Die Löwen und der Stadionstreit

Dilemma am Geburtstag

Der TSV 1860 München ist 150 Jahre alt geworden. Doch die Partystimmung wird getrübt von der ungewissen Stadionzukunft. Wie verfahren die Situation ist, zeigt der aktuelle Rechtsstreit mit den Bayern. Die Löwen und der Stadionstreit Der Kabarettist Ottfried Fischer spricht meist, ohne eine Miene zu verziehen. Im Gratulationsvideo für 1860 brauchte das Schwergewicht dies auch gar nicht zu tun, denn sein letzter Satz war bemerkenswert genug. »Machts nicht weiter so, sondern bessa«, schließt »Otti« im Biergarten sitzend, den Sechzig-Schal zum Jubiläum um den Hals. Was lapidar daher gesagt ist, trifft es. Denn das Geburtstagskind 1860 schleppt die Fehler der Vergangenheit mit sich herum und steht nun vor einer scheinbar unlösbaren Aufgabe.

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Die Never-Ending-Story ums Stadion der Löwen wurde auch in diesem Jahr kräftig angeheizt. Die Heimatfrage ist im Jahr des 150. Geburtstages aktueller denn je. Eine Frage, die Fans, Verantwortliche, Politiker und Richter beschäftigt. Grünwalder Stadion, Olympiastadion, Allianz-Arena – wo liegt die Zukunft der Löwen? Dass bei der Stadiondebatte Emotionen auf Paragraphen treffen und  widerstreitende Parteien vornehmlich über die Presse miteinander kommunizieren, macht es nicht einfacher.

Gericht entscheidet am 14. Juli


Die Sechzger versprechen sich momentan viel von einem Datum: Dem 14. Juli. Dann nämlich entscheidet das Landgericht über den sogenannten Cateringstreit zwischen 1860 und den Bayern. Der FC Bayern klagte gegen die Löwen wegen ausstehender Mietzahlungen. Die Löwen bemängeln, dass der 2006 geschlossene Vertrag mit der Stadiongesellschaft (deren alleiniger Gesellschafter der FC Bayern ist) kartellrechtswidrig sei.

Die Löwen hatten damals durch die drohende Insolvenz den Bayern ihre Stadionanteile für elf Millionen Euro überlassen – seitdem sind sie Untermieter des Lokalrivalen. Über jenen Vertrag wird nun gerichtlich entschieden, die Frage ist: Hat die Stadiongesellschaft (damit der FCB) seine Monopolstellung als damals einziges mögliches Stadion für Sechzig ausgenutzt, um unverhältnismäßige Bestimmungen durchzusetzen?

Konkret geht es um die lange Laufzeit des Vertrages (20 Jahre), die Logenvermarktung, den Verkauf der Business-Seats und den Kaufpreis der Anteile. 1860-Geschäftsführer Manfred Stoffers erklärt: »Aus der Pauschale an die Caterer zahlt man einen Baukostenzuschuss zurück, der letztlich dem Eigentümer zu Gute kommt. Das ist der TSV in der AllianzArena aber nicht mehr und somit sieht der Verein keinen Cent. Auch die Logenvermarktung steht ausschließlich der Stadiongesellschaft zu. So entwickelte sich für uns ein klares Missverhältnis zwischen Zahlung und Gegenleistung.«

Vertrag auf dem Prüfstand

Im Grunde geht es aber nicht nur darum, ob die Zahlungen der Löwen für das Catering zu hoch sind. Vielmehr steht der Vertrag als solcher auf dem Prüfstand. Stoffers: »Wenn das Gericht uns Recht gibt, dann müsste das komplette Vertragswerk neu geschlossen werden – unter marktüblichen Gesichtspunkten.« Dies würde neue Verhandlungen zwischen Bayern als Vermieter und Sechzig als Mieter zur Folge haben. Doch allein diese Vorstellung wirkt momentan utopisch, zu viel Porzellan ist zwischen beiden Seiten zerschlagen worden.

Denn für die Bayern ist die Klage des Rivalen ein offener Affront. Sie sehen nicht ein, die Schuld dafür zu tragen, dass 1860 die Logen nicht auslasten kann. Zudem seien die Konditionen des Vertragswerkes, insbesondere die Mietzahlungen, fair ausgehandelt. Gerade die Übernahme der Stadionanteile galt als Hilfsmaßnahme für die klammen Löwen.

Dass diese Übernahme nun in der Kritik steht, brachte Uli Hoeneß dermaßen auf die Palme, dass er in der »tz« gegen 1860-Geschäftsführer Manfred Stoffers wetterte: »Ich denke, Herr Stoffers ist der schlechteste Geschäftsführer, den 1860 je gehabt hat. Der ist unfähig, ein Scharlatan und er versucht, seine eigene Unfähigkeit auf das Stadionproblem abzuwälzen.« Keine guten Bedingungen für ein klärendes Gespräch.



