21.06.2012

Die merkwürdige Aufregung um ein nichtgegebenes Tor

Sind denn alle verrückt geworden?

Das aberkannte Tor der Ukraine gegen England ist offensichtlich der Aufreger dieser EM, allerorten wird nun die Einführung des Videobeweises gefordert. Aber warum eigentlich? Der Treffer zählte zwar aus den falschen Gründen nicht, aber doch völlig zurecht.

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Die Ukraine ist also beklaut worden, betrogen sogar, aus dem Wettbewerb im eigenen Land gekegelt durch ein nichtgegebenes Tor, von unfähigen Schieds- und Torrichtern sowie von bornierten Funktionären, die nur deshalb den längst überfälligen Einzug der Tortechnik in den Weltfußball verhindern, weil sie dadurch das Spiel schöner manipulieren und nach ihren wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen steuern können. Diese Technik, so ist in diesen Tagen allerorten zu lesen, muss nun endlich kommen. Um das Spiel zu retten, die Funktionäre zu entmachten, die Schiedsrichter zu überwachen und zu schützen. Damit »so etwas« nie wieder passieren kann.

Wobei doch wirklich einmal interessant wäre, einmal festzuhalten, was »so etwas« denn nun tatsächlich war. Tatsächlich die »größte Fehlentscheidung der jüngeren Fußballgeschichte«, wie die »Süddeutsche Zeitung« heute allen Ernstes auf ihrer ehrwürdigen Seite Drei schreibt? Ein »EM-Skandal« (»Bild«), eine »krasse Fehlentscheidung« (»Spiegel«), ein »gestohlenes Tor« (»FAZ«)? Offensichtlich, denn anderslautende Meinungen finden sich nicht, nirgendwo, weswegen man sich die Szene nochmals auf Youtube anschaut und sich anschließend fragt: Sind denn alle verrückt geworden? Oder man selbst? Was soll die Aufregung? Es war doch, und zwar völlig glasklar, viel klarer als das kurz darauf fallende Tor, bei dem der Ball natürlich hinter der Linie war: Abseits.

Vorsicht vor dem Fass respektive der Büchse

Artem Milevskiy, von dem Torschütze Devic den Ball bekam, stand zum Zeitpunkt der Ballabgabe einen guten Meter im Abseits. Der Ukraine wurde also, wenn auch aus den falschen Gründen, vollkommen zurecht ein irregulärer Treffer aberkannt. Und das soll jetzt zur Revolution im Fußball führen? Aber wieso? Hat der Schiedsrichter, haben wir, hat nicht der Fußball, meine Damen und Herren, einfach wahnsinniges Glück gehabt, dass sich zwei eklatante Fehlentscheidung auf fast schon kitschige Art und Weise innerhalb von kürzester Zeit gegenseitig aufhoben? Wie kann diese Szene die Forderung nach Torkameras oder den Chip im Ball zementieren? Muss sie nicht vielmehr Wasser auf die Mühlen derer sein, die technische Eingriffe von außen ablehnen, gerne mit dem Hinweis darauf, dass sich die Ungerechtigkeiten schon früher oder später wieder ausgleichen würden? In diesem Fall geschah dies beinahe übertrieben plakativ in einem einzigen Spielzug.

Natürlich lässt sich daraus keine Regel und schon gar keine Sicherheit ableiten, und wirklich hilfreich ist der Ausgleich auch nicht immer – was nützt es einem Uwe Seeler von 1966, dass England im Jahr 2010 ein Tor aberkannt wird? Torkameras oder der Chip im Ball könnten ein paar Ungerechtigkeiten im Fußball vermeiden, aber sie sind nicht der Zaubertrank, als der sie jetzt dargestellt werden, weil zum einen die Anzahl der strittigen Szenen recht übersichtlich ist und sie eben auch das Gegenteil bewirken können. In diesem konkreten Fall hätten sie dazu geführt, dass ein irreguläres Tor zählt.

Wer jetzt den Einsatz längst vorhandener Technik fordert, sollte sich deshalb sehr genau überlegen, welches Fass er aufmacht respektive welche Büchse er öffnet und worum es ihm geht. Um den Schutz der Schiedsrichter? Ein fragwürdiges Argument. Denn zwar heißt es jetzt allerorten, »Millionen von Fernsehzuschauern hätten erkennen können, was der Torrichter nicht erkannte«, was zum einen falsch ist, weil selbst in der Zeitlupe ohne Vergrößerung lange unklar war, ob der Ball nicht doch noch am Luftraum über der Linie gekratzt hatte, zum anderen, weil Millionen von Fernsehzuschauern auch erkennen konnten, dass es sich in der Entstehung des Tores um eine Abseitssituation gehandelt hatte.

Wo soll das enden?

 
 
 
 
 
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