Die Liga vor ihrer 47. Saison

Tausend Mal Thorben

Die Bundesliga startet in ihre 47. Saison. Und nichts ist sicher: Stürzt Wolfsburg ab? Versetzt Skibbe Frankfurt in haltlose Euphorie? Und hat van Gaal Informanten im P1? Eine Standortbestimmung von Philipp Köster. Die Liga vor ihrer 47. Saison
Heft #93 Sonderheft 2009/10
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Die Mannschaftsbilder

Sind in diesem Jahr eine einzige Enttäuschung. Man könnte wortreich bedauern, dass sich auch in diesem Jahr niemand gefunden hat, der sich in Erinnerung an Thorsten Legat die Buchse bis zur Bewusstlosigkeit hochgezogen oder zumindest dem Nebenmann Hasenöhrchen gemacht hat. Aber auch jenseits solch zivilen Ungehorsams ist das Genre des Gemeinschaftsbildes mittlerweile vollständig heruntergerockt. Was einerseits an den Spielern selbst liegt, die ausnahmslos dem herrschenden Diktat der Bürzelfrisur folgen, mit dem Erfolg, dass inzwischen kaum einer nicht so aussieht wie Thorben Marx. Andererseits haben auch die Klubs dazu beigetragen, finden sich doch statt eines unschuldigen Taxofit-Koffers inzwischen halbe Gewerbeparks auf den Mannschaftsbildern wieder. Und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis das erste Mannschaftsbild wegen einer Massenpanik geschlossen werden muss. Wurden früher ausnahmsweise auch die Co-Trainer aufs Bild gebeten, darf sich heute jeder Schülerpraktikant vom Ticket-Counter einreihen. Beim FC Schalke etwa stellt der Betreuerstab in diesem Jahr erstmals eine ganze Reihe. Mit dem Erfolg, dass sich sauerländische Schalke-Anhänger zunächst ausgiebig über einen bis dato nicht registrierten Neuzugang freuen, um dann ernüchtert nachlesen zu müssen, dass es sich lediglich um den kurzfristig verpflichteten Ökotrophologen handelt. Was immer das auch sein mag. Natürlich, auch auf den glatt gebürsteten Aufnahmen der Neuzeit findet sich manche Preziose: Auf dem letztjährigen Foto des Bayern-Kaders etwa bekam Miro Klose einen überdimensionalen Koffer vor die Füße gestellt, um zu kaschieren, dass seine Arbeitschuhe nicht die erforderlichen drei Streifen aufwiesen. Schön auch, dass Oberhausens Betreuer Helmut Bormann nicht auf seine Sonnenbrille verzichten wollte. Wenn das Schule macht, schleppt der eine oder andere Masseur sicher demnächst auch ein Herrenhandtäschchen mit aufs Foto. Und die Marketingverantwortlichen des Zweitliga-Aufsteigers SC Paderborn müssen für das aktuelle Mannschaftsbild die komplette Ausgabe der örtlichen »Gelbe Seiten« durchgeackert haben, auf der überdimensionalen Werbetafel ist die lokale Handelskammer komplett vertreten.

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Die Trainer

Die Bundesliga hat es sich mal wieder anders überlegt. Noch vor Jahresfrist galten blutjunge Übungsleiter mit einer Hundertschaft hochspezialisierter Mentaltrainer im Schlepptau als der letzte Schrei. Inzwischen wundert man sich fast, dass Egon Coordes und Rolf Schafstall nicht auch schon wieder dick im Geschäft sind und ihre Spielern mit höhnischem Gelächter im Entengang auf die Platzrunde schicken. Dass Traditionalist Felix Magath auf Schalke wie ein Erlöser empfangen wurde und der 64-jährige Jupp Heynckes in Leverkusen nicht den Vorsitz des Ältestenrats, sondern tatsächlich den Trainerjob angeboten bekam, hat mit der höchst seltsamen letzten Saison zu tun. Da galt zur Halbserie bereits als ausgemacht, dass allein die moderne Wissenschaft den entscheidenden Unterschied zwischen Spitzenmannschaften machen werde. Fasziniert starrte der deutsche Fußball nach Hoffenheim, wo Ralf Rangnick unter klinischen Bedingungen den Fußball ohne lästige Zufälle erprobte, unterfüttert von hochkomplexer Spielanalyse. Und dann wurde doch Felix Magath, der die wissenschaftlichen Proseminare der Kollegen stets maliziös lächelnd quittiert und keinen Hehl aus seiner Laktatintoleranz gemacht hatte, deutscher Meister. Gleich dahinter landete der FC Bayern mit dem rüstigen Senior Jupp Heynckes, dessen Training auch im nächsten Jahr sicher nicht für einschlägige Innovationspreise vorgeschlagen wird. Seither werden vielerorts wieder die eher rustikalen Vertreter der Trainerzunft bevorzugt. Auch und gerade beim FC Bayern, wo Louis van Gaal sich offenbar sehr in der Rolle des knurrigen Patriarchen gefällt, dem Boulevard fleißig Futter gibt und nicht einmal dann lachen muss, wenn er die flächendeckende Satellitenüberwachung der Spieler in der Warteschlange vor dem P1 ankündigt. Erstaunlich aber auch, dass Bruno Labbadia nun zugetraut wird, den Hamburger SV in internationale Höhen zu führen, wo doch nicht nur Leverkusener Funktionäre ihm eine eher eindimensionale Auffassung vom modernen Fußballspiel unterstellten. 