»Reden bringt die Leute zusammen«

Stoffers selbst glaubt aber daran: »Die Äußerungen waren ziemlich hart. Aber ich folge dem alten jüdischen Sprichwort: Reden bringt die Leute zusammen. Es stünde uns allen gut zu Gesicht, wenn wir uns gütlich einigen.« Als Zurückrudern soll man dies aber nicht verstehen. Glaubt man den Verantwortlichen des TSV 1860, dann sind die Einsparungen bei den Stadionkosten notwendig zum Überleben, welches der Club in den vergangenen Jahren größtenteils durch Transfererlöse sicher stellte.

Die Bayern glauben den Sechzigern nicht. Der Anwalt der Stadiongesellschaft, Gerhard Riedl, nannte den Gedanken »aberwitzig«, dass die Cateringfrage den wirtschaftlichen Tod eines Vereines bedeuten würde. Manfred Stoffers bleibt aber dabei: »Wir müssen zusehen, unsere Kosten in der Stadionfrage zu senken. Sollte dies in der Allianz-Arena nicht möglich sein, dann müssen wir uns um eine andere Spielstätte bemühen – allein, um das Überleben des Vereins zu sichern.«

Grünwalder-Rückkehr abgelehnt

Doch wie könnte eine Alternative aussehen? Zum Leidwesen der Fans wird es eine Rückkehr ins Grünwalder Stadion vorerst nicht geben. Die Stadt München wies am 23. März einen derartigen Vorschlag ab, obwohl eine »Machbarkeitsstudie« für eine Rückkehr nach Giesing vorgelegt wurde. Laut Erklärung gab es für die Ablehnung drei Gründe: Es handele sich um einen Neubau statt eines Umbaus des Stadions, eine notwendige Bürgschaft könne man aus rechtlichen Gründen nicht erteilen und es gebe keinen Auflösungsvertrag mit der Stadiongesellschaft der AllianzArena.

Dr. Ernst Wolowicz, Stadtkämmerer von München, erklärt die Entscheidung so: »Städtische Bürgschaften gibt es nur, wenn die Landeshauptstadt München dadurch niemals in Anspruch genommen werden würde. Bei einem Verein, der finanziell nicht auf Rosen gebettet ist, wäre das Risiko in diesem Fall zu hoch.«



Vorschlag: Olympiastadion

Roman Beer von der Initiative »Freunde des Sechzger Stadions« erkennt in diesem Fall durchaus eine fehlenden politischen Willen, äußert aber auch Verständnis: »Es ist nachzuvollziehen, dass dem Verein nach den Querelen der Vergangenheit kein grenzenloses Vertrauen entgegen gebracht wird.« Was Beer und viele Sechzig-Fans in diesem Fall aber missfiel, war das Vorgehen der Stadt. Gerade drei Monate ließ man den Löwen Zeit, eine »Machbarkeitsstudie« zu entwickeln, um diese dann in einer nicht mal zwei Stunden dauernden Sitzung abzuschmettern.

Als dann aus Stadtkreisen der Vorschlag bekannt wurde, Sechzig könne ins Olympiastadion umziehen, verstanden die Löwen-Fans die Welt nicht mehr. Zum einen wurde bei der Debatte ums Grünwalder angeprangert, dass ein Auflösungsvertrag mit der Allianz-Arena fehle. Zum anderen erschien nun auch ohne diesen Vertrag ein Umzug ins Olympiastadion als möglich.

Die Suche geht weiter


Dennoch: »Lieber spielen wir im Olympiastadion, als dass wir Mieter der Roten sind«, bringt es Richard Ostermeier von der Faninitiative »Westkurve 60« auf den Punkt. Die Vorstellung der Sechzger aber, übergangsweise im nicht gerade geliebten Olympiastadion zu spielen, bis eine andere Regierung in München das OK für das Grünwalder gibt, weist Stadtkämmerer Wolowicz zurück: »Einen Umzug der Löwen ins Olympiastadion wird es nur geben, wenn ein langfristiger Vertrag, beispielsweise über zehn Jahre, geschlossen wird.« Ob diese Lösung für Sechzig lohnenswert ist, bleibt zumindest anzuzweifeln.

Manfred Stoffers und der TSV stehen vor einem Dilemma. Auf dem Weg zu wirtschaftlicher Konsolidierung sind ihnen in vielerlei Hinsicht die Hände gebunden. Der 14. Juli könnte ein Befreiungsschlag werden -  die Suche nach der passenden Heimat wird aber auf unbestimmte Zeit weitergehen. Stoffers sagt: »Das Stadion an der Grünwalder Straße ist unsere Heimat, unser Arbeitsplatz ist die Allianz-Arena. Das ist der Konsens, mit dem wir momentan leben müssen.« Und aus Mangel an Alternativen wohl auch in Zukunft leben werden.

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