Die neue Lust auf Bremen

Werders neue Kleider

Werder Bremen steht vor dem größten Neuanfang seit zehn Jahren. So viele alte und verdiente Zöpfe hat das Duo Schaaf/Allofs noch nie abgeschnitten. Müssen Werder-Fans jetzt Angst haben? Im Gegenteil.

Naldo. Marin. Wiese. Pizarro. Borowski. Rosenberg. Affolter. Wagner. Boenisch. Silvestre. Ayik. Thy. Sind weg.

Elia. Gebre Selassie. Petersen. Lukimya-Mulongoti. De Bruyne. Sokratis. Wolf. Strebinger. Aycicek. Röcker. Sind da.

Zwölf Abgänge, zehn Neuzugänge. Werder Bremen steht vor dem größten Neuanfang seit mehr als einem Jahrzehnt. Und in diesem einen Fall hat die Statistik endlich mal eine echte Bedeutung. Das Durchschnittsalter der Bremer Neulinge beträgt 22,5 Jahre, die Abschiedler bringen es auf 26,6 Jahre. Noch nie hat das Werder-Duo Thomas Schaaf (Trainer) und Klaus Allofs so konsequent alte Zöpfe abgeschnitten und frisches Blut in den Verein gepumpt. Davon kann man sich einschüchtern lassen – oder sich von der Vorfreude auf eine komplett umgekrempelte Mannschaft anstecken lassen. Wir machen das an dieser Stelle mit der Vorfreude.

Gehen wir die Zu- und Abgänge doch einmal durch.

Tim Wiese? Ein verdienter Spieler, jahrelang einer der besten Torhüter der Bundesliga. Aber auch längst sehr berechenbar. Seine Reflexe sind überragend, sein Verhalten im Eins-gegen-Eins großartig, aber bei hohen Flanken von der Seite war Wiese in der Vergangenheit ein ständiger Gefahrenherd. Ein Ersatzlibero wie beispielsweise Manuel Neuer ist er auch nicht. Wer gegen Werder Erfolg haben wollte, versuchte es einfach mit schnellen Kontern oder hohen Bällen – irgendwann fiel so schon ein Tor. Jetzt ist Wiese bei Hoffenheim, will noch einmal kräftig abkassieren und in die Champions League kommen. Beides kann man ihm nicht verübeln. Werder hat sich artig bei seinem Torhüter für tolle Jahre bedankt – und ist nun ein Stück weit unberechenbarer geworden.

Pizarro war zu gut für den Rest

Ähnliche Argumente passen zum Abschied von Claudio Pizarro. Der Peruaner war so viel besser als der Rest der Bremer Offensivabteilung, dass seine Mitspieler im Zweifel einfach den Ball Richtung Pizarro kloppten – irgendwas würde der schon damit anstellen. Für einen gepflegten und in Bremen kultivierten Spielstil war das auf Dauer Gift. So blöd das klingen mag, aber Pizarros Klasse schüchterte die Rest-Bremer, vor allem in der Vorsaison, ziemlich ein. Jetzt ist Pizarro nicht mehr da, sein Abgang hat ein Loch in der Werder-Offensive hinterlassen. Zum Glück sind Fußballplätze groß genug, dass man Löcher und Lücken im Zweifel auch anständig umspielen kann. Werders Angriffe bekommen eine neue Qualität oder zumindest kommen sie aus neuen (und unterschiedlichen) Richtungen.

Marko Marin? Vielleicht war Werder einfach der falsche Verein für den kleinen Mittelfeldspieler. So einfach kann das manchmal sein.

Tim Borowski? Gehört zum Verein wie das W auf dem Trikot. Aber leider ist Boro, Timbo (bitten wählen sie selbst) inzwischen zu alt und zu gebrechlich für eine Bundesligamannschaft, weshalb er jetzt wahrscheinlich wie schon so viele verdiente Bremer vor ihm eine Funktion in der großen Vereinsfamilie übernehmen wird. Sportlich, so gemein das klingen mag, ist sein Abgang kein Verlust.