Die Krise

Die Weltwirtschaftskrise hat in der Bundesliga beileibe nicht nur Angst und Schrecken ausgelöst. Sicher, manch ein Zweitliga-Manager wird gebangt haben, dass nun das örtliche Autohaus voreilig die Mitgliedschaft im Sponsorenring knickt. Aber allgemein war auch die Hoffung spürbar, dass es sich nun lohnen werde, dass der deutsche Fußball in den vergangenen Jahren einigermaßen solide gewirtschaft hat. Ganz im Gegensatz zu den hoffnungslos verschuldeten Ligabetrieben in England, Spanien, Italien. Doch der große Knall blieb aus, weder musste Roman Abramowitsch Chelsea im Tausch gegen ein paar Lebensmittelmarken abgeben, noch wurden Manchester United die gigantischen Ausstände zum Verhängnis, die dem Klub von Besitzer Malcolm Glazer nach der Übernahme aufgebürdet worden waren. Und so bleibt es dabei, dass die Bundesliga zwar weiterhin boomt, international aber immer noch nicht konkurrenzfähig ist. Mag durchaus sein, dass der FC Bayern sich wieder ins Viertelfinale der Champions League schleppt und dass der VfL Wolfsburg sich etwas geschickter anstellt als zuletzt Werder Bremen und der VfB Stuttgart. Was aber nichts daran ändert, dass die Besten der Branche nach wie vor via Ringtausch zwischen den englischen, spanischen und italienischen Spitzenklubs verschifft werden. Während die Bundesliga neidisch zuschaut, wenn 80000 Madrilenen die Prêt-à-porter-Show von Cristiano Ronaldo bejubeln, und sich dennoch halbwegs auf Augenhöhe wähnt, bloß weil der VfB Stuttgart die Gomez-Millionen in einen Ersatzmann von Real Madrid zu investieren gedenkt. Nein, die deutsche Realität zeigt sich in der zweiten Reihe, etwa bei der Hertha aus Berlin, die immerhin Vierter wurde und sich dennoch nicht einmal leisten konnte, den einigermaßen treffsicheren Andrej Voronin aus England loszueisen. Stattdessen musste Stoßstürmer Artur Wichniarek selbst für Teile seiner Ablöse aufkommen, um jetzt als Hoffnungsträger durch die Berliner Gazetten gereicht zu werden. Das ist alles ein bisschen deprimierend, aber nicht zu ändern, wenn man sich nicht einlassen möchte, auf den Manchester-Kapitalismus, auf irrwitzige Ablösesummen und kaltschnäuzige Vereinsbesitzer, die in Klubs nichts anderes sehen als Kapitalanlagen. Die Bundesliga hat bisher einen Sicherheitsabstand gehalten und ist trotz allem ganz gut damit gefahren.   


