Die Modeerscheinung der Hinrunde: Schiedsrichter-Bashing

Meckermann

In den vergangenen Monaten wurde auf die Schiedsrichter gemeckert, was das Zeug hielt. Doch irgendwann ist auch mal gut. Oder? Jens Kirschneck über die Modeerscheinung der Hinrunde.

Der Letzte, über den kurz vor Weihnachten die ganze Ungerechtigkeit der Welt hereinbricht, ist Dieter Hecking. Da hat sich sein 1. FC Nürnberg beim SV Werder lange Zeit erfolgreich ein 0:0 erschummelt, drei Pfosten- und Lattenschüsse der Bremer schadlos überstanden, in der zweiten Halbzeit laut Hecking »ein richtig gutes Auswärtsspiel« gemacht, also selbst auch dreimal geschossen, davon einmal sogar ins Tor, und dann das: Zwei Minuten vor Schluss fängt sich der Club den Ausgleich, durch ein vermeintlich klares Abseitstor.

Danach ist der Trainer der Nürnberger auf Schaum, wie er jede TV-Kamera wissen lässt, kulminierend in einer Tauglichkeitsanalyse des Schiedsrichterassistenten: »Wenn er sagt, er hat das so bewertet, dann ist das der falsche Mann an der Linie. Weil das nicht zu sehen, ist ein Witz!« Aha. Ob Hecking mit sich selbst wohl auch so streng ist, wenn der Club (was oft genug passiert) ganz ohne Zutun der Spielleitung verliert? Liegt er dann die ganze Nacht wach und weint sich in den Schlaf, resümiert seine falsche Taktik und die fruchtlosen Auswechslungen und jammert: »Ich bin der falsche Mann an der Linie. Weil das nicht zu sehen, ist ein Witz!«

Modeerscheinung der Hinrunde: Schiedsrichter-Bashing

Unwahrscheinlich. Zumal Hecking mit seiner Kritik ohnehin nur mit dem Zeitgeist schwimmt. Egal, ob Klopp, Veh, Streich oder Tuchel: Schiedsrichter-Bashing war eine der Modeerscheinungen dieser Hinrunde. Als Höhepunkt musste Wolfgang Stark nach dem Spiel Dortmund gegen Wolfsburg öffentlich zu Kreuze kriechen und bekennen, dass er fast alles falsch gesehen hatte, was man falsch sehen konnte.

Er tat dies mit einer Courage, die man sich auch von anderen Protagonisten des Fußballs wünschen würde. Man stelle sich vor, Bundestrainer Jogi Löw wäre nach dem EM-Aus der deutschen Elf nicht wochenlang abgetaucht, sondern hätte gleich ein vollumfängliches Geständnis abgelegt: »Ja, ich habe falsch aufgestellt! Ja, ich habe mich hasenfüßig nach der Taktik der Italiener gerichtet und ja, es ist fürchterlich in die Hose gegangen! Ich kann mich nur bei den Fans der deutschen Mannschaft entschuldigen!«

Allein schon die Vorstellung erscheint absurd. Aber auf die Schiedsrichter haut jeder drauf, wie es ihm gerade passt. Ist ja einfacher, als sich an die eigene Nase zu fassen und selbst Schwächen und Fehler einzugestehen. Wahrscheinlich geht es auch darum, die Unparteiischen für zukünftige Spiele psychologisch zu beeinflussen. Und nicht zuletzt trägt das Fernsehen seinen Teil zur ungemütlichen Gesamtsituation bei, wenn an jedem Wochenende Superzeitlupen und virtuelle Abseitslinien heikle Schiedsrichterentscheidungen in Serie exekutieren.

Vom menschlichen Auge kaum wahrzunehmen

Dabei zeigt gerade das Nürnberger Beispiel, wie demagogisch das manchmal ist. Die vermeintlich klare Abseitsstellung des Bremers Nils Petersen schrumpft bei näherer Betrachtung auf maximal ein Fußbreit zusammen. Berücksichtigt man dann noch die unterschiedlichen Laufrichtungen des auf Abseits spielenden Verteidigers und des zum Ball gehenden Stürmers, kommen wir in einen Bereich, der vom menschlichen Auge kaum wahrzunehmen ist – womit die Regel greift, dass im Zweifel für den Angreifer zu entscheiden ist. Eine Fehlentscheidung im engeren Sinne liegt also gar nicht vor.

Wenn wir uns etwas für die Rückrunde wünschen dürfen, dann das: Schluss mit dem nervigen Gezeter über die Referees und lieber akribisch daran gearbeitet, in Zukunft besser Fußball zu spielen. Das ist ein weites Feld, auf dem es viel zu tun gibt – auch, aber nicht nur in Nürnberg.

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