Die kleinste Liga der Welt
24.12.2009

Die kleinste Liga der Welt

Eine Insel mit zwei Toren

Auf den Scilly-Insel roch es nie nach großem Fußball. Und doch sieht es so aus, aös modellierten  sie in den kleinsten Liga der Welt die glitzernde Fußballbühne in Miniaturformat nach. Wir haben mal eben rüber gemacht.

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Jacobo Benassi
Zwei Männer sitzen in einem Container. 50, vielleicht 60 Quadratmeter groß, ein Flughafenterminal. Regen peitscht gegen das Wellblech und durchtränkt die riesige Wiese vor den Toren – die Start- und Landebahn des »Land‘s End Airport«. Kevin Leeman und Ben Morton-Clark warten darauf, dass der Pilot die Propeller der Sechs-Personen-Cessna startet und sie nach St. Mary’s manövriert, der größten der 140 Scilly Inseln. Er tut es nicht.



Gegen Mittag werden bis auf weiteres alle Flüge wegen Unwetters gestrichen, und die Männer zucken mit den Achseln. Für Leeman, den Geografielehrer der St. Mary’s Secondary School, kein großes Unglück; es ist Samstag. Für Morton-Clark sieht die Sache anders aus. Er war längere Zeit auf dem Festland unterwegs, um seinen Bruder nach Neuseeland zu verabschieden. Der hochgewachsene Abwehrspieler der Woolpack Wanderers sollte am Sonntag im vierten Saisonspiel gegen die Garrison Gunners auflaufen. Nun steht er am Fenster, den 30-Liter-Rucksack auf dem Rücken, die Hand im Zehn-Tage-Bart. Es ist ein wichtiges Spiel, die Wanderers haben zwar die ersten drei Partien gewonnen, eines gar 13 : 3, doch am Sonntag, das weiß der 31-Jährige, werden die wichtigen Stützen der Gunners wieder genesen sein. Morton-Clark aber schimpft nicht aufs Wetter, er steht ruhig da und seine Blicke verlieren sich auf ausliegenden Postkarten und Prospekten, auf denen die Isles of Scilly aussehen wie karibische Inseln.

Den 30-Liter-Rucksack auf dem Rücken, die Hand im Zehn-Tage-Bart

Am Sonntag ist das Garrison Field, der einzige Fußballplatz auf St. Mary’s, aufgeweicht vom vielen Regen, und auch wenn die Wolken nun aufbrechen, fegen die Nordwinde unaufhörlich übers Spielfeld und die Spatzen kämpfen gegen die Böen, um nicht in den Klippen zu landen. Die Seemöwen suchen Schutz in den Buhnen. Der Ball klebt fast 90 Minuten in der südwestlichen Ecke des Feldes. Andy Hicks, 32, Außenstürmer der Garrison Gunners, steigt zum Kopfball hoch, es klatscht laut, Blut läuft aus einer Wunde und Hicks bleibt am Boden liegen. Doch dann rappelt er sich auf, und lässt sich an der Seitenlinie den Kopf verbinden. »Wie Terry Butcher«, denkt er und rennt mit einem Turban aus Mull zurück aufs Feld. Es läuft die 50. Minute. Ben Morton-Clark wird nicht mehr kommen.


Es ist das Schicksal der Scillonians: abgeschieden zu sein, abgeschnitten vom Rest, irgendwo dort, am ausfransenden Rand Europas. »Auch wenn wir das Festland sehen können, fühlt es sich hier bei Unwetter an wie das Ende der Welt«, sagt Andy Hicks. Es ist einer der Gründe, weshalb es auf St. Mary’s nur zwei Teams gibt, die Woolpack Wanderers und die Garrison Gunners. Unter den knapp 1700 Einwohnern gibt es zu wenig aktive Fußballer, und für die Mannschaften vom Festland würden Auswärtsfahrten auf St. Mary’s jedes Mal eine Odyssee bedeuten.

