Die legendärsten Platzstürme der Fußball-Geschichte

Rollstuhlflitzer und Bengalotore

Die abgelaufene Saison endete mit dem wohl meistdiskutierten Platzsturm der Bundesliga-Historie. Doch das war nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Wir haben die legendärsten Platzstürme der Geschichte gesammelt.

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Rollstuhl-Platzsturm und Medienschelte

England – Schottland
Schottland hatte 1977 den großen Bruder gerade sensationell mit 2:1 im Wembleystadion besiegt, da stürmten 40 000 enthemmte Kiltträger das nationale Wohnzimmer. Die Szenen liefen live im TV und sorgten für Bestürzung unter den Anhängern der »Three Lions«. Auch das ZDF übertrug und kommentierte trocken: »Ein rüdes Volksfest. Sicher nicht nach jedermanns Geschmack.«

Northampton Town – Rotherham United
Die Ordner staunten nicht schlecht, als der querschnittsgelähmte Northampton-Fan Derry Felton im Jahr 2011 zum Platzsturm ansetzte. Nach einem späten Ausgleichstreffer der Cobblers raste der euphorisierte 18-Jährige unter dem frenetischen Jubel der Fans in seinem Elektrorollstuhl auf den Rasen. Die verdutzten Ordnungskräften geleiteten den Platzstürmer zurück an die Seitenlinie.

Brasilien – Italien
Mit dem Abpfiff des WM-Finals 1970 brachen im Aztekenstadion alle Dämme. Nachdem einige Fans Superstar Rivelino bereits Schuhe, Socken und das Trikot entrissen hatten, machten sie sich schließlich sogar an seiner Hose zu schaffen. Erst das beherzte Eingreifen von Mitspieler Tostao konnte Rivelino vor einer Siegesfeier im Adamskostüm bewahren.

Rapid Wien – Austria Wien
Ein Platzsturm während des Wiener Derbys im Jahr 2011 sorgte in Österreich für Diskussionen. Der ORF kühlte das Thema auf eigenwillige Art ab. Als Rapid-Trainer Peter Schöttel in der Sendung »Sport am Sonntag« gastierte, stürmten auf Kommando hunderte Kinder das Studio. Der Moderator verlas daraufhin: »Soeben erfahre ich, dass wir mit einer neunwöchigen Studiosperre rechnen müssen.«

Boston Minutemen – New York Cosmos
Das Stadion war überfüllt, statt der erlaubten 12 000 drängelten sich 1975 in der US-Kirmesliga 18 000 Zuschauer auf den Rängen. Als Cosmos-Star Pelé nach Eusebios Führungstreffer zum Ausgleich traf, stürmten enthusiastische New Yorker den Platz und begruben den Brasilianer unter sich. Mit Verletzungen an Knie und Knöchel musste Pelé auf der Trage vom Platz getragen werden.

Road Riots und Bengalo-Tore

Atletico Bilbao – FC Barcelona
Bilbaos Trainer Clemente schäumte: »Der hat überhaupt keine Erziehung.« Gemeint war Diego Maradona, der während des spanischen Cupfinales 1984 eine Massenschlägerei auf dem Platz anzettelte, an der sich hunderte Zuschauer erfreut beteiligten. Verheerende Bilanz: 70 Verletzte mit Knochenbrüchen und Herzinfarkten. Kommentar der Zeitung »ABC« zu Maradona: »Eine komplette Null«.

Fortuna Düsseldorf – Hertha BSC
Nach »Panzerspähtrupp in der südrussischen Steppe« und »Angriff von Torpedofliegern auf die ›Prinz Eugen‹« sind sicher auch die Erinnerungen Otto Rehhagels an das zweite Relegationsspiel 2012 demnächst als Sonderausgabe des »Landser« erhältlich: »Ich habe 1943 in einem Keller im Ruhrgebiet gesessen, als uns die Amerikaner bombardiert haben.« Schlimmer war es nur 2012 in Düsseldorf.

England – Deutschland
Die berühmteste Reportage des englischen Fußballs beschrieb nahendes Unheil: »Some people are on the pitch«, hyperventilierte BBC-Reporter Kenneth Wolstenholme, als in den letzten Minuten des WM-Endspiels 1966 bereits Zuschauer über den Platz rannten. Dem Infarkt nahe röhrte Wolstenholme: »Sie denken, das Spiel ist bereits vorbei«, um dann erleichtert zu stöhnen: »Jetzt ist es vorbei!« 

Luton Town – Millwall FC
Der wohl längste Platzsturm der achtziger Jahre ging als »Kenilworth Road Riot« in die englische Fußballgeschichte ein. Vor, während und nach der Pokalpartie im Jahr 1985 lieferten sich Zuschauer wüste Hauereien. Unzählige Fans wurden verletzt, Polizisten flohen angsterfüllt aus dem Stadion, Sitze wurden dutzendweise herausgebrochen, und nach dem Spiel steckte ein Messer im Torpfosten.  

FK Buducnost – FK Lovcen
In der 103. Minute stürmte ein Ultra des FK Buducnost aus Montenegro anlässlich eines Freistoßes aufs Feld und zündete neben einer Spielertraube eine Bengalfackel. Optisch reizvoll, jedoch nur das Präludium zur Hauptattraktion: Ein weiterer Fan stürmte aufs Spielfeld, schnappte sich den Ball und schlenzte ihn aus 20 Metern ins Tor. Der Schiri erkannte jedoch nicht auf Treffer, sondern auf Abbruch.

Kniescheiben-Attacke, Herzenssturm

Colchester United - Brentford FC
Einen tierischen Platzsturm erlebte der englische Keeper Chic Brodie im Jahr 1970. Beim Aufnehmen eines Rückpasses fiel den Keeper ein Terrier an, der sich prompt in Brodies Knie verbiss. Ein BBC-Reporter kommentierte sarkastisch: »What a great tackle!« Brodie fand es nicht so lustig: Im Krankenhaus diagnostizierten die Ärzte einen Bruch der Kniescheibe und damit Brodies Karriere-Aus.

Eintracht Frankfurt - 1. FC Köln
Nach dem letzten Heimspiel stürmten die selbsternannten »Randalemeister« vom Main den Innenraum des Waldstadions. Erst als die Polizei eingriff, zogen sich die harten Jungs gen Block zurück und zertrümmerten dabei noch eine spezielle TV-Kamera. Kostenpunkt: 600 000 Euro. Nur gut, dass das High-End-Gerät kurz vor seinem Exitus noch gestochen scharfe Bilder vom Täter machen konnte.

Schalke 04 - SpVgg Unterhaching
Als nach dem 34. Spieltag der Saison 2001 60.000 glücksbesoffene Schalker über den Rasen des Parkstadions rollten, glaubten alle noch, dass sie den Gewinn der langersehnte Meisterschaft feiern würden. Lediglich Rudi Assauer versuchte die Massen zu beruhigen, ahnte er doch, dass im fernen Hamburg noch Patrik Andersson zum Freistoß bereitstand. Was blieb, war ein Platzsturm der Herzen.

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