Die Stadien

Auch in den vergangenen Jahren wurde an deutschen Fußballstandorten fleißig gebuddelt. In Augsburg, in Berlin und in Aachen. Dort verlässt die Alemannia den altehrwürdigen Tivoli, eines der stimmungsvollsten und atmosphärischsten Stadien überhaupt, und zieht in einen gleichnamigen Neubau nebenan, der dann aber doch allzu sehr den anderen neu erichteten Fertigbeton-Arenen gleicht, die in den vergangenen Jahren bereits errichtet worden sind. Mit dem Tivoli, seinen steilen Rängen, seinem leicht desolaten Charme und der Stehplatz-Gegengerade geht abermals ein Stück traditioneller Fußballkultur verloren. Man kann dem Verein nicht wirklich böse sein, er sucht wie alle anderen Klubs nach jeder Möglichkeit, mehr Geld einzunehmen. Und doch gibt es auch den anderen Weg, den der 1. FC Union Berlin gegangen ist. Bemerkenswert genug, dass dort Anhänger dreizehn Monate lang unentgeltlich Gräben aushoben, Betonteile schleppten und Gitter verschraubten, weil der Klub sich den Umbau sonst keinesfalls hätte leisten können. Mindestens ebenso mutig aber war die Entscheidung, sich nicht der gängigen Meinung anzuschließen, dass nur endlose Reihen von Schalensitzen profitabel sein können. Stattdessen besteht auch in der neu errichteten Försterei die Gegengerade ausschließlich aus Stehplätzen. Die Belohnung für solche Weitsicht ist eine unvergleichliche Atmosphäre, die es so ursprünglich wohl nicht einmal mehr beim anderen Vorzeigeklub FC St.Pauli gibt. Man wünschte sich, dass die Vorstände anderer Klubs einmal eine Bildungsreise nach Berlin antreten. Etwa die Exekutive von Arminia Bielefeld, die auf der Alm die Stehplatz-Gegengerade durch eine komplett versitzplatzte Haupttribüne ersetzten, auf der nun aber keiner Platz nehmen möchte. Das Mitleid hält sich in engen Grenzen.  


Die Saison

Nur sehr loyale Volkswagen-Schichtarbeiter hätten wohl vor der letzten Saison ihre Doppelhaushälfte in Salzgitter auf den Meistertitel für den VfL gesetzt. Und wer konnte schon voraussehen, dass die TSG Hoffenheim in der ersten Halbserie brillant anzuschauenden Hochtempo-Fußball spielen würde, um in der zweiten Saisonhälfte auffällig lustlos über den Platz zu schleichen und in der Halbzeit schon mal telefonisch beim VfB Stuttgart wegen eines möglichen Wechsels vorzufühlen. Die Spielzeit 2009/10 kommt ebenso indifferent daher. Weil der VfL Wolfsburg möglicherweise wie alle Überraschungsmeister leicht überfordert auf die zusätzlichen Mittwochstermine reagiert und sich allein darauf konzentriert, sich international nicht zu blamieren. Weil Felix Magath sicher neuen Zug in das leicht versponnene Schalker Team bringen wird, aber vielleicht auch unterschätzt, dass bei Schalke nicht nur Fleischwurstkönig Tönnies, sondern mindestens ein weiteres Dutzend Honoratioren und Büchsenspanner mitreden möchte. Und weil sich schließlich noch erweisen muss, ob sich der FC Bayern mit seiner brüsken Abkehr von all den Neuerungen der Klinsmann-Ära wirklich einen Gefallen getan hat oder ob die konservative Revolution unter van Gaal nicht manch notwendigen Umbau gerade im Nachwuchsbereich verschleppt. Jenseits des unkalkulierbaren Ringens um die raren Plätze in der Champions League freut man sich aber auf manche Nagelprobe. Etwa die des eingangs erwähnten Bruno Labaddia. Denn so unrecht hatte Vorgänger Martin Jol ja nicht, als er Neuverpflichtungen in Höhe von 40 Millionen Euro als Voraussetzung für internationale Konkurrenzfähigkeit benannte. Ein ganz ähnliches Problem hat Michael Skibbe in Frankfurt, wo viele Anhänger und Würdenträger die Eintracht durch den Abschied von Friedhelm Funkel auch schon unaufhaltsam auf dem Weg ins internationale Geschäft wähnen. Hier wie dort irritiert die tiefe Kluft zwischen hehren Ansprüchen und realer Leistungsfähigkeit. Aber genau daraus entsteht ja für Unbeteiligte wie für Betroffene jene Spannung, die uns die Sommerpause so unerträglich lang werden und uns aufatmen lässt, wenn es am 7. August heißt: Anpfiff.

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