Rosenberg? Wagner? Affolter? Silvestre? Boenisch? Jetzt wird es wieder gemein, aber: Welcher Werder-Fan wird diesen Spielern tatsächlich nachtrauern?

Ayik, Thy und Naldo? Diese drei Spieler sind Sonderfälle. Ayik und Thy sind noch blutjung, kommen aus Werders Nachwuchs und als Anhänger seines Vereins wünscht man sich, dass solche Spieler auch irgendwann mal gefeierte Stars der ersten Mannschaft werden. Das werden sie nun, vorerst, nicht. Onur Ayiks Zukunft ist ungewiss, er hat noch keinen neuen Verein. Lennart Thy wechselt zum FC St. Pauli. Bleibt aus Bremer Sicht nur zu hoffen, dass sich die Verantwortlichen nicht bald vor Ärger in die Füße beißen werden, weil sie ein noch friedlich schlummerndes Talent für lau abgegeben haben. So wie im Fall Simon Rolfes, der jahrelang für Werder nur in der Halle spielte, dann bei Alemannia Aachen zu einem richtigen Feldspieler heranwuchs und schließlich im Trikot von Bayer Leverkusen Nationalspieler wurde.

Wir Zuschauer gewöhnen uns an die Schnelllebigkeit

Und Naldo? Bleibt er gesund, ist sein Abgang ein tragischer Verlust – jedenfalls aus sportlicher Sicht. Bleibt er so verletzungsanfällig wie in der jüngeren Vergangenheit, hat Werder einen gutes Geschäft gemacht: Fünf Millionen Ablöse kassiert und ein sehr hohes Monatsgehalt eingespart. Für einen Fußballer, der keinen Fußball mehr spielen kann.

So viel dazu. Zum großen Jammergesang bleibt einem Fußballfan allerdings keine Zeit. Das »Geschäft«, ein ekelhafter Begriff, ist schnelllebig, wir Zuschauer haben uns daran gewöhnt, wie wir uns auch sicherlich irgendwann an Männer in Karottenhosen und Brillen ohne Brillengläser gewöhnen werden.

Werder-Fans werden ihre Mannschaft zum Saisonstart nicht wieder erkennen. Sie hat viele neue Gesichter, viele neue Fußballer, die das Spiel ganz anders interpretieren als Marin oder Pizarro oder Naldo. Werder Bremen 2012/13 ist ein neues Werder Bremen, in jeglicher Hinsicht. Thomas Schaaf hat bereits angekündigt, seine längst eingestaubte Rauten-Taktik (jahrelang ein Hingucker, in den vergangenen beiden Spielzeiten so attraktiv wie ein Topmodel nach verpatzter Schönheits-OP) neu zu justieren, um einen anderen, einen neuen Werder-Fußball spielen zu lassen. Die Kerle, die das erfolgreich in die Tat umsetzen sollen heißen Kevin de Bruyne, Eljero Elia, Theodor Gebre Selassie oder Assani Lukimya-Mulongoti (hoffentlich findet sich für diesen Herren bald ein Spitzname. Düsseldorfer, helft!). Manche kennt man schon, wenn auch nur ein bisschen, andere nicht. Es gibt viele Gründe, sich auf die neue Saison zu freuen. Einer ist: Keine Ahnung, wie die wohl kicken können. Das muss ich sehen!

Werders Projekt Neuanfang kann brutal in die Hose gehen. Dann war der Abschied von Marin, Pizarro und Naldo der absehbare Anfang vom Ende. Es kann aber auch funktionieren, wer weiß das schon? Alles ist neu, alles ist anders. Alles ist so aufregend! Wenn man nicht gerade der geborene Glas-halb-leer-Typ ist, muss man sich als Werder-Fan einfach auf die neue Saison freuen.

Zumindest was die Vorfreude betrifft haben Schaafs und Allofs bislang alles richtig gemacht.

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