Das Schicksal der Scillonians: Abgeschiedenheit

Andy Hicks hat sich – wie Leeman, wie Morton-Clark, wie alle hier – längst mit der Insel-Situation arrangiert. Es ist für ihn der Alltag, er kennt es gar nicht anders, denn er lebt seit seiner Geburt hier. Nur einmal war Hicks längere Zeit fort, er studierte in Southampton Yachtdesign, später wechselte er zum Bootsbau. Wirklich heimisch fühlte er sich nie. »Manchmal glaubte ich, ich würde in der Stadt verlorengehen«, sagt Hicks heute. Er kam zurück nach St. Mary‘s, spielte seine erste Saison in der Scilly Football League und heuerte als Bootsbauer unten am Porthmellon Beach bei »Peter Martin‘s Boat Shed« an. 1998 war das. Diesen Winter bessert Hicks die Planken des Fischkutters »Snowy Owl« aus. »Langweilig?«, sagt Hicks, und seine markanten Wangenknochen treten hervor. »Langweilig ist es hier nie. Die Insel ist das Paradies. Und die Liga – warum sollte die langweilig sein? Es ist doch Fußball, Mann!«

Von November bis März, immer sonntags, treten die Gunners und die Wanderers in der Scilly Football League gegeneinander an, sechzehn Mal insgesamt, immer auf demselben Platz. Jede Woche wiederholt sich die Partie, mal heißt sie Woolpack Wanderers gegen Garrison Gunners, am nächsten Sonntag Garrison Gunners gegen Woolpack Wanderers. Manchmal fragt jemand: »Woher wisst ihr, dass diese Woche ein Heimspiel ist?« Die Spieler antworten dann: »Weil wir letzte Woche auswärts
gespielt haben.«

Sechzehnmal das gleiche Spiel

Was merkwürdig klingt, wird bei näherer Betrachtung noch grotesker, denn die Teams geben sich nicht mit der regulären Meisterschaft zufrieden. Als reiche es ihnen nicht, sechzehn Mal den Atem des immergleichen Gegenspielers im Nacken zu spüren, spielen sie, in Anlehnung an FA- und League-Cup, den Scilly-Foredeck- und den Wholesalers-Cup aus. Zudem gibt es am Boxing Day, dem zweiten Weihnachtstag, ein Spiel der Inselälteren gegen die Inseljüngeren, und zu Beginn jeder Saison wird das Charity Shield ausgespielt, bei dem, wie beim FA Community Shield, Pokalsieger und Meister der zurückliegenden Saison aufeinandertreffen. Hat eine Mannschaft Liga und Pokal gewonnen, spielt sie im Charity Shield gegen den Vize-Meister beziehungsweise Vize-Pokalsieger.


Andy Hicks ist eine treibende Kraft der Liga. Im Gegensatz zu vielen seiner leicht bis sehr stark übergewichtigen Mitspieler ist er fit wie ein Profi, letztes Jahr lief er auf der Nachbarinsel Tresco den ersten Marathon seines Lebens und wurde Zweiter. In das landläufige Bild eines bärbeißigen Insulaners passt er nicht. Hicks mag elektronische Musik, spielt Videospiele und sammelt Fußballtrikots aus aller Welt. Und er redet viel, schnell, die Worte purzeln mitunter aus seinem Mund, so dass sie sich immer wieder überschlagen. Ein Enthusiast.

»Big G« und die große Erleichterung

Wenn er von großen Partien und legendären Spielern der Scilly Football League berichtet, leuchten seine Augen wie die eines Kindes zur Weihnachtszeit. »Vor vielen Jahren gab es diesen Typen, Garraf Torrens, wir nannten ihn ›Big G‹«, erinnert sich Hicks. »Er stolperte ständig über seine Beine, doch er kam immer wieder und wir stellten ihn auf, denn er war ein guter Junge. Dann kam es zum entscheidenden Match, und wir brauchten ein Tor. Plötzlich fiel ihm der Ball genau vor die Füße, einen Meter vor der Torlinie – und alle hielten die Luft an.« Hicks atmet hastig, er spielt am Reißverschluss seines Arsenal-Sweaters, und dann zeichnet er die Szene mit dem Zeigefinger in die Luft. Hier der Ball, dort der Fuß, das Tor war leer. Big G holte aus und schoss – an den Pfosten. Hicks brach innerlich zusammen. Doch er schaute noch einmal hin und sah, wie der Ball vom Pfosten die Linie entlang hinein ins Tor kullerte. »Nie wieder«, sagt Hicks, »habe ich so viel Erleichterung und Stolz im Gesicht eines Menschen gesehen...«

Die vollständige Reportage über die verrückte Fußballwelt auf den Scilly Islands könnt Ihr in der aktuellen Ausgabe von 11FREUNDE lesen. Jetzt im Handel!
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