gordon West und dem erfahrenen Ron Springett standen ihm vier souveräne Torhüter im Weg. Sieben Tage vor seinem legendären Spiel im Europapokalfinale debütierte Stepney für England - und bei diesem Einsatz im Freundschaftsspiel gegen Schweden sollte es bleiben.

Ob die Nominierung der Grund für seinen sagenhaften Auftritt eine Woche später war? Zumindest schien es so als hätte sie ihm Flügel verliehen.


Seamus Anthony Brennan

Nicht einmal zwei Wochen waren seit dem Unglück vergangen, da musste ManU gegen Sheffield im FA-Cup bestehen. Das „team sheet“ im Programmheft hatte elf Leerstellen. Die Truppe bestand aus hastigst Verpflichteten und nach oben gespülten Nachwuchskräften. Einer davon war der spätere Nationalspieler Irlands Shay Brennan. Übrigens der Erste auf englischem Territorium Geborene, welcher später für die grüne Insel auflief.

Von links außen kommend, entschied er das von unbeschreiblichen Emotionen getragene Spiel (3:0-Sieg) mit zwei Treffern fast im Alleingang. Brennan war auch der Einzige jener Jünglinge, der sich über die Jahre des Neuaufbaus hinweg etablieren konnte. Seine positionelle Metamorphose verschlug ihn letztendlich auf die rechte Abwehrseite, von der aus er gefürchtete Vorstöße vollzog und somit der modernen Auslegung des Außenverteidigers über 30 Jahre zuvor kam. Bis zu seinem Karriereende 1970 lief er in 355 Spielen ausschließlich für ManU auf.

Pat Crerand

Das Team von Manchester United war gespickt mit genialen Spielern wie George Best oder Bobby Charlton. Die Impulse setzte jedoch ein weniger bekannter Spieler. Pat Crerand galt als das Herz der Mannschaft. Als Abräumer im Mittelfeld hielt der 16-malige schottische Nationalspieler den Kreativen den Rücken frei. Erst durch seine Staubsauger-Arbeit in der Defensive und die schnellen, präzisen Pässen in die Spitze konnten Best und Co. im Angriff für Tore sorgen.

Paddy, der für seine Hartnäckigkeit und sein unerbittliches Zweikampfverhalten berüchtigt war, wurde mit ManU 1965 und 1967 Meister und holte 1963 den englischen Pokal. Der Uefa-Cup-Sieg 1968 war sein letzter und größter Erfolg im Manchester-Trikot. Trotz aller Abwehrarbeit konnte er immerhin 19 Tore in 401 Spielen für United erzielen.

Nobby Stiles

Im Spiel der Reds sollte Norbert „Nobby“ Stiles vor dem eigenen Sechzehner die Lücken schließen und der gegnerischen Offensivabteilung auf die Füße treten – sei es mit Absicht oder aufgrund seiner starken Kurzsichtigkeit. Als der neue Prototyp des immer populärer werdenden Vorstoppers, der als vorgezogener Abwehrspieler die Verbindung zwischen Verteidigung und Mittelfeld darstellte, spielte Stiles am effektivsten. Durch ihn und seinen Mitstreiter Pat Crerand konnten die ManU-Genies Bobby Charlton und George Best glänzen. Stiles gewann die wichtigen Bälle und leitete sie schnellstmöglich und passgenau zu den technisch beschlageneren Spielern weiter.

Ein ums andere Mal wurde selbst Stiles vor dem gegnerischen Tor gefährlich: Mit Hilfe von Kontaktlinsen konnte er in seinen 397 Spiele für United immerhin 19 Treffer markieren.

Tony Dunne

530 Mal lief Anthony Peter Dunne für Manchester auf. Nur vier Spieler, Sir Bobby Charlton, Bill Foulkes, Ryan Giggs und Alex Stepney, streiften sich häufiger das ManU-Trikot über. Der irische Fußballer des Jahres 1969 erzielte in seinen dreizehn Jahren bei United zwar nur zwei Tore, doch in gegnerische Waden biss er dafür umso öfter. 1960 wechselte Dunne für 5000 Pfund vom irischen Klub Shelbourne FC zu dem englischen Topklub.

Ehe der kleine, wendige Linksverteidiger als einer der Helden des Europapokal-Finales ’68 gefeiert wurde, gewann er 1963 den FA Cup sowie 1965 und ’67 zwei englische Meisterschaften. Seinem Nationalteam konnte er in 33 Einsätzen leider nicht zu solch großen Erfolgen verhelfen.


Brian Kidd

Seinen 19. Geburtstag wird Kidd wohl im Leben nicht vergessen. An diesem Tag sorgte er mit seinem Tor in der Verlängerung des Europapokal-Finales 1968 gegen Benfica Lissabon für die Vorentscheidung. Erst ein Jahr zuvor hatte der Stürmer im Trikot von Manchester United debütiert. In seiner ersten Profi-Saison traf er 17 Mal ins Schwarze und galt von da an als einer der gefährlichsten Angreifer auf der Insel. In 264 Spielen machte Kidd 70 Buden für ManU.

Auch bei anderen englischen Top-Klubs sorgte der wuselige Angreifer für eine hohe Treffer-Quote. 1974 wechselte der Vollblutsstürmer für 110 000 Pfund zu Arsenal London, wo er innerhalb von zwei Spielzeiten weitere 34 Tore erzielte. Bevor es ihn, als älteren Herren, in die NASL nach Amerika verschlug, knipste er noch für Manchester City (1976-1979), Everton (1979-1980) und die Bolton Wanderers (1980-1982).

George Best

„I think I've found you a genius“, übermittelte Talentspäher Bob Bishop Trainer Matt Busby. George Best war damals zarte 15 Jahre jung. Nach anfänglichem Heimweh und der Rückkehr ins heimische Belfast ging Best zwei Jahre später doch wieder nach Manchester.

Seine Dribbelstärke, dazu ein gazellenschneller Antritt mit Ball und eine außerordentliche Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor machten Best zu einem der besten Spieler überhaupt. In Nordirland grassiert das Wortspiel: „Maradona good; Pelé better; George Best.“ Im Finale 1968 sorgte er mit dem Best-typischen 2:1 für die Vorentscheidung in der Verlängerung. Er umkurvte in unfassbarer Leichtigkeit Gegenspieler und Torhüter, um dann nur noch einschieben zu müssen.

Nach United folgte eine Odyssee über mehrere Kontinente. Neben dem Platz zerstörte er sich alsbald selber. Am 3.Dezember 2005 erlag er einem Nierenleiden. Über 100000 Menschen nahmen an der Beerdigung in Belfast Teil.


Robert „Bobby“ Charlton

Das Flugzeugunglück überlebt, baute Matt Busby um den körperlich nahezu unversehrten Gentleman-Fußballer Bobby Charlton die neue Mannschaft auf, deren Höhepunkt der Sieg im Europapokal der Landesmeister 1968 werden sollte. „Es war eine Verpflichtung für Manchester United geworden, diesen Pokal zu gewinnen. Es war eine Familienangelegenheit“, so Charlton.

Als eine der prägenden Figuren verhalf er den „Three Lions“ 1966 außerdem maßgeblich zum Weltmeistertitel im eigenen Land. In 19 Jahren Manchester United lief er bis 1973 nicht weniger als 754-mal für die „Red Devils“ auf, erzielte dabei 247 Tore.


John Aston Jr.

Das ManU-Gen steckte einfach in der Familie. John Aston Sen., in Manchester geboren, schloss sich bereits in der Jugtend United an, stieg im Dezember 1939 zu den Profis auf, kam aufgrund der Kriegswirren aber erst im September 1946, also fast sieben Jahre später, zu seinem Debüt gegen Chelsea.

Ganz im Gegensatz zu seinem Vater, einem beinharten Verteidiger, fand John Aston Jr. als Stürmer in den vorderen Gefilden des Platzes sein Hauptbetätigungsfeld. Er durchlief ebenfalls die schon damals überaus fortschrittliche Jugendakademie von United. Im Finale 1968 bot er eine formidable Leistung, stand aber sonst im Schatten von George Best oder Dennis Law. Vor allem aber war er bei schlechten Leistungen der Mannschaft ein gefundenes Bauernopfer der Öffentlichkeit, denn sein Vater wirkte ebenfalls im Trainerstab des Vereins, und man warf Aston Jr. vor, aus diesem Grund oftmals bevorzugt behandelt zu werden. 1972 ging er zu Luton Town, darauf noch zu Mansfield und den Blackburn Rovers.


David Sadler

Hochbegabt und variabel einsetzbar, war David Sadler schier unverzichtbar für die Mannschaft. Beim Triumph in Wembley zählte Sadler mit gerade einmal 22 Jahren zur ganz jungen Generation, die mit dem Druck und der Geschichte erst einmal zurechtkommen mussten. Doch Matt Busby hielt seine schützende Hand sorgsam über die Frischlinge. Seine Erinnerungen schildert Sadler wie folgt: „Er erklärte uns, dass wir in erster Linie Profis wären, die für die Gegenwart spielen.“

Seit 1963 stand er im Profikader, wechselte 1974 zu Preston North End, wurde vier mal in den englischen Kader berufen und musste seine Karriere 1977 verletzungsbedingt beenden. Heute fungiert er als Vorsitzender der Manchester United Former Players' Association und verfasst eine regelmäßige Kolumne für die Manchester Evening News